Das Echo der Berge: Teil III
Schwarzer Tag der Ostwand: In kurzer Lederhose im Schneesturm gefangen - der Überlebenskampf beginnt
Nebelschwaden liegen über dem Königsee. Im Morgengrauen des 17. Juni 1922 machen sich sieben Männer in zwei Teams auf, um die Watzmann-Ostwand zu erklimmen. Nur zwei kehren zurück. Der schwarze Tag der Ostwand - eine der größten Tragödien in den Ostalpen: Was wird den erfahrenen Bergsteigern zum Verhängnis? Wer gewinnt den Überlebenskampf in 2000 Metern Fels und Schnee?
Ramsau – „Auf dem Weg von der Südspitze in Richtung Hochegg sind von den sieben fünf erfroren – alle in Folge der Erschöpfung und wegen der gewaltigen Kälte.“ Suitbert Kastners tragische Bilanz eines schrecklichen Ereignisses in der Watzmann-Ostwand im Jahr 1922.
Im zweiten Teil unserer Serie „Das Echo der Berge“ stellten wir die Bergwachtlegende und das Gedächtnis unserer heimischen Bergsteigergeschichte, Suitbert Kastner, vor. Teil drei und vier erinnern, zusammen mit ihm und Aufzeichnungen aus dem Buch „2000 Meter Fels“ von Hellmut Schöner an eines der schrecklichsten Bergunglücke in der Geschichte der Ostalpen: den schwarzen Tag der Ostwand. Mit kurzer Lederhose im Schneesturm gefangen:
Die Watzmann-Ostwand: Schauplatz alpiner Herausforderung
Ein sonniger Juni, heiße Tage gefolgt von abendlichen Wärmegewittern. Früh beginnt im Jahr 1922 die Bergsteigersaison, der Schnee weicht ungewöhnlich schnell und gibt den Fels frei: Die Watzmann-Ostwand, erstbegangen im Jahr 1881 von Johann Grill, ist 40 Jahre später beliebter Schauplatz für alpinistische Herausforderungen: Zwischen zwei Weltkriegen, dem Untergang der Weimarer Republik und dem Erstarken der Faschisten liegt die Halbinsel St. Bartholomä friedlich wie eh und je am Fuße des Watzmann. Hier beginnt der tödliche Ausflug:
Schicksalsgemeinschaft im Motorboot - zwei Seilschaften, ein Ziel
Mit dem letzten Motorboot setzten am Abend des 17. Juni zwei Bergsteigergruppen nach Bartholomä über. Ausgerüstet mit schweren Rucksäcken, Pickeln und Kleidung. Sie kommen ins Gespräch: Eine Dreierseilschaft der Münchner Akademischen Sektion will einen achttägigen Urlaub auf dem Watzmannhaus mit der Besteigung der Ostwand starten: Otto Leixl, er zählt damals zu den besten Kletterern Münchens, hat Erfahrung im Wilden Kaiser und den Westalpen gesammelt. Er fühlt sich bestens vorbereitet. Mit ihm wollen Dr. F. Kaußler aus Landau und Dr. Karl Ehrensperger aus Traunstein in die Wand einsteigen.
Ihnen gegenüber, eine Viererpartie. Während der Bootsmotor tuckert und die steilen Felswände im Abendlicht vorüberziehen, stellen sich die vier Männer den Kameraden vor: Da ist der junge und talentierte Josef Aschauer, der das Team anführen soll und sein Cousin Josef Stangassinger, beide aus Berchtesgaden. Mit im Team: Karl Diensthuber und Wilhelm Pöhlmann aus München. Die Laune sicherlich gut, das Wetter der letzten Tage stabil und somit kein Grund zur Sorge:
Schwere Rucksäcke und nasser Fels
Gegen drei Uhr Morgens bricht die Gruppe um Aschauer auf Richtung Ostwand, eine Viertelstunde später die Münchner.Auf dem See liegt noch der Nebel, aber nur kurze Zeit später beginnt es zu regnen: Damit haben beide Seilschaften nicht gerechnet. Nasser Fels erschwert jeden Tritt und jeden Griff. Dazu kommt: Die Gruppe der Müncher schultert schwere Rucksäcke mit Proviant für ihren kompletten achttägigen Aufenthalt am Watzmannhaus. Und die Berchtesgadener?
