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Fit machen für die Zukunft

Quagga-Invasion am Chiemsee: Zwei junge Fischer kämpfen mit Mut und Ideen um 400 Jahre Tradition

Ein junges Paar mit einem kleinen Mädchen vor einem künftigen bauprojekt
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Martin Schönleitner und Verena Stephan (hier mit ihrer jüngeren Tochter) krempeln die über 400 Jahre alte Chiemseefischerei Stephan um.

Einfach weiter so? Ist keine Option. Nicht, wenn Quagga-Muschel und Klimawandel die Existenzgrundlage bedrohen. Zwei junge Chiemseefischer machen ihren über 400 Jahre alten Betrieb fit für die Zukunft.

Prien am ChiemseeMut oder Verzweiflung? Verena Stephan lacht auf diese Frage hin. Es ist wohl eine Mischung aus beidem. Sie und ihr Mann Martin Schönleitner, beide studierte Betriebswirte und ausgebildete Fischwirte, haben vor acht Jahren die über 400 Jahre alte Chiemseefischerei Stephan übernommen. Eine bewusste Entscheidung. Klar war von Anfang an: „Wenn wir das machen, machen wir‘s gründlich.“

Die alte Halle, lange nur als Lager genutzt, wurde umgebaut zu Laden, Bistro und Küche, vor der Tür lädt ein Biergarten ein. Eine große Investition, aber den beiden war klar, dass es anders nicht mehr geht. „Wir hatten ein gutes Fundament, der Betrieb lief gut, wir waren sicher, hier etwas schaffen zu können“, sagt Verena Stephan. Die Entscheidung hat sich als gut erwiesen. Nicht nur am Freitag ist in der Gastronomie gut was los; der Fischladen läuft. 80 Prozent ihrer Kunden sind Stammkunden. Aus allen Altersgruppen, verschiedenster Weltanschauung und mit ganz unterschiedlichem finanziellen Hintergrund, freut sich Verena Stephan.

Nun ist das nächste Projekt geplant: Anstelle des alten Garagengebäudes soll ein neues Gebäude entstehen, in dem wieder Garagen unterkommen, dazu im Erdgeschoss ein kleiner Selbstbedienungsladen mit Nebenräumen. Darüber zwei Ferienwohnungen und ein Büro. Fünf zusätzliche Stellplätze wären nötig, ein Dutzend hat das Paar hinter dem Grundstück geplant; große Ausgleichsfläche inklusive. „Die Situation mit den parkenden Autos an der Straße ist einfach gefährlich“, sagt Verena Stephan. Die Anbindung soll über eine zentrale Einfahrt zur Staatsstraße erfolgen. Der Bauantrag lag jetzt dem Bau- und Umweltausschuss der Marktgemeinde vor.

Die betroffenen Flächen liegen außerhalb der im Zusammenhang bebauten Ortsteile und werden daher nach § 35 BauGB als sogenanntes Außenbereichsvorhaben beurteilt. Nach Abstimmung mit dem Landratsamt als Genehmigungsbehörde dient das Projekt allerdings einem landwirtschaftlichen Betrieb und ist damit laut Baugesetzbuch privilegiert. Da sich beide Grundstücke – das mit der bestehenden Garage und das Nachbargrundstück für die Stellplätze – im Geltungsbereich der Priental-Schutzverordnung befinden, werden die Belange des Natur- und Umweltschutzes aktuell durch die untere Naturschutzbehörde bewertet. „Da laufen noch Gespräche“, berichtet Verena Stephan.

Im Bauausschuss Thema: Das Parken an der Staatsstraße. Bislang geduldet, aber nicht befriedigend. Mehrere Ausschussmitglieder äußerten die Hoffnung, dass die neuen Parkplätze dafür sorgen werden, dass keine Autos mehr in Nachbars Wiese parken. „Die Hoffnung haben die Bauherren wohl auch, sonst würden sie nicht zwölf Plätze ausweisen, wenn fünf auch reichen würden“, kommentierte Bürgermeister Andreas Friedrich (ÜWG) trocken. Einwände hatte niemand, der Bauantrag ging einstimmig durch.

Neben dem Mut, noch etwas Neues zusätzlich anzupacken, spielt aber auch die Verzweiflung – eigentlich die Angst – eine Rolle. „Vor der Quagga-Muschel haben wir richtig Angst. Die zerstört ganze Ökosysteme“, sagt Verena Stephan. „Wir“ sind in diesem Falle die 16 Berufsfischer am Chiemsee. Die Quagga-Muschel, ursprünglich im Schwarzen Meer beheimatet, ist extrem gut beim Filtern des Wassers – was das Nahrungsangebot für Renke, Hecht, Brachse, Wels und andere Fische im See knapp macht.

Sie vermehrt sich noch dazu mit rasender Geschwindigkeit, jede Muschel bringt es auf eine Million Nachkömmlinge im Jahr. 2024 seien noch wenige Exemplare zu finden gewesen, „heute ist sie überall im See, wuchert alles zu“. Verena Stephan setzt noch ein wenig Hoffnung in die Brachsen, die neben Larven auch gerne auch Muscheln auf ihre Speisekarte setzen. Vernichten? Nein, bestenfalls eindämmen, befürchtet Verena Stephan.

Eine berechtigte Befürchtung, glaubt man der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg, die sich die Lage am Bodensee angesehen hat. In dem, so die Experten, könnte es 2040 aussehen wie im Lake Michigan in den USA, wo die Quagga-Muschel 35 Jahre nach ihrem Auftauchen rund 90 Prozent der Biomasse im See ausmacht. Der Lake Michigan ist etwa 725 Mal so groß wie der Chiemsee.

90.000 Kilo Fisch haben die Berufsfischer 2024 aus dem Chiemsee geholt, davon 70.000 Kilo Renken. „Das war mal wieder ein anständiges Jahr“, blickt Verena Stephan zurück. Wie sich der Neuankömmling Quagga, vermutlich an Bootsrümpfen und Paddleboards aus anderen Seen oder Flüssen mitgebracht, auf den künftigen Ertrag auswirkt? Kann heute nur vermutet werden. Als Ersatz für Renke und Co. kommt sie nicht infrage: Zu klein und damit wirtschaftlich uninteressant, zu zäh und als Filtrierer möglicherweise auch noch schadstoffbelastet. Also kaufen Stephans die Fische, die sie nicht selbst fangen, weiter bei Teichwirten in der Region.

Sie haben sich entschieden, einen über 400 Jahre alten Betrieb zu übernehmen, die Verena Stephan und der Martin Schönleitner. Heute, acht Jahre, zwei Töchter, tausende von frühen Morgenstunden auf dem See und noch viel mehr investierte Euro später, sagt Verena Stephan: „Wir haben die Entscheidung nie bereut.“

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