Das Echo der Berge: Teil IV
„Es war eine Dummheit, nicht abzusteigen“ - Wer überlebt den schwarzen Tag der Watzmann-Ostwand?
Die Eiskristalle brennen wie Nadelstiche, der Schneesturm tobt. Zwei Seilschaften machen sich am 18. Juni 1922 auf, die Watzmann-Ostwand zu durchsteigen. Aber der Tod geht mit. „I mog nimma, i kon nimma“, die letzten Worte des Bergsteigers Karl Diensthuber, dann stirbt er vor den Augen seiner Freunde. Jetzt beginnt ein Wettrennen gegen Panik, Kälte und Erschöpfung: Wer überlebt den schwarzen Tag der Ostwand?
Ramsau – „Die Schneefallgrenze kann im Sommer bei 2300 Metern liegen, und dann erfrieren die Leute.“ Die Watzmann-Ostwand, so das Urgestein der heimischen Bergrettung, Suitbert Kastner, sei vor allem eine konditionelle Herausforderung und erfordere guten Orientierungssinn. In der 2000 Meter hohen Wand starben seit der Erstbegehung 1881 durch Johann Grill über einhundert Menschen. Besonders im Gedächtnis bleibt aber das Schicksal zweier Seilschaften, die sich im Juni 1922 auf den Weg machen, die längste Wand der Ostalpen zu durchsteigen
Mit kurzer Lederhose und schwerem Gepäck
Im dritten Teil unserer Serie „Das Echo der Berge“ setzten zwei Bergsteigergruppen bei noch schönem Juniwetter auf dem Boot nach Sankt Bartholomä über - gut gelaunt, aber mit teils schwerem Gepäck und kurzen Lederhosen wollen sie sich der Herausforderung Watzmann-Ostwand stellen. Was nach einem verheerenden Wetterumbruch im oberen Bereich der Tour und dem Erschöpfungstod Karl Diensthubers mit den restlichen Bergsteigern passiert, erzählen wir in diesem Teil. Die Geschichte beruht auf Erinnerungen eines Überlebenden des schwarzen Tags der Ostwand, festgehalten im Buch „2000 Meter Fels“ von Hellmut Schöner, an dem auch Berti Kastner mitgewirkt hat.
Zwei Seilschaften starten fast zeitgleich
Eigentlich sind es erfahrene Bergsteiger, die im Morgengrauen des 18. Juni ihre Rucksäcke schultern: Gegen drei Uhr bricht die Viererpartie um den jungen und erfolgreichen Bergsteiger Josef Aschauer auf. Mit dabei: sein Cousin Josef Stangassinger, beide aus Berchtesgaden sowie Karl Diensthuber und Wilhelm Pöhlmann aus München. Das Wetter? Seit Tagen stabil. An diesem Morgen aber hängen dicke Nebelschwaden über dem Königsee.
Das dürfte auch das zweite Team des Tages beunruhigt haben: Otto Leixl, er zählt damals zu den besten Kletterern Münchens, steigt mit Dr. F. Kaußler aus Landau und Dr. Karl Ehrensperger aus Traunstein in die Wand ein. Ein schwerer, zermürbender Anstieg liegt bereits hinter ihnen: Die Münchner Gruppe um Leixl kämpft mit zu schwerem Gepäck und Kaußler hat von Anfang an Probleme. Sie fallen hinter das Berchtesgadener Team um Aschauer zurück, rufen den anderen noch zu, möglichst schnell Hilfe herbeizuholen. Aber längst haben auch Aschauers Seilpartner zu kämpfen: Diensthuber verlassen als ersten die Kräfte:
Karl Diensthuber bricht zusammen
Als sie aus der windgeschützen Ostwand heraustreten auf den Kamm zu, peitscht ihnen ein Schneesturm entgegen: Besonders verheerend für Diensthuber und Stangassinger, die mit kurzen Lederhosen unterwegs sind. Karl Diensthuber kann nicht mehr, er weigert sich, weiterzugehen. Gegen 18 Uhr geben die Kameraden auf, ihn gewaltsam zu ziehen und zu tragen. Gegen 18 Uhr können sie nur noch zusehen, wie Diensthuber an Erschöpfung und Unterkühlung tot zusammenbricht. Ein Alptraum nimmt seinen Lauf:
„Wäre der nächste Weg gewesen, abzusteigen“
„Es war eine Dummheit, nicht abzusteigen“, weiß Berti Kastner, Urgestein der heimischen Bergwacht. Er hat die Ostwand über 100 Mal durchstiegen, war bei unzähligen Rettungseinsätzen dabei. Bis heute wundert sich der 1934 geborene Bergwachtler über die Entscheidung der damaligen Bergsteiger: „Das Wetter hatte ja schon umgeschlagen. Sowohl für die Münchner als auch die Berchtesgadener wäre der nächste Weg gewesen, abzusteigen ins Wimbachtal runter.“ Aber, so vermutet er, sie wollten wohl die Überschreitung Richtung Watzmannhaus fortsetzten „weil es damals dazu gehört hat.“
Der nächste weigert sich, weiterzugehen
Blankes Entsetzten bei Aschauer und Stangassinger. Sie binden die Leiche ihres Freundes ins Drahtseil, um ihn später dort bergen zu können. Willhelm Pöhlmann ist zu diesem Zeitpunkt schon vorausgegangen, um, so denkt er noch beim Verlassen seiner Gruppe, Hilfe für die Münchner zu organisieren. Und jetzt will der nächste nicht mehr weiter, zu tief sitzt bei Stangassinger der Schock über den Verlust seines Freundes Diensthuber. Aschauer brüllt ihn durch den Schneesturm an, er müsse weitergehen oder er erfriert.
