Das Echo der Berge Teil II
Das Gedächtnis der Berge - der Königseer Suitbert Kastner: „Der Berg ist stärker als der Mensch“
„Der Berg war schon immer ein Teil meines Lebens“ Suitbert Kastner - Urgestein der heimischen Bergwacht: Über 70 Jahre hilft der Königseer dort, wo andere in Not geraten, und teilt jetzt seine Erfahrungen als lebende Chronik der Bergsteigergeschichte. Alles begann mit einem Moment, der ihn für immer prägen sollte: der Bergung eines Toten in der Watzmann-Ostwand.
Schönau am Königsee/ Bad Reichenhall – Es ist 1953, als der junge Suitbert, besser bekannt als Berti Kastner, die Ostwand des Watzmanns besteigen will. Doch schon am Einstieg wird er von Bergwachtlern angesprochen. Sie brauchen Hilfe beim Transport von Stahlseilen. Kurz darauf folgt die nächste Bitte: „Am Einstieg baten sie uns dann auch noch, beim Abseilen eines Toten zu helfen. Wir dachten, da oben liegt ein Verletzter – und dann war es ein tödlicher Unfall.“
Ein Jahr später tritt Kastner in die Bergwacht Berchtesgaden ein: Eine Verbindung fürs ganze Leben des heute 91-Jährigen. Nachdem der erste Teil unserer Serie „Echo der Berge“ den Bergtoten und ihrem Gedenken in der Kührointkapelle gewidmet war, blickt im zweiten Teil eine lebende Berglegende auf über 70 Jahre Bergwacht zurück:
Mit dem Großvater am Berg
Die Leidenschaft für die Berge beginnt früh. „Die Bergbegeisterung ist bei mir und meinem Bruder schon im Kindesalter entstanden“, erinnert sich Berti Kastner. Der Großvater ist Holzknecht, über 40 Jahre lang fast ausschließlich am Berg. Mit ihm ziehen die Brüder durch die Wälder, helfen beim Holzschlagen, während der Vater im Krieg ist. „Wir mussten als Kinder schon Holz für den eigenen Haushalt beschaffen.“ Die Berge sind für ihn von Anfang an mehr als nur Kulisse.
Klettern mit Hanfseil: „Ein Wunder, dass nie was passiert ist“
Nach dem Krieg beginnt er mit Freunden und seinem Bruder zu klettern. Oft benutzen sie uralte Hanfseile, die noch vom Großvater stammen. „Wir haben im dritten, vierten Schwierigkeitsgrad geklettert, und das mit 30, 40 Jahre alter Ausrüstung. Eigentlich ein Wunder, dass nie was passiert ist.“ Bald führt ihn der Drang weiter hinaus: in den Wilden Kaiser, später an Matterhorn und Mont Blanc. Mit jedem Gipfel wächst die Leidenschaft – und auch das Selbstverständnis, dass Bergsteigen zu seinem Leben gehört. Beruflich ist Kastners Werdegang weniger geradlinig, führt aber letztlich auch zum Ziel - den Bergen:
Leidenschaft wird zum Beruf
Zunächst macht Kastner eine Lehre als Schlosser und Kunstschmied, arbeitet bei VW und Porsche. Doch die Leidenschaft für die Berge lässt ihn nicht los. „Ich war schon 31 Jahre alt, verheiratet, hatte zwei Töchter – und trotzdem habe ich die Ausbildung bei der Polizei angefangen.“ Ein beschwerlicher Neuanfang, aber er lohnt sich: Nach der Ausbildung zum Polizeibeamten wird Kastner Polizeiberg- und Skiführer und kehrt letztlich in seine alte Heimat, dem Königsee zurück.
Ein Leben für die Bergwacht
1954 tritt er der Bergwacht bei – ein Jahr nach jenem prägenden Erlebnis am Watzmann. Fortan prägt er die Organisation über Jahrzehnte. Er ist unter anderem Geräte- und Fahrzeugwart und 19 Jahre lang Leiter des Bergwachtabschnitts Chiemgau. Auch im Nationalparkbeirat und im Landesausschuss der Bergwacht Bayern ist er aktiv. „Es war nicht immer leicht, Beruf und Bergwacht zu verbinden. Aber viele Einsätze gehörten ja auch zur Polizeiarbeit – Vermisstensuchen, Totenbergungen. Trotzdem habe ich den größten Teil meiner Bergwachtarbeit in meiner Freizeit geleistet.“
Mit über 70 im Basislager des Mount Everest
Trotz beruflicher und familiärer Verantwortung bleibt er Bergsteiger mit Leidenschaft. Kastner besteigt den Elbrus im Kaukasus, reist nach Südtirol, in die Schweiz, nach Frankreich. Selbst der Himalaya bleibt nicht außen vor: „Mit über 70 war ich noch im Everest-Gebiet, bis hinauf ins Basislager auf 5.500 Meter.“ Auch den biblischen Ararat erklimmt er zweimal. Was er aus diesen Erlebnissen und seinen unzähligen Rettungseinsätzen bei der Bergwacht weiss und jedem rät: „Am Berg muss man auch verstehen, dass man einmal umdreht. Der Berg ist in der Regel immer stärker als der Mensch.“
Einsätze, die im Gedächtnis bleiben
Nicht nur die Gipfelsiege, sondern auch die Unglücke sind es, die er nie vergisst. „Die eindrucksvollsten Erlebnisse waren immer die tragischen Unfälle.“ Besonders der Absturz von fünf jungen Bergsteigern 1957 am Untersberg bleibt ihm bis heute im Gedächtnis. Unter den Toten ist eine Seilpartnerin, die er gut kennt. „Ich war der Erste, der sie erkannte. Das vergisst man nie.“ Auch sein eigener schwerer Unfall als junger Retter – beide Unterschenkel vierfach gebrochen – zeigt, wie schmal der Grat ist zwischen Leidenschaft und Lebensgefahr.
Letzter Einsatz: Riesending-Höhle
Sein Engagement endet nicht mit dem Ruhestand. „Mein letzter Einsatz war mit 80 Jahren bei der Riesendinghöhle“, sagt er fast beiläufig. Er wurde damals nochmal angefragt, bei der Koordination der insgesamt 600 Rettungskräfte zu helfen, die den Höhlenforscher Johann Westhauser aus der Untersberghöhle retten. Auch nach Jahrzehnten im Einsatz bleibt Kastner die Gefahr der Berge gegenwärtig. „Wenn man einmal hautnah erlebt hat, wie schnell Menschen in Not geraten, vergisst man das nie“,
Teil III: Der schwarze Tag der Ostwand
Vor allem der Watzmann wird immer wieder Schauplatz von Bergtragödien, weiß auch Kastner. Er selbst stiegt über 100 Mal durch die 2000 Meter hohe Wand: Unvergessen - der schwarze Tag der Ostwand: Im dritten Teil unserer Serie „Echo der Berge“ berichten wir von einem der schrecklichsten Bergunfälle der letzten 100 Jahre in den bayerischen Alpen: Fünf Bergsteiger aus Berchtesgaden, Traunstein und München kommen am 18. Juni 1922 nach einer Durchsteigung der Ostwand im Schneesturm ums Leben.
