Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Blick hinter Kulissen des Märchenkönigs

Technik-Wunder von Herrenchiemsee: So wurde die 60.000-Liter-Badewanne von Ludwig II. beheizt

Im Heizungskeller von Schloss Herrenchiemsee mit Schlossführerin Sophia Huber.
+
Im Heizungskeller von Schloss Herrenchiemsee mit Schlossführerin Sophia Huber.

Schloss Herrenchiemsee sieht nicht nur von außen faszinierend aus, sondern birgt auch innen viele Geheimnisse. Zum Beispiel die Technik-Wunder aus der Zeit des Märchenkönigs Ludwig II. von Bayern. Ein spektakulärer Blick hinter die Kulissen.

Chiemsee - Wie bekommt man es hin, 33 Leuchter mit zig Kerzen anzünden, um einen Saal einen Abend lang auszuleuchten? Und wie beheizt man eine 60 000 Liter fassende Badewanne? Diese und viele andere Details mehr verriet Schlossführerin Sophia Huber bei einer Technikführung auf Schloss Herrenchiemsee. Die Bayerische Schlösser- und Seenverwaltung gewährte für wenige Tage unter dem Titel „Traumwelt und Technik – wie Ingenieure die technischen Ideen Ludwigs II. Wirklichkeit werden ließen“ einen Blick hinter die Kulissen.

Neun Millionen handgefertigte Ziegel

Über eine unscheinbare Tür auf der linken Seite führt die Schlossführerin in ei nschmaleres, mit Marmor aus Arco ausgestattetes Treppenhaus: „Hier wandelt ihr auf den Spuren des Märchenkönigs.“ Denn schon König Ludwig II (1845-1886) nutzte das Arco-Treppenhaus während seines kurzen Aufenthalts im September 1885. Huber kommt dann auf die technischen Raffinessen hinter der Fassade - das Schloss, komplett unterkellert, ist aus über neun Millionen handgefertigten Ziegeln erbaut.

70 Zimmer hat das Schloss, davon sind nur 20 hergestellt, der Rest ist Rohbau. Der vielseitig interessierte und technikbegeisterte Regent sei stets auf dem neusten Stand gewesen, was aktuelle Entwicklungen anging. So besuchte er beispielsweise 1867 die Pariser Weltausstellung und nutzte die neusten Erfindungen zur Realisierung seiner eigenen Visionen. Sei es der vergoldete Prunkschlitten mit batteriebetriebener Beleuchtung (die Batterie war unter dem Sitz versteckt) oder die künstliche Grotte in Schloß Linderhof, die von 24 Generatoren betrieben, die Grotte ausleuchtete: Bayerns erstes Elektrizitätswerk.

Das Keller-Wunder

Übers Treppenhaus geht es auf verschlungenen Wegen hinunter in den Keller. In den Kellerräumen lagerte Holz und Kohle, denn von hier aus wurde über die Calorifère-Heizung geheizt, erläutert Sophia Huber. Dabei wird der heiße Rauch durch das Rauchrohr geführt, das somit erwärmte Rohr wärmt die sich im Raum befindliche Luft auf, die dann über Warmluftkanäle in die zu beheizenden Räume geführt wird. Von außen kann Frischluft über einen Schieber zugeführt werden. Und damit die Luft in den zu beheizenden Räumen nicht allzu trocken wird, sind in dem calorifèren Raum halbzylindrische mit Wasser befüllte Rohre eingelassen, die so die Luftfeuchtigkeit regeln.

Klappen in Verbindung mit den Rohrschlangen können von außen geöffnet werden und dienen der Rohrreinigung. Die Kachelöfen in den einzelnen Räumen dienen nur der Zierde. Viele der Rohre sind heute zugemauert, funktionieren also nicht mehr. „Ein Wunderwerk der Technik,“ sind sich die Besucher einig. Zum Beheizen der marmornen Badewanne, gestützt von noch heute teilweise erhaltenen Doppel-T-Eisen-Trägern, gab es einen eigenen Keller. Über Leitungen wurde das Seewasser in einen Hochbehälter in einen 1907 abgerissenen Seitenflügel gepumpt, ehe es, schubweise erwärmt, über sich verjüngende Leitungen in der Pool weitertransportiert wurde. Über Klappen konnte zudem Luft ins Badezimmer geführt werden.

„Da will ich auch mal baden“

„Da will ich auch mal baden,“ sagt Florian (9). Nicht einmal der König habe hier gebadet, erwidert die Schlossführerin. Vier Stockwerke höher liegt der Dachboden. An einer Stelle steht noch ein ältlich wirkender Generator, an einer anderen Stelle hängt an der Wand eine blaue Hand-Kurbel. Damit konnten die 300 bis 400 kg schweren Kronleuchter abgesenkt werden, um das Anzünden der Kerzen zu erleichtern, erläutert die Schlossführerin. Auch wenn es teilweise schon elektrische Beleuchtung gegeben habe, habe sich der Monarch im Spiegelsaal in die Zeit Versailles zurückversetzen wollen.

Was wie eine moderne Industriekonstruktion anmutet, ist die bis heute erhaltene Eisen-Träger-Glasdachkonstruktion direkt über dem Prunktreppenhaus im Schloss Herrenchiemsee

Mit der Planung und Umsetzung waren unter anderem Alois Zettler und Sigmund Schuckert betraut, die bis heute zu den Pionieren der Elektrotechnik zählen. Nächstes Highlight ist die Eisen-Träger-Glasdachkonstruktion direkt über dem Prunktreppenhaus, das genau nach Versailler Vorbild gestaltet ist, aber dank der Überdachung modern und transparent wirkt. „Die Eisenkonstruktion ist noch original erhalten,“ sagt Huber noch. Über die Feuerwehrangriffstreppe geht es wieder zurück ins Erdgeschoß: Vorbei am Tischlein- Deck-Dich, dem versenkbaren Speisetisch: „Auch nie benutzt. Gekocht wurde im ehemaligen Augustinerkloster.“

Traumwelt und Technik vereint

Beim Abschied gibt Huber noch mit, dass die Wittelsbacher Ludwigs Schlösser, die nie ein Fremder betreten sollte, sechs Wochen nach seinem Tod öffneten. Weil hochverschuldet. Und doch bis heute faszinierend. Weil Traumwelt und Technik hier verbunden sind.

Kommentare