Zu hohe Phosphatwerte
Des Klärmeisters Abwasser-Probleme: So hält Günter Grasberger die Wasserburger Anlage am Laufen
Seit 20 Jahren überwacht Günter Grasberger die Kläranlage in Wasserburg. Er muss dafür sorgen, dass die Grenzwerte eingehalten werden, ehe das gereinigte Abwasser in den Inn fließt. Doch nicht immer läuft alles glatt.
Wasserburg am Inn – Günter Grasberger hat ein Problem. Es ist 11.30 Uhr und er lehnt in seinem Bürosessel. Auf seinem Eck-Schreibtisch stehen Telefon, Tacker und drei Computerbildschirme. Ein Mitarbeiter aus dem Labor eilt zu ihm und sagt, dass er die Phosphatwerte gemessen habe und diese zu hoch seien. Grasberger schaut auf den mittleren seiner Bildschirme, doch dort bestätigt sich diese Nachricht nicht. Die Linie schlängelt auf niedrigem Niveau. Irgendetwas scheint nicht zu stimmen.
Seit 20 Jahren der Klärmeister
Grasberger ist 47 Jahre alt und ein pragmatischer Mensch. Er trägt Sicherheitsschuhe, eine Arbeitshose und Kappe. Aus der Ruhe bringen lässt er sich selten. Seit 20 Jahren leitet er die Kläranlage in der Odelshamer Au. Er klärt das Abwasser von rund 15.000 Einwohnern, die in Wasserburg, Eiselfing und Edling wohnen. Erst wenn das Wasser sauber ist, darf es in den Inn fließen.
Von seinem Büro im Hochparterre des Betriebsgebäudes aus hat Grasberger die Anlage im Blick. Das mit Essensresten, Feuchttüchern und Exkrementen verunreinigte Wasser kommt im Rechenhaus an. Hier fischen zwei Rechen alle Partikel, die größer als drei Millimeter sind, heraus. Dann läuft das Abwasser durch vier Becken, die kleinere Partikel und schädliche Stoffe herausfiltern oder zersetzen. Zwischen den Becken steht kurzer Rasen, die Margeriten blühen und am Geländer des Betriebshauses hängen Geranien.
Auf dem Gelände riecht es leicht muffig. Grasberger stört das nicht. „Mit Dreck hatte ich noch nie ein Problem“, sagt er. „Wobei man hier bei der Arbeit normalerweise nicht schmutzig wird.“
Er und seine sechs Mitarbeiter kümmern sich um die Anlage und werten Abwasserproben aus. Günter Grasberger „koordiniert dabei im Hintergrund“, wie er sagt. Seine Arbeit genauer zu beschreiben, sei schwierig. „Letztlich versuche ich, so wenig wie möglich zu tun zu haben“, sagt er und lacht. Grasbergers Ziel ist, dass es keine Störungen gibt und die Anlage läuft.
Stickstoffwerte kratzen an Obergrenze
Am meisten Ärger bereitet ihm der Stickstoff. Die Messwerte kratzen fast täglich am erlaubten Grenzwert, selten übersteigen sie ihn sogar. Schuld daran ist, dass es immer mehr Einwohner und dadurch mehr Abwasser gibt. Die Wasserburger Kläranlage ist an ihrer Kapazitätsgrenze angekommen. Unter anderem deswegen soll sie bis Ende 2027 um ein Becken erweitert werden. Rund 10 Millionen Euro investiert die Stadt dafür.
An diesem Juni-Tag sind es jedoch die Phosphatwerte, die ihm Probleme machen.
Durch Waschmittel gelangt Phosphat ins Abwasser. Dieses muss die Kläranlage herausfiltern. Würde es in großen Mengen in ein Gewässer einfließen, könnten viele Fische sterben. Damit das nicht passiert, läuft ein Mittel mit dem Stoff Eisen(III) – gesprochen: Eisen-Drei – automatisch ins Abwasser. Dieses bindet das Phosphat und heftet sich an Schlammpartikel. Der Schlamm samt Phosphat wird dann in den Faulturm gespült.
Mitarbeiter kontrollieren Abwasserwerte im Labor
Wie viel Eisen(III) im Klärwasser benötigt wird, misst ein im Becken integriertes Gerät. Je mehr Phosphat im Abwasser ist, desto mehr Eisen(III) braucht es. Doch Grasberger und seine Mitarbeiter kontrollieren das Phosphat auch jeden Tag händisch im Labor.