Mit kurzer Lederhose in die Ostwand
Zwei der vier treten die insgesamt zirka 2000 Höhenmeter mit kurzer Lederhose an, nur Aschauer trägt lange Hosen, Pöhlmann hat auf Anraten Aschauers Knickerbocker im Rucksack. Beide Bergsteigergruppen kämpfen sich im nassen Gestein Meter um Meter nach oben. Es wird zunehmend kalt. „Sie frieren erbärmlich“ schildert Schöner die Situation in seinem Buch. Warmer Tee soll die steifen Gliedmaßen wieder beleben.
Meter um Meter Richtung Gipfelgrat: Fehlentscheidung?
Eine kurze Regenpause ermutigt alle, weiterzuklettern, nachdem Josef Aschauer bereits zur Umkehr geraten hatte. Die Münchner, vor allem Dr. F. Kaußler kämpfen zunehmend mit der Anstrengung und dem schweren Gepäck. Sie fallen immer weiter hinter das Berchtesgadener Team zurück. Um elf Uhr - kurze Pause beim sogenannten Frühstücksstein- gelingt der Viererseilschaft mit den Berchtesgadenern der Anstieg bis unterhalb des Gipfelaufbaus der Südspitze. Durchatmen, Ausblick genießen - aber wo sind eigentlich die Münchner?
„Das Problem damals: der Wetterumschwung im oberen Drittel“
Nebel zieht auf, der in Dauerregen übergeht. Es wird noch kälter. Weit entfernt schreien die Münchner dem Team Aschauer zu, sie sollen nach dem Gipfelgrat schnell aufs Watzmannhaus absteigen, um dort gegebenenfalls Hilfe holen zu können, Dr. Kaußler geht es zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon sehr schlecht. Warum seilen sie nicht ab? Kehren noch um?
„Das Problem damals war der überraschende Wetterumschwung im oberen Drittel. Abseilen war damals fast unmöglich, die Seile waren bloß 30 Meter lang.“ Suitbert Kastner, Jahrgang 1934, kennt selbst noch die damals rudimentäre Kletterausrüstung mit Hanf- oder Stahlseilen, schweren Stiefeln und Rucksäcken. Und so bleibt beiden Seilschaften zunächst nur der Weg nach Oben.
Gefangen im Schneesturm, die Kräfte lassen nach
Die Viererseilschaft schlägt sich im Gipfelbereich zunächst gut, um 15.30 Uhr verlassen sie die windgeschützte Ostwand und treten am Gipfelgrat in einen verheerenden Schneesturm: „I mag nimmer, i kann nimmer, i leg mi jetzt da hin und schlaf“ - Karl Diensthuber, immer noch in kurzer Hose, ist am Ende seiner Kräfte, völlig unterkühlt. Er wirkt apathisch. Die anderen fordern ihn auf, weiterzugehen, er wehrt sich, will liegenbleiben.
Zerren, schieben, tragen: nichts hilft mehr
Sie binden ihn ans Seil: zerren, schieben und tragen ihn weiter durch den erbarmungslosen Schneesturm. Weit kommen sie nicht. Um 18 Uhr „streckt sich die verkrümmte Gestalt, die Haare steigen in grauenerregender Weise zu Berge, die Gesichtsmuskeln verkrampfen“, so die Beschreibung des Todeskampfes Diensthubers im Buch von Hellmut Schöner. Er stirbt. Die anderen müssen weiter, so schnell wie möglich.
Wer gewinnt den Überlebenskampf?
Schaffen die drei anderen es noch rechtzeitig aus der Schneehölle? Und was passiert mit dem Team der Sektion München? Wer überlebt den schwarzen Tag an der Ostwand? Warum gilt die Route immer noch als eine der tödlichsten Klettertouren der Ostalpen? Das erfahrt ihr im vierten Teil unserer Serie „Das Echo der Berge.“