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Exklusiv-Interview zum Welthirntumortag

Ein Loch im Kopf und keine Narkose: Die erste Gehirnoperation mit wachem Patienten in Rosenheim

In Rosenheim wurde die erste Wach-Kraniotomie durchgeführt und etabliet hat sie der Neurochirurg Dr. Georgios Ntoulias
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Der Neurochirurg Dr. Georgios Ntoulias ist seit gut einem Jahr in Rosenheim und hat die erste Wach-Kraniotomie durchgeführt.

Mit einer Säge wird einem Patienten ein Loch in den Kopf gesägt – während dieser bei vollem Bewusstsein ist. Was sich anhört wie eine Szene aus einem Horrorfilm, ist eine Behandlungsmethode. Diese sogenannte Wach-Kraniotomie gibt es erst seit Kurzem in Rosenheim. Welche Vorteile die OP hat und warum der Patient wach sein muss.

Rosenheim – Seit gut einem Jahr ist Dr. Georgios Ntoulias Chefarzt der Neurochirurgie am Romed-Klinikum in Rosenheim. Er hat die Wach-Kraniotomie in die Region gebracht. Diese Operation am Gehirn, bei der der Patient wach ist, ist für ihn nichts Neues. Der 45-Jährige war zuvor bereits in Berlin leitender Oberarzt und hat sich auf die Hirnchirurgie spezialisiert. Er erklärt die Risiken dieser Methode und warum der Patient ansprechbar sein muss.

Was ist eine Wach-Kraniotomie?

Dr. Georgios Ntoulias: Der Begriff setzt sich aus zwei Wörtern zusammen: ‚Kraniotomie‘ ist die medizinische Bezeichnung für die operative Öffnung des Schädels. Dabei wird erkranktes Gewebe entfernt, während der Patient leicht sediert, jedoch vorübergehend wach ist. Nach dem Hautschnitt wird ein Knochenfenster geschaffen, um Zugang zum Gehirn zu erhalten. Anschließend erfolgt die Eröffnung der Hirnhaut, um den Eingriff vorzunehmen.

Ist das eine neue Art von Operation?

Ntoulias: Nein, dabei handelt es sich um eine vergleichsweise alte Behandlungsmethode. Wir haben Hinweise aus der Antike, die darauf schließen lassen, dass damals bereits eine solche Operation durchgeführt wurde. Die Narkose-Möglichkeiten, die wir heute zur Verfügung haben, gab es seinerzeit allerdings noch nicht. Deswegen ist davon auszugehen, dass die Patienten dabei bei vollem Bewusstsein waren

Warum muss der Patient wach sein?

Ntoulias: Dies ist erforderlich, um sicherzustellen, dass bei der Operation wichtige Hirnareale, insbesondere jene für Motorik und Sprache, geschont werden. Unter Vollnarkose lassen sich diese Strukturen nicht zuverlässig lokalisieren. Während der OP beanspruchen wir den Patienten und machen Tests. Deshalb ist es wichtig, dass er kontaktfähig und kommunikativ ist.

Ärzte führen während der OP Tests durch

Wie sehen diese Tests aus?

Ntoulias: Wir sprechen mit dem Patienten und zeigen ihm Bilder. Ein Baby, ein Haus oder einen Hund zum Beispiel. Dabei muss der Patient das Objekt benennen. Allerdings nicht mit einem Wort, sondern mit Sätzen wie ‚Das ist ein Haus‘. Diese Tests werden sehr häufig angewendet und legen den Fokus auf die Sprachfunktion beziehungsweise Sprachproduktion. Es gibt auch andere Tests.

Welche?

Ntoulias: Mit bestimmten Aufgaben überprüfen wir, ob der Patient zum Beispiel noch rechnen kann. Auch motorische Funktionen werden kontrolliert, etwa, ob er den Arm oder das Bein bewegen kann. Während der gesamten Operation bleiben wir in ständigem Kontakt mit dem Patienten, auch wenn gerade keine Tests durchgeführt werden. Er spricht die ganze Zeit mit uns, damit wir seinen Zustand genau beobachten können. Das ist sehr wichtig. 

Was passiert, wenn der Patient nicht reagiert?

Ntoulias: Es kommt darauf an, in welchem Zusammenhang die fehlende Reaktion auftritt. Wenn der Patient im Verlauf der Operation weniger oder schlechter spricht, prüfen wir zunächst, ob er möglicherweise müde ist. In solchen Fällen geben wir ihm etwas Zeit und wiederholen die Tests später. Häufig liegt es tatsächlich an der Erschöpfung. Bei der zweiten oder dritten Testung funktioniert das Sprechen dann normalerweise wieder wie zuvor.

Was der Patient mitbekommt

Der Patient ist wach bei der OP, bekommt er alles mit?