Es ist 7.30 Uhr. Christoph Steger, 43 Jahre alt, trägt Sicherheitsschuhe, Arbeitshose sowie Kappe und arbeitet seit zehn Jahren auf der Kläranlage. Aus dem Labor holt er zwei Eimer und geht nach draußen zum Nachklärbecken. Er öffnet eine Box aus Metall am Rande des Beckens. Darin befinden sich zwei Behälter. Einer davon beinhaltet eine zwei Stunden alte Probe des auslaufenden Abwassers. Der andere eine 24 Stunden alte Probe. Steger schüttet die Flüssigkeiten in seine Eimer.
Im Labor des Betriebsgebäudes reihen sich Fläschchen mit verschiedenen Substanzen, Messbechern aus Glas oder Plastik und Pipetten aneinander. Auf dem rot-gefliesten Labortisch steht eine Kochplatte. Steger gießt einen Liter seiner Proben in einen Messbecher und erhitzt die Flüssigkeit auf 20 Grad. Dann gibt er ein paar Tropfen davon mit einer Pipette in eine Küvette. Die kleinen, durchsichtigen Behälter enthalten bereits ein Reaktionsmittel. Steger kocht die Mischung auf, lässt sie abkühlen und steckt sie dann in ein fotometrisches Auswertungsgerät.
Im Abwasser, das in den Inn fließt, sind zwei Milligramm Phosphat pro Liter erlaubt. Steger liest die Ergebnisse vom Display ab: 2,94 und 2,96 Milligramm Phosphat pro Liter. „Das gefällt mir gar nicht“, sagt er.
Rund viermal im Jahr wird die Kläranlage vom Wasserwirtschaftsamt kontrolliert. Ist der Phosphatwert zu hoch, kann das Strafzahlungen im hohen fünftstelligen Bereich nach sich ziehen, berichtet Grasberger.
Automatische Messung zeigt weiterhin niedrigen Wert
Eigentlich hätten zu hohe Phosphatwerte bereits dem integrierten System der Kläranlage auffallen müssen. Christoph Steger schaut auf die Anzeige der automatischen Messung. Diese zeigt einen Wert von 0,5 Milligramm pro Liter an. Hat die automatische Messung einen Fehler? Oder sind die händischen Proben falsch?
Es ist 11.30 Uhr. Steger eilt ins Büro zu Grasberger und erzählt ihm, dass die Ergebnisse der Phosphat-Auswertungen nicht zusammenpassen. Grasberger schaut sich das Diagramm der automatischen Messung am Bildschirm an. Auch wenn hier die Werte im niedrigen Bereich sind, zieht er mit der Maus den Regler für das Mittel mit Eisen(III) nach oben. Denn sollte das Gerät einen Fehler haben und wirklich zu viel Phosphat im Abwasser sein, muss er sofort reagieren.
Mein Gefühl sagt mir, dass hier etwas nicht stimmt.
Danach hält Grasberger kurz inne und überlegt. „Mein Gefühl sagt mir, dass hier etwas nicht stimmt.“ Und auf sein Gefühl muss Grasberger oft vertrauen. Denn das sei bei der Arbeit in der Kläranlage essenziell. Jede Anlage sei ein individuelles System. „Was in Wasserburg funktioniert, gilt nicht für jede Anlage.“
Grasberger hat seine Lehre in der Wasserburger Kläranlage absolviert. Er weiß, wie viel Strom die Kläranlage verbraucht, wie viel durch Solarenergie und wie viel durch die Verbrennung des Gases im Faulturm entsteht. Grasberger blickt den Kollegen Steger an, nimmt seine Kappe vom Kopf und fährt sich durch die kurzen blonden Haare. Dann sagt er: „Du gehst jetzt mal in den Keller und holst eine neue Packung Küvetten.“
Das Problem ist gelöst
Steger kommt mit der neuen Packung zurück und analysiert zwei weitere Proben. Die Ergebnisse: 0,74 und 0,83 Milligramm Phosphat pro Liter. Dass die Werte der Laborproben ein wenig höher ausfallen als die der automatischen Messung, ist normal.
Gegen 12 Uhr zieht Grasberger den Regler für das Eisen(III) mit der Maus wieder nach unten. „Hier war wohl ein Teil der Küvetten fehlerhaft“, sagt er. Grasberger hat das Problem gelöst. Die Anlage läuft.

