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Neue Vergütung für Hebammen ab November

Hebammen schlagen Alarm: „Die Geburtshilfe wird zusammenbrechen“

Hebammen (von links) Sandra Auffarth, Melanie Riedl und Levke Sahm
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Sie sorgen sich um ihre Zukunft sowie um die Geburtshilfe am „InnKlinikum“ Altötting: die Hebammen (von links) Sandra Auffarth, Melanie Riedl und Levke Sahm.

Die Hebammen am „InnKlinikum“ Altötting-Mühldorf schlagen Alarm: Ab November 2025 könnten sie für die gleiche Arbeit bis zu 30 Prozent weniger Geld bekommen. Sie befürchten das Ende der Geburtshilfe in der bisherigen Form.

Mühldorf/Altötting – Levke Sahm (46), Sandra Auffarth (52) und Melanie Riedl (30) sind freiberufliche Hebammen und arbeiten am „Innklinikum“ Altötting-Mühldorf. Sie leben für ihren Beruf – und denken trotzdem darüber nach, ihn aufzugeben. Ab November drohen ihnen bis zu 30 Prozent weniger Einnahmen – bei gleicher Arbeit. „Dann wird die Geburtshilfe zusammenbrechen“, prophezeit Auffarth.

Grund ist der neue Hebammenhilfevertrag, also der Vergütungsvertrag zwischen dem Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) und den drei Hebammenverbänden, den die Schiedsstelle nach den gescheiterten Verhandlungen festgelegt hat. Der genaue Text sei noch nicht öffentlich, aber es gibt erste Zahlen – und die seien alarmierend, sagt Sahm, die das Altöttinger Hebammenteam leitet. 

Nur noch 80 und 30 Prozent des Stundenlohns

„Wir bekommen für unsere erste Patientin nur noch 80 Prozent vom ausgehandelten Stundenlohn“, schildert Auffarth. Statt 74,28 Euro gebe es ab November nur noch 59,42 Euro. Sollten gleichzeitig noch eine zweite oder dritte Schwangere entbinden, gebe es dafür nur noch 30 Prozent der 80 Prozent. Und für eine vierte Frau, die entbindet, „kriegen wir gar nichts mehr“. 

„Man kann nicht Löhne reduzieren für die gleiche Arbeit“, sagt Sahm. „Das ist ja verrückt, das ist einfach unfair.“

Die GKV wolle mit dem neuen Vertrag die Eins-zu-eins-Betreuung stärken, sagt Auffarth. „Aber die Geburtshilfe lässt sich nicht planen. Wir können nicht unendlich viele Rufbereitschaften im Hintergrund halten, die gar nicht honoriert werden.“ Das Ziel sei unmöglich zu erreichen. 

Selber vorsorgen und versichern

Als freiberufliche Hebammen zahlen die Frauen von ihren Einnahmen Steuern, Kranken-, Haftpflicht- und Rentenversicherung. Sie müssen außerdem Geld für Notfälle zurücklegen. „Wenn ich mir ein Bein breche und nicht arbeite, kriege ich keinen Pfennig Geld“, erklärt Sahm. Unterm Strich sind das monatlich schnell 3000 bis 4000 Euro und mehr. „Das muss ich erst einmal verdienen.“ Und im schlimmsten Fall müssen sie trotz Versicherung mit ihrem Privatvermögen haften. „Wir haben extrem hohes Risiko.“

Die Alternative: eine Festanstellung am Krankenhaus. Das wollen die Frauen nicht. „Die Stimmung im Team ist bei uns deutlich besser als bei Festangestellten“, sagt Auffarth. „Es ist ein viel schöneres Arbeiten.“

„Wir organisieren uns selbst“, betont Teamleiterin Sahm. Die 22 Frauen kümmern sich um ihre Dienst- und Urlaubspläne. Wenn jemand einen Monat frei brauche oder nur zu bestimmten Zeiten arbeiten könne, „dann ist das kein Problem“. 