Ntoulias: Wenn der Patient in den OP-Saal kommt, hat er schon beruhigende Medikamente bekommen. Dann übernehmen wir als Neurochirurgen die lokale Betäubung der Kopfhaut. Dort spürt er also keine Schmerzen. Das Gehirn selbst besitzt keine Schmerzrezeptoren, deshalb kann dort operiert werden, ohne dass der Patient Schmerzen spürt. Alles andere nimmt der Patient aber wahr: die Umgebung, das Team, die Atmosphäre. Es ist sehr wichtig, dass es im Operationssaal ruhig ist und möglichst wenig Unruhe durch Personenverkehr entsteht. Der Patient muss konzentriert bleiben, damit er an den Tests teilnehmen kann.

Für wen ist die Operation gedacht?

Ntoulias: Heutzutage wenden wir diese Behandlungsmethode bei Patienten mit Erkrankungen im Gehirn an. Meist handelt es sich dabei um Hirntumore. Die Wach-Kraniotomie wird durchgeführt, wenn sich diese in einem Bereich befinden, der für die Funktion des Menschen essenziell ist. Zum Beispiel im Sprach- oder Motorikzentrum. Entscheidend ist dabei, dass der Tumor vollständig entfernt wird, ohne die umliegenden Areale zu verletzen, sodass der Patient nach der Operation mindestens genauso gut agieren kann wie davor.

Welche Risiken birgt diese Operation?

Ntoulias: Die Risiken entsprechen im Wesentlichen denen, die es bei einer Gehirnoperation allgemein gibt. Im Vergleich zur herkömmlichen Kraniotomie unter Vollnarkose ist die Wach-Kraniotomie tatsächlich weniger risikoreich. Da der Patient während der Operation bei Bewusstsein ist, können seine Funktionen kontinuierlich überprüft werden. Das geht unter Narkose nicht. Dadurch wird das Risiko verringert, wichtige Hirnareale zu verletzen und bleibende Ausfälle zu verursachen. Es gibt allerdings auch bei der Wach-Kraniotomie Risiken, zum Beispiel kann während der OP Epilepsie auftreten.

Vorbereitung ist für Patienten und Ärzte entscheidend

Was muss vor der OP beachtet werden?

Ntoulias: Die Vorbereitung ist ein wichtiger Prozess, denn es kann für den Patienten eine große Herausforderung sein, bei Bewusstsein zu bleiben. Der erste Schritt ist, ihm die Ängste zu nehmen, indem er über das Verfahren aufgeklärt wird. Dies beinhaltet auch die medikamentöse Abschirmung, also die lokale Betäubung. Gemeinsam besprechen wir, ob es medizinische Ausschlusskriterien gibt. In der Regel fühlen sich die Patienten danach gut vorbereitet. Wenn sie aber bereits vor der Operation das Gefühl haben, psychologische Unterstützung zu benötigen, bieten wir diese Möglichkeit an. In unserem Klinikum stehen Psychoonkologen zur Verfügung, die vor der OP mit dem Patienten sprechen und ihn gezielt auf den Eingriff vorbereiten.

Gibt es trotzdem Leute, die keine Wach-Kraniotomie machen wollen?

Ntoulias: Ja, es gibt Patienten, für die ein solcher Eingriff nicht infrage kommt. Für viele ist der Gedanke, eine Operation am Gehirn im wachen Zustand zu erleben, nur schwer vorstellbar. Gleichzeitig gibt es aber auch Menschen, die sehr neugierig sind und auch mehr darüber wissen wollen und viele Fragen stellen.

Sie haben vor Kurzem die erste Wach-Kraniotomie in Rosenheim durchgeführt.

Ntoulias: Genau. Das ist ein Meilenstein für unsere Region, auch für das Romed-Klinikum. Dieser Eingriff wird nur an wenigen Orten durchgeführt. Er findet meist in großen Zentren wie Universitätskliniken statt. Mit dem Angebot der Wach-Kraniotomie erreichen wir einen hohen Versorgungsstandard für Hirntumorpatienten direkt und wohnortnah in Rosenheim. 

Welthirntumortag am 8. Juni

Im Zuge des Welthirntumortags, der am 8. Juni ist, veranstaltet das Romed Klinikum Rosenheim einen Abend für Betroffene, Angehörige und Interessierte. Dieses Programm beinhaltet sowohl verschiedene Vorträge rund um die Behandlung von Gehirntumoren als auch persönliche Erfahrungsgeschichten. Dabei gibt es auch Raum für Fragen. Das Ganze findet einen Monat später, am 8. Juli im Konferenzraum Haus 5, im vierten Obergeschoss in der Ellmaierstraße 23 in Rosenheim von 18 bis 20 Uhr statt.

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