Das Echo der Berge Teil I
„Ein Ort zum Trauern“ - Kapelle im Schatten des Watzmann: die dunkle Seite des Bergsteigens
„Nutzet die Zeit, denn die Tage sind kurz“ – diese Worte über der Sonnenuhr der Kühroint-Kapelle sind mehr als Mahnung, sie sind Vermächtnis. Im Schatten des Watzmann hallt das Echo jener wider, die in den Bergen ihr Leben ließen. Messingplatten bewahren ihre Namen – eingravierte Schicksale einer Leidenschaft zwischen Licht und Dunkelheit. Teil I unserer Serie über Bergunglücke der letzten 100 Jahre: die Bergsteiger-Gedenkkapelle.
Schönau am Königsee – „Es ist egal, ob jemand in Südafrika stirbt oder Neuseeland“ erklärt Anton Plenk. Wenn die Person aus dem Berchtesgadener Land stammt, bekommt sie ihren Platz auf der Messingtafel. Der Tod hat in der Kühroint-Kapelle eine gewisse Ordnung: Links diejenigen, die in den Berchtesgadener Bergen gestorben sind, rechts die Einheimischen, die irgendwo auf entfernten Gipfeln ihr Leben ließen und eine Tafel nur für die Watzmann-Toten: Anton und Rosemarie Plenk kümmern sich um ihr Gedenken.
Die „friedvolle Seite“ des Watzmann
Grüne Almwiesen auf denen Kühe weiden, Wanderer und der Geruch nach Kaiserschmarrn. In einer kleinen Senke neben der Kührointhütte liegt eine kleine Kapelle, strahlend weiß: im Hintergrund thront dunkel über der idyllischen Szenerie der König der Berchtesgadener Berge, der Watzmann. „Die friedvolle Seite“ - so nannte Hans-Peter Schweiger die Hochfläche der Kühroint Alm auf zirka 1400 Metern. Hier zwischen Königsee und Watzmann wollte er sie errichten: die Gedenkkapelle St. Bernhard.
Dolomiten: Gedenkstein bringt Idee ins Rollen
Die Idee entsteht in den 1960er Jahren in den Dolomiten. Hans-Peter Schweiger, Sebastian Maltan und Johann Hölzl kehren grade von der Besteigung der großen Zinne zurück und staunen nicht schlecht, als sie in einer Kapelle nahe der Laveredo-Hütte eine Entdeckung machen: Eine Steintafel erinnert an zwei verunglückte Kletterer aus Ramsau und Ainring. Die Idee, eine Gedenkstätte auch im Berchtesgadener Land zu errichten, ist geboren.
Kapellenbau auf Nationalpark-Gebiet?
„Mein Vater war damals auch zweiter Bürgermeister der Gemeinde Schönau, ich war mit ihm schon als Kind auf jedem Berg in der Gegend.“ Rosemarie Plenk ist die Tochter von Hans-Peter Schweiger. Sie und ihr Mann Anton haben das ‚Erbe‘ Kühroint Kapelle übernommen: Nicht alle seinen damals von der Idee begeistert gewesen, erinnern sich die Plenks:
„Es gab auch Gegenwind von einigen aus dem Alpenverein, mittlerweile nutzen sie die Kapelle aber selber gern für Veranstaltungen.“ Von Anfang an Unterstützer des Projekts: der damalige Leiter des Nationalparks, Dr. Hubert Zierl: „Der hatte gleich ein offenes Ohr dafür.“ Vielleicht auch, weil sein Mitarbeiter Franz Rasp 1988 in der Watzmann-Ostwand tödlich verunglückt war. Auch das Landratsamt erteilt letztlich die Baugenehmigung, kommt aber mit der Motivation der vielen Helfer nicht hinterher:
Bau geht zu schnell: „Die Altherrensportler, das sind Rackerer“
„Der eine hat gemauert, der andere hat das Elektrische gemacht, der dritte hat gemalert, der vierte war Zimmerer.“ Hans-Peter Schweiger hat enorme Unterstützung von seinen Schönauer Altherrensportlern des SG Schönau: „Die Altherrensportler, das sind ja Rackerer, die waren so schnell, dass der Herr Zierl fast Ärger bekommen hätte, weil die Baugenehmigung noch nicht durch war.“ Die Baumaterialien, erzählt Rosemarie weiter, wurden teils gespendet. Baupläne, Maurerarbeiten, Dachstuhl - alles kostenlos.
„Pro Jahr acht bis 16 neue Namen“ - Schicksalsschläge eingraviert
Am 11. September 1999 läuten zum ersten Mal die Glocken beim Einweihungsgottesdienst auf der Hochfläche der Kühroint: Sankt Bernhard von Aosta, Schutzpatron der Bergsteiger, wird Namensgeber der Kapelle. Im Zentrum stehen fortan vor allem aber die Namen verunglückter Bergsteiger, festgehalten auf Messingtafeln im Innern der Kapelle: „Pro Jahr kommen zwischen acht und 16 neue Namen hinzu“, erklärt Anton Plenk. Die Messingtafeln gehen zurück bis in Jahr 1810, insgesamt sind (Stand 2023) 1559 Verunglückte verewigt. Mehr als Zahlen und Namen - Schicksale:
Wenn die Toten am Berg bleiben
„Es ist ein Ort, an dem man sich besinnen kann und einen Ort zum Trauern hat.“ Die Plenks erzählen von Begegnungen mit Hinterbliebenen: „Eine Frau kommt jedes Jahr hierher, ihr Mann und ihr Sohn sind in Neuseelands Bergen gestorben.“ Sie könne in der Kapelle an ihre Liebsten denken und auch die schöne Zeit mit ihnen Revue passieren lassen, denn - ein Grab gibt es in dem Fall nicht. „Es gibt ja auch immer wieder Bergunglücke, wo die Toten nicht geborgen werden können“, erklärt Anton Plenk. Dann sei die Gedächtniskapelle für die Hinterbliebenen ein besonders wertvoller Ort des Gedenkens. Manchmal auch in Gemeinschaft:
Bergmesse: Bis zu 200 Leute nehmen teil
„Bei der Bergmesse im Herbst sind immer richtig viele Leute.“ Bis zu 200 Menschen würden sich laut Anton Plenk jährlich versammeln, um beim Gottesdienst den verstorbenen Bergsteigern zu gedenken. Dieses Jahr findet die Messe am 4. Oktober statt. Auch Busse dürfen an diesem Tag wieder ausnahmsweise bis zu Kapelle fahren, um auch Menschen, die es zu Fuß nicht schaffen, die Teilnahme zu ermöglichen. Noch immer helfen viele Ehrenamtliche wie die Plenks, die Kapelle in Schuss zu halten, die Gedenktafeln zu betreuen. Die ein oder andere Spende für den Erhalt und Betrieb, so Rosemarie Plenk., helfe da auf jeden Fall.
Einer, der damit wohl kein Problem hätte trotz seines Alters, ist Berti Kastner, lebende Bergsteigerlegende und personifiziertes Gedächtnis der regionalen Bergsteigergeschichte. Im nächsten Teil unserer Serie ‚Echo der Berge‘ erzählt er von seinem bewegten Leben.