„Ich mache gern Nachtdienste, das entlastet natürlich die Kolleginnen sehr“, ergänzt Riedl. „Dafür muss ich jetzt nicht unbedingt Frühdienste machen.“ 

Tolles Team und ein funktionierendes System

Genau die jetzige Organisation und das Arbeitsklima hatten Riedl im Praktikum überzeugt: „Ich wollte einfach in diesem Team arbeiten und bin dann nach der Ausbildung sofort wieder hierher zurück, weil mir einfach das Team so gut gefallen hat.“

„Wir haben ein super funktionierendes System“, betont Sahm. „Wir achten auf uns und es läuft gut. Wir haben keine Nachwuchsprobleme und fast immer Bewerbungen.“

Im Angestelltenverhältnis seien diese Freiheiten weg, sagen die Drei. Auch würde das die Geburtshilfe nicht verbessern, erklärt Auffarth: „Die angestellten Hebammen dürfen weiterhin fünf, sechs, sieben Frauen gleichzeitig betreuen. Da kräht kein Hahn danach, weil die ja gar nicht genug Personal haben. Die haben einen ganz anderen Stellenschlüssel.“ Das Ergebnis: Bei Festangestellten sei vielleicht nur noch eine Hebamme auf Station und eine in Rufbereitschaft; jetzt sind immer drei im Haus.

Wenn die neue Vergütung wie befürchtet komme, „dann wird es einige Kolleginnen geben, die sagen, ich gehe in Rente“, meint Auffarth. Die machen dann vielleicht noch Wochenbetten, Kurse oder ähnliches, „aber die Geburtshilfe wird zusammenbrechen, weil einfach viel zu wenig Hebammen da sind.“

Angst vor dem Zusammenbruch

In Altötting würde es schon kritisch, wenn nur vier Kolleginnen gingen, schätzt Sahm. „Es kommt dann auch niemand mehr nach, dann haben wir auch keinen Nachwuchs mehr. Das ist eine Kaskade, die kaum aufzuhalten ist.

Das „InnKlinikum“ ist kein Einzelfall. 80 Prozent der bayerischen Krankenhäuser setzen auf freiberufliche Beleghebammen, erklärt Sahm. Dieses System sei vor 25 Jahren eingeführt worden, eben weil es damals zu wenig Nachwuchs gab. 

Das Krankenhaus in Altötting: Das „InnKlinikum“ Altötting und Mühldorf hat mit Millionendefiziten zu kämpfen.

Für Sahm steht schon fest: „Wenn ich mich anstellen lassen muss, dann werde ich das zu meinen Bedingungen machen, die das ‚InnKlinikum‘ mir aber wahrscheinlich nicht bieten kann.“ Denn auch die Hebammen wissen um das Minus von 20 Millionen Euro, wissen, „dass die Möglichkeiten begrenzt“ sind. 

„Wir teilen die Befürchtung der Hebammen bezüglich eines Einkommensverlustes durch die neue Vergütungsregelung und haben Verständnis für deren Forderungen nach einer adäquaten Bezahlung“, teilt Altöttings Klinikleiter Stefan Todtwalusch auf Anfrage mit.

Stefan Todtwalusch, Leiter der Kliniken Altötting und Burghausen

Es gebe Gespräche, schreibt Todtwalusch. Allerdings müssten in erster Linie die Hebammen, mögliche Konstellationen durchdenken. „Ich bin davon überzeugt, dass die Geburtshilfe in Altötting auch in Zukunft auf die Unterstützung der Hebammen zählen kann.“

Für konkrete Aussagen sei es noch zu früh, meint Todtwalusch. Die Klinik bliebe aber „in engem Austausch“ und werde sich „bezüglich eventuell erforderlicher Umstrukturierungen“ mit den Hebammen abstimmen.

Im Schnitt kommen täglich fünf Kinder im „InnKlinikum“ in Altötting zur Welt.

Die drei Hebammen und ihre Kolleginnen hoffen jetzt auf die Öffentlichkeit und eine politische Lösung bis zum November. „Es geht uns alle an“, betont Sahm. Nicht nur die Schwangeren, sondern auch „die jungen Männer, die eine Familie gründen wollen, oder den Großvater, der seine Tochter hier herfährt“.

Sie wollen die bayerische Struktur erhalten und weiterhin für ihre Arbeit und von ihr leben können. Sahm: „Wir sind ja alle Hebammen, weil das für uns eine Berufung ist. Das ist kein Beruf, den man sich so einfach wählt.“ 

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