Hindenburg? Nicht mehr lange!
Von Hindenburg-Allee: Wie ein Straßenname ganz Berchtesgaden spaltet
In Berchtesgaden sorgt der Name der Von Hindenburg-Allee für Diskussionen. Norbert Egger fordert eine Umbenennung, doch das stößt nicht überall auf Zustimmung. Ein Bürgerentscheid könnte die Entscheidung bringen.
Berchtesgaden – Norbert Egger ist fest entschlossen, dass die „Von-Hindenburg-Allee“, am Ortseingang von Berchtesgaden, schon bald nicht mehr so heißen darf. Er hat sich tief in die Materie eingearbeitet, hat etliche Bücher gekauft, viel recherchiert und gelesen. Eins ist für ihn sicher: Die an einen Menschen erinnernde Straße, der verantwortlich war für Tod und Deportationen, muss künftig einen anderen Namen tragen. Von Hindenburg-Allee hieß sie jetzt all die Jahre. Allerdings: Paul von Hindenburg gilt als historisch stark umstrittene Person. „Er war ein Kriegsverbrecher und hat tausende Zivilisten auf dem Gewissen“, sagt Norbert Egger. Hindenburg führte im Ersten Weltkrieg die Oberste Heeresleitung an. Als Reichspräsident ernannte er Adolf Hitler 1933 zum Reichskanzler. „Hindenburg ist mehr als eine zweifelhafte Persönlichkeit“, sagt Egger, einst erfolgreicher Unternehmer, Wahl-Schönauer und im beschaulichen Tourismusort an vorderster Front tätig, wenn es gegen rechtes Gedankengut geht.
Vergangenheit lässt sich nicht einfach wegwischen
Hindenburg und Hitler waren im Markt von Berchtesgaden einst Ehrenbürger. Straßen waren nach ihnen benannt. Während die Adolf-Hitler-Straße nach Kriegsende umbenannt wurde, blieb Hindenburg weiterhin verewigt. Erst im vergangenen Jahr distanzierte sich der Marktgemeinderat auf Drängen des Vereins Berchtesgaden gegen Rechts – für Vielfalt und Demokratie vom ehemaligen deutschen Generalfeldmarschall.
Die Distanzierung zu Hitler, der vom Obersalzberg aus seine Regierungsgeschäfte führte, erfolgte bereits 2008. Die Von Hindenburg-Allee heißt aber noch immer so. Und nicht jeder Gemeinderat vertritt die Position, dass sich dies so schnell als möglich ändern müsste.
Egger hat sich nicht nur Freunde gemacht
„Wir sind ein Urlaubsort, wir leben von internationalen Gästen“, sagt Norbert Egger. Egger gilt als meinungsstark. Er hat sich nicht nur Freunde gemacht, sagt er. Einen Kriegsverbrecher mit einer Straße zu würdigen? Das sei eine Schande, unterstreicht er. Die braune Vergangenheit, mit der sich Berchtesgaden historisch bedingt auseinandersetzen muss, ist nichts, was man einfach wegwischen könnte. Es gilt, Engagement zu zeigen und sich stark machen.
Im Ort wird der Vergangenheit bereits begegnet – mit Aufklärung und einer überaus populären Dokumentation am Obersalzberg, die im vergangenen Jahr mal wieder einen Besucherrekord feierte. Im vorvergangenen Jahr hatte die Zeitung „The Guardian“ dem Ort am Fuße des Watzmanns einen dreiseitigen Bericht gewidmet – über Berchtesgaden, über rechte Übergriffe und wie es sich in einem Ort mit einer solchen Vergangenheit überhaupt leben lässt. Die Aufmerksamkeit danach war groß. Viele Hindenburgstraßen in Deutschland wurden mittlerweile umbenannt. In Deutschland gibt es weiterhin aber Dutzende. In Wikipedia beschäftigt sich ein Eintrag ausführlich damit.
Verein will Bürger bei der Umänderung unter die Arme greifen
Über Für und Wider zur Umbenennung hat ein Bündnis aus Parteien und dem Verein eine Konferenz terminiert. Dort sollen Ende März Fachvorträge den Schritt untermauern. Es soll aufgezeigt werden, weshalb „ein Anti-Demokrat einer Demokratie in diesen schwierigen Zeiten großen Schaden zufügt“, sagt Egger. Auch, wenn es nur ein Straßenname ist.
Natürlich weiß er, dass eine Straßenumbenennung viel Arbeit mit sich bringt - vor allem für die, die dort wohnen. 58 Anwohner sind gelistet. All jene müssten alle amtlichen Dokumente und Versicherungen und auch alles andere, was anfällt, korrigieren lassen. Das kostet Zeit - und Geld. Nichts, was die Bürger freiwillig auf sich nehmen, sofern ihnen die historische Thematik nicht ausreichend am Herzen liegt.
„Wir haben da wirklich gut vorgearbeitet“, sagt Egger. Sein Verein möchte deshalb den betroffenen Anwohnern unter die Arme greifen. In jeder Hinsicht: „Niemand soll wegen der Straßenumbenennung einen Nachteil erleiden“, verspricht er. Sein Team will sich um jede Änderung amtlicher Dokumente kümmern. „Wir erstellen dazu Blankobriefe, in denen nur noch etwa die Adresse und der Betreff, zum Beispiel die Versicherungsnummer, eingetragen werden muss.“ Der Verein will alle anfallenden Kosten erstatten, damit am Bürger kein Cent hängen bleibt. Die Gemeinde hat sich im Vorfeld bereit erklärt, bei erfolgreicher Umbenennung die Hausnummern finanziell zu übernehmen.
Ein Privatfonds, der auf Vereinsinitiative zu diesem Zweck ins Leben gerufen wurde, soll den bürokratischen Marathon finanzieren.
Straßenumbenennung hätte schon stattfinden sollen
Eigentlich hätte die Straßenumbenennung parallel zur Bundestagswahl im September dieses Jahr stattfinden sollen. So lautete zumindest der Plan. Weil diese dann vorgezogen wurde und zu wenig Zeit blieb, wird es wohl noch bis 2026 dauern. Dann finden auch die Kommunalwahlen im Landkreis statt. „Unser Anliegen wird wohl auf einen Bürgerentscheid hinauslaufen“, ist sich Norbert Egger sicher.
Zwar hätten die Fraktionen im Gemeinderat von Berchtesgaden das Anliegen schon längst einbringen können. Öffentlich diskutieren wollen die politischen Bürgervertreter die Causa aber nicht – wohl auch wegen streitbarer Ansichten. „Berchtesgadens Bürgermeister hat schon angedeutet, in diesem Fall daraus ein Ratsbegehren zu machen“, sagt Egger. Für Gemeindevertretungen gibt es die Ermächtigung, Entscheidungen, für die sie selbst zuständig sind, an die Bürger der Gemeinde abzutreten.
Eggers Team will Aufklärungsarbeit betreiben
Am Ende entscheidet höchstwahrscheinlich in jedem Fall der Bürger. „Aber das bedeutet für uns, dass wir für unser Anliegen ordentlich werben müssen, damit sich möglichst viele beteiligen.“ Rund ein Jahr lang will sich Eggers Team Zeit nehmen und Aufklärungsarbeit betreiben. Es wird Veranstaltungen geben, Social Media spielt in der Bekanntmachung eine wichtige Rolle. Dafür nimmt die Bewegung auch einiges an Geld in die Hand.
Wie die Von-Hindenburg-Allee künftig heißen soll, das ist bislang nicht geklärt. Eigentlich ist es auch egal: Jede Variante ist besser als die bestehende, findet Egger. Es gibt zwar Vorschläge, so etwa Rudolf Kriß. Der Berchtesgadener Brauereibesitzer hatte sich während des Nationalsozialismus regimekritisch geäußert, war zum Tode verurteilt, doch später wieder begnadigt worden. „Aber auch das dürfte nicht jedem recht sein“, ist sich Egger sicher. In einer Sache bleibt er aber standhaft in seiner Ansicht: „Die Straße muss umbenannt werden. Was falsch ist, darf nicht so bleiben.“ (kp)
