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17 Prozent weniger Lohn?

„Totale Verzweiflung“: Romed-Klinik zeigt sich solidarisch mit protestierenden Hebammen

Marlene Ottinger und Erika Diller (von links) sind die Sprecherinnen des Hebammenhauses Wasserburg. Sie schlagen Alarm: In ihren Augen ist die Geburtshilfe, die an bayerischen Kliniken in erster Linie durch Beleg-Hebammen geleistet wird, in Gefahr.
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Marlene Ottinger und Erika Diller (von links) sind die Sprecherinnen des Hebammenteams Wasserburg. Sie schlagen Alarm: In ihren Augen ist die Geburtshilfe, die an bayerischen Kliniken in erster Linie durch Beleg-Hebammen geleistet wird, in Gefahr.

„Wir können es nicht fassen“: Auch den 13 Beleg-Hebammen an der Romed-Klinik Wasserburg droht eine Lohnkürzung – um mindestens 17 Prozent. Marlene Ottinger und Erika Diller, Sprecherinnen des Hebammenteams, sehen die Geburtshilfe bedroht. Warum die Romed-Geschäftsführung ihre Kritik teilt.

Wasserburg am Inn/Rosenheim/Mühldorf „Wir stehen solidarisch zu unseren Hebammen und fordern Nachverhandlungen mit dem Ziel einer adäquaten Honorierung. Das ist aus meiner Sicht absolut notwendig, damit auch in Zukunft die Versorgung von Schwangeren in den Kliniken durch Beleghebammen sichergestellt werden kann“, nimmt Dr. Ulrich Schulze, Geschäftsführer des Romed-Klinikverbunds, mit deutlichen Worten Stellung zu einem Problem, das die Geburtshilfe in Gefahr bringen könnte: Beleg-Hebammen in den Kliniken drohen laut eines neuen Vertrags, der im November in Kraft treten soll, Einkommenseinbußen von mindestens 17 Prozent.

Dr. Ulrich Schulze wird neuer Geschäftsführer der Romed-Kliniken.

Beleg-Hebammen sind Freiberuflerinnen, sie haben als Selbstständige mit dem Krankenhaus einen Versorgungsvertrag abgeschlossen. Sie sorgen dafür, dass eine Geburtsklinik wie beispielsweise jene am Romed-Krankenhaus Wasserburg stets mit einer diensthabenden Fachkraft und einer in Ruf-Bereitschaft besetzt ist: rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr. Ein System, das laut Schulze an fast allen bayerischen Kliniken Alltag ist und sich bewährt hat: „Die Geburtshilfe ist qualitativ auf hohem Niveau und die Versorgung der werdenden Mütter verläuft gut und individuell.“

Seit Jahren ist die Geburtenzahl an der Romed-Klinik Wasserburg konstant hoch.

882 Geburten gab es 2024 in der Romed-Klinik Wasserburg. Den Frauen, die auch aus benachbarten Landkreisen wie Mühldorf in Wasserburg entbinden, standen 13 Beleg-Hebammen zur Seite. Das waren im Schnitt rund 68 Säuglinge, die jede einzelne von ihnen zur Welt gebracht hat.

„Wir fühlen eine große Ohnmacht“

Erika Diller, seit 44 Jahren im Dienst, hat schon über 3.000 Babys auf dem Weg ins Licht der Welt begleitet, Kollegin Marlene Ottinger übt den Beruf, der auch für sie eine echte Berufung ist, schon seit 36 Jahren aus. Es gab in diesen Jahren einige Krisen, doch derzeit sind Diller und Ottinger, Sprecherinnen des Hebammenteams der Romed-Klinik Wasserburg, so verzweifelt wie noch nie zuvor. Der Grund: eine Neuregelung der Vergütung, die im November 2025 in Kraft treten soll. Der Abrechnungsdienstleister AZH kommt nach eigenen Angaben zu folgendem Ergebnis: Das neue System werde bei Beleg-Hebammen-Teams durchschnittlich zu Vergütungseinbußen von 17,9 Prozent im Vergleich zu 2018 und 27,2 Prozent im Vergleich zu heute führen. „Wir können es nicht fassen“, sagt Ottinger. „Wir fühlen eine große Ohnmacht.“

Wie kann es sein, dass einer Berufsgruppe, die mit Menschen arbeitet und eine hohe Verantwortung für neues Leben trägt, derart mitgespielt wird? Laut den Sprecherinnen des Hebammenteams ist bei den Honorarverhandlungen einiges schiefgegangen. Am Tisch saßen der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkasse (GKV) und die drei Verbände der Hebammen. Der DHV als größter vertritt 23.000 Mitglieder, angestellte und auch freiberuflich tätige Beleg-Hebammen wie jene in Wasserburg, die beiden kleineren mit etwa 700 Mitgliedern die Hebammen, die überwiegend in Geburtshäusern tätig sind oder Hausgeburten betreuen. Zusammen haben die Verbände trotz unterschiedlicher Größe drei Stimmen. Ebenfalls drei Stimmen legt laut Diller und Ottinger die GKV in die Waage, weitere drei Stimmen haben Schiedsleute.