Josef Aschauer kämpft unerbittlich um Kameraden - und verliert
Kurz entschlossen, so heißt es im Buch „2000 Meter Fels“, reißt er den, sich in den Felsen verkrallenden Stangassinger hoch und wirft ihn sich über die Schulter. Er will es mit der schweren Last bis zur schützenden Hocheck-Hütte schaffen. Der Tod ist schneller. Aschauers Cousin stirbt, bleibt entstellt auf den Steinstufen liegen. Josef Aschauer schafft es wie durch ein Wunder mit letzter Willenskraft zum Watzmannhaus. Auf dem Weg kommen ihm Abends um 8.30 Uhr Pöhlmann und der Wirt der Hütte mit Decken und warmen Getränken entgegen. Aschauers Bergfreunden kann man nicht mehr helfen. Und den Münchnern?
Was passiert mit der Münchner Seilschaft? Noch mehr Tote
Was genau an diesem schicksalsträchtigen Tag mit der Dreierseilschaft von Dr. Kaußler, Otto Leixl und Dr. Ehrensberger passiert, kann nur rekonstruiert werden: Am Tag, an dem die Leichen von Diensthuber und Stangassinger geborgen werden, kommt auch raus: Die Münchner, von denen zunächst angenommen wurde, dass zumindest sie Richtung Wimmbachgries abgestiegen seien, sind nie an der dortigen Grieshütte aufgetaucht. Nach drei Tagen findet der Bergführer Lorenz Hasenknopf unterm soganannten Hohen Stieg am Abstieg vom Hocheck die Leichen von Leixl und Ehrensperger.
Erschöpfung als Todesursache: tragische Bilanz
Der Fundort der Toten deutet darauf hin, dass Otto Leixl an dieser Stelle ohnmächtig wurde und einige Meter abstürzte. Ehrensperger will zu Hilfe eilen, steigt zehn Meter ab, kommt aber wohl schon nur noch zu einem Sterbenden. Beim Zurückklettern stirbt schließlich auch er an Erschöpfung. Aber wo ist Dr. Kaußler? Erst zehn Tage nach dem Unglück finden sie seinen Leichnam in einer kleinen Höhle unterhalb der Südspitze, er ist vermutlich schon als erster der drei noch in der Ostwand an Erschöpfung gestorben.
Erinnerungen per Feldpost verschickt
Der schwarze Tag der Ostwand - schreckliche Bilanz: Von zwei Seilschaften mit insgesamt sieben Bergsteigern überleben nur zwei. Willhelm Pöhlmann aus München und Josef Aschauer aus Berchtesgaden. Letzterer wird später während des Zweiten Weltkrieges seine Erinnerungen an diesen Tag seinem Bergkameraden Hellmut Schöner per Feldpost zuschicken: „Dann hat der Hellmut Schöner auf der Insel Krim gesessen und sich gedacht, ich hab noch genug Zeit, ich kann ein Buch über den Watzmann schreiben“, erzählt Berti Kastner.
Biwakschachtel seit 1950: „Deshalb steht sie dort oben“
„Genau deshalb steht dort oben eine Biwakschachtel“, erzählt Suitbert Kastner. Weil immer wieder Bergsteiger durch unerwarteten Schneefall auf dieser Höhe ums Leben kommen, wird 1950 eine Knallorange Biwakschachtel aufgestellt: „In dem Fall 1922 hätte eine Biwakschachtel wahrscheinlich das Leben der Leute gerettet.“ Der überlebende Josef Aschauer wird nach dem Tod seiner Bergfreunde noch viele Berge besteigen, darunter auch Erstbegehungen 1927 des Salzburger Wegs durch die Ostwand.
Im fünften Teil unserer Serie „Das Echo der Berge“ erinnert sich Otto Huber an ein tragisches Bergunglück von 1958. Damals verlor er seinen Seilpartner, was er in seinem Buch „60 Jahre auf der Suche nach Abenteuer.“ beschreibt. Der heute 85-Jährige war zum Beispiel bei der ersten europäischen Wakhan-Expedition in Afghanistan dabei und fuhr mit selbstgebastelten Kurz-Ski vom Ararat.