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Warum es immer weniger Fachkräfte gibt

Zwei Erzieherinnen schlagen Alarm: Kita-System kollabiert - „Sehenden Auges in die Katastrophe“

Eine Erzieherin läuft mit zwei Jungen einen Flur in einer Kita entlang. Bei einer Demonstration werden Schilder in die Höhe gehalten, auf denen unter anderem „Come in and burn out“ steht.
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Seit Jahren macht das Erzieher-Personal auf die Rahmenbedingungen aufmerksam, die dafür sorgen, dass der Fachkräftemangel immer größer wird.

„Ärztehopping“, ein „desaströser“ Personalschlüssel, steigende Erwartungen bei schlechter Bezahlung, immer mehr Krankheitstage, und und und: An Gründen für den Fachkräftemangel in den Krippen und Kitas mangelt es schon lange nicht mehr. Jetzt sprechen zwei Erzieherinnen aus der Region Klartext und machen deutlich: So kann es nicht mehr weitergehen.

Berchtesgadener Land/Rosenheim - Der Fachkräftemangel in den Kitas ist deutschlandweit in aller Munde. Und es gibt Schätzungen, dass sich dieser von Jahr zu Jahr weiter verschärfen wird. Von 400.000 fehlenden Arbeitskräften ist die Rede. Erzieher aus der Region sprechen jetzt über die Gründe für den Mangel.

„Grundsätzlich ist es auch ein finanzielles Problem, der Beruf wird einfach zu schlecht bezahlt“, meint eine langjährige Leiterin einer Einrichtung aus dem Berchtesgadener Land, die anonym bleiben möchte. Dadurch würden vor allem Männer den Beruf nicht ergreifen. Zudem würde das Personal mit immer weiteren Anforderungen im Alltag konfrontiert, sei es vonseiten der Eltern, des Bildungsauftrags oder des Landratsamtes. „Es wird immer mehr und es fehlt die Zeit, sich in die Themen in Ruhe einzuarbeiten oder vorzubereiten. Fast alles, selbst Bastelangebote, wird nebenbei organisiert und die Mittagspausen fallen meistens kurz aus, wenn sie überhaupt stattfinden.“ Immer mehr nicht-deutschsprachige Kinder würden zusätzliche Herausforderungen bereiten.

Nicht mehr belastbar?

Sie bemängelt auch die Belastbarkeit von den jüngeren Arbeitskolleginnen, die ständig krank seien. Dadurch müssten die „alten Hasen“ häufiger die Ausfälle auffangen, um den Betrieb am Laufen zu halten. In ihrer Einrichtung habe „der Himmel einen jungen Praktikanten geschickt, der uns einige Wochen lang unentgeltlich unterstützt“. Sie macht klar: „Wir hätten schon längst zusperren müssen.“ Viele würden „Ärztehopping“ betreiben, um sich wochenlang krankschreiben zu lassen. „Es muss nur laut genug gejammert werden, da wird viel zu schnell ein Attest ausgestellt.“

Viele jüngere Menschen hätten „keine Arbeitsmoral und kein Pflichtbewusstsein“. Manche sitzen unmotiviert da, kümmerten sich um die Kleinsten nicht richtig, doch das Problem: „Leider muss man heutzutage alle Bewerber nehmen. Auch an den Kinderpflegeschulen kommen alle durch, selbst wenn sie nicht geeignet sind, weil der Personalmangel so groß ist.“ In den vergangenen Jahren musste sie in ihrer Einrichtung trotzdem immer wieder in der Probezeit Kündigungen aussprechen, doch manche seien „intelligent genug, um sich zusammenzureißen und erst nach der Probezeit mit den Krankheitstagen anzufangen“. Ein Luxus, den sich nur die allerwenigsten Einrichtung leisten können, wie sie zugibt.

Besonders oft von Krankheiten betroffen

Zur Wahrheit gehört aber auch: Das Kita-Personal ist tatsächlich überdurchschnittlich oft von Erkrankungen betroffen. Im August 2024 gaben die Bertelsmann-Stiftung und das Fachkräfte-Forum der Erzieher bekannt, dass die Beschäftigten in der Kinderbetreuung circa 30 Tage im Jahr arbeitsunfähig und die Ausfallzeiten zwischen 2021 und 2023 stark angestiegen sind.

Wie die Leitungskraft aus dem Berchtesgadener Land berichtet, haben sich auf die Ansprüche der Eltern sehr verändert. Die Kinder würden immer früher zu den Einrichtungen gebracht und immer später erst abgeholt. „Sie sollen möglichst lange, aber super gut betreut werden. Die Erwartungshaltung ist groß.“ Dass in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr Kinderkrippen entstanden sind, hält die Leiterin für einen der Gründe für den Personalmangel. „Das jüngere Personal will lieber dort arbeiten, weil die Öffnungszeiten kürzer sind. Dadurch fehlt es den Kindergärten an Mitarbeitern“.

Sorge vor dem Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung

Eine stellvertretende Leiterin aus dem Landkreis Rosenheim findet: „Die Kinderbetreuung wird auf dem Rücken von Kindern, Erzieherinnen und Familien ausgetragen.“ Der Personalschlüssel sei häufig „desaströs“, die Rahmenbedingungen nicht angepasst und der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung bei Grundschulkindern ab 2026 lasse das frühkindliche Bildungssystem „komplett sehenden Auges in die Katastrophe“ laufen.

Auch sie beobachtet die Entwicklung, dass junges Personal das Berufsfeld nach nur wenigen Wochen verlasse. „Die haben sich die Arbeit ganz anders vorgestellt und merken, dass sie das Gelernte aus der Schule oder dem Studium gar nicht umsetzen können. Da geht es nur darum, dass alle irgendwie beaufsichtigt werden.“ Im Umkehrschluss sorgt die Abkehr der jungen Kräfte dafür, dass die älteren und erfahreneren noch mehr am Limit sind.

Das sagt der Verband für Kita-Fachkräfte Bayern

Auf Anfrage teilt der Verband mit: „Als Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen ist es unsere zentrale Aufgabe und unser Anspruch, pädagogisch hochwertig zu arbeiten und Kinder in ihrer Entwicklung wertschätzend zu begleiten.

Durch die Zunahme der Aufgaben bei gleichzeitigem Personalmangel und unzureichenden Rahmenbedingungen sind wir immer weniger in der Lage, diesem Anspruch gerecht zu werden. Hinzu kommt, dass die Kinder in den Kindertagesstätten heute immer jünger sind und dass die Betreuungszeiten im Vergleich zu früher immer länger werden.

Die Kinder können aufgrund der unzureichenden Rahmenbedingungen nicht mehr gezielt gefördert werden. Es ist kaum möglich, sich ausreichend Zeit für die Kinder zu nehmen, der Krankenstand steigt und Gruppen müssen teilweise geschlossen werden. Die Folge ist eine wachsende Frustration sowohl bei den Beschäftigten als auch bei den Eltern. Dies wiederum führt schneller zu Konflikten zwischen Eltern und pädagogischem Fachpersonal.

Genau hier setzen wir als Verband an. Wir wollen die Qualität in den Kitas und damit auch die Arbeitsbedingungen des pädagogischen Fachpersonals verbessern. Dazu braucht es einen besseren Personalschlüssel, bessere Rahmenbedingungen durch kleinere Gruppen und eine qualitativ hochwertige Aus- und Weiterbildung.

Außerdem wünschen wir uns mehr Unterstützung für die Familien, damit diese eine wirkliche Wahl bezüglich der Betreuung ihrer Kinder haben. Die Arbeit mit Kindern kann einer der schönsten und erfüllensten überhaupt sein, dafür muss es uns aber möglich gemacht werden, diese Arbeit gut machen zu können - wovon alle Beteiligten profitieren.“

Förderung Fehlanzeige

Viele Förderbereiche wie eine dialogorientierte Sprachförderung sind für die Erzieherin aus dem Rosenheimer Landkreis nicht umsetzbar, weil schlicht die Zeit fehlt. „Wo bleibt das Wohl des Kindes?“, fragt sie sich. Auch der Umgang mit