Einseitig Beleg-Hebammen benachteiligt

Die Mehrheit bekam am Ende der sich seit 2021 hingezogenen Verhandlungen einen Hebammen-Hilfevertrag, der die seltene außerklinische Geburtshilfe aufgewertet habe und finanzielle Verbesserungen für angestellte Hebammen vorsehe, dafür aber einseitig Beleg-Hebammen wie jene an der Romed-Klinik Wasserburg bei der Vergütung benachteilige, ärgern sich Diller und Ottinger.

Die Krux: Bisher konnte eine Hebamme, wenn sie zwei Frauen gleichzeitig betreute, für jede die erbrachte Leistung zu 100 Prozent in Rechnung stellen. Betreut sie aber eine zweite oder in Ausnahmefällen eine dritte Frau, erhält sie die zusätzlichen Leistungen nach der geplanten Neuregelung nur noch zu 30 Prozent vergütet, trotz gleicher Betreuung und Verantwortung.

Eine Sanktionierung, welche die Eins-zu-Eins-Betreuung fördern soll. Sie ist laut Diller und Ottinger ein erklärtes Ziel, dem in Deutschland vor allem die Beleg-Hebammen besonders nah kämen: 60 Prozent der Geburten, die Beleg-Hebammen in kleineren Kliniken begleiten würden, seien Eins-zu-Eins-Betreuungen, etwa 30 Prozent in größeren Kliniken. Weitaus geringer sei diese Quote in Kliniken mit angestellten Hebammen: Hier liege sie laut statistischen Erhebungen bei zwei Prozent.

„Die Forderung einer Eins-zu-Eins-Betreuung einer Entbindenden durch eine Hebamme ist aus qualitativen Gründen wünschenswert“, unterstreicht auch Schulze. „Angesichts steigender Kosten halten wir einen Rückgang des Einkommens der Hebammen jedoch für unvertretbar. Da die Vergütungen die Hebammenverbände direkt mit dem GKV, dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen, verhandelt werden, haben wir auf diesen Prozess keinen direkten Einfluss. Wir stehen jedoch solidarisch zu unseren Hebammen und fordern Nachverhandlungen.“

„Das ist sehr, sehr unfair“

„Wir sollen für 100 Prozent Leistung bei der zweiten Frau nur 30 Prozent Vergütung bekommen. Das ist sehr, sehr unfair“, finden Diller und Ottinger. Letztere sieht in der geplanten Vergütungsregelung ein Zeichen dafür, dass das Beleg-Hebammen-System untergraben werden soll. Dabei habe es sich auch strukturell und in Bezug auf die Betreuungsqualität bewährt: Die freiberuflich tätigen Geburtshelferinnen in den Kliniken hätten eine hohe Flexibilität, viele von ihnen seien sehr erfahren. Viele Schwangere würden ihre Hebamme schon aus der Vorbereitungszeit auf die Geburt kennen, auch die Nachsorge liege in deren Händen: ein Vertrauensverhältnis, das Sicherheit schaffe. All das komme den Schwangeren und Müttern zugute.

„Damit rechnet sich dieser Beruf nicht mehr“

Auch die Vergütung über ein System von Pauschalen und Zuschlägen habe bisher einigermaßen gestimmt. Doch jetzt ständen hohe Kürzungen an. Außerdem wird das Abrechnungssystem nach Angaben der Hebammen noch komplizierter und erfordert noch mehr bürokratischen Dokumentationsaufwand. Die Aufregung ist deshalb groß. „So geht es gar nicht mehr“, sagt Ottinger. Zum 1. Mai habe es zwar den gewünschten Inflationsausgleich von zehn Prozent gegeben, doch mit der geplanten neuen Vergütung sinke das Honorar um bis zu 27 Prozent. „Das sind umgerechnet dann 17 Prozent weniger als das, was wir 2018 verdient haben. Damit rechnet sich dieser Beruf nicht mehr“, findet Ottinger.

Sie spricht von einer „totalen Verzweiflung“ bei vielen Kolleginnen. Und sieht die Versorgung von Schwangeren in Gefahr. In Bayern seien 80 Prozent der Hebammen an den Kliniken freiberuflich tätig. Würden als Folge der Einkommeneinbrüche viele Geburtshelferinnen aufhören, neue gar nicht erst anfangen, weil mit der Vergütung keine Familie ernährt werden könne, könne das dramatische Folgen haben. Diller und Ottinger befürchten einen Zusammenbruch des bewährten Systems.

„Viele von uns sind emotional am Ende“, sagen die Sprecherinnen. Diller erinnert an die große Verantwortung, die Hebammen tragen. „Wir arbeiten mit Menschen, die sich naturgemäß immer im emotionalen Ausnahmezustand befinden. Es betrifft fast immer drei Menschen: Kind und Eltern. Ich empfinde die neue Regelung als Angriff, vor allem auf die Frauen“, sagt Ottinger.

Proteste und eine Klage?

Sie hofft auf eine Nachbesserung, politischer Druck, etwa aus Reihen der Landkreise, sei notwendig. Geplant sei auch eine Klage gegen den Vertrag, falls er so wie geplant komme. Die Hebammen, die für ihr Anliegen auch schon auf die Straße gegangen sind, wünschen sich außerdem Unterstützung aus der Bevölkerung. „Denn wenn der Berufsstand der Beleg-Hebammen finanziell ausgehungert und kaputt gemacht wird, gerät die Versorgung von Müttern und Neugeborenen vor allem auf dem Land in Gefahr.“

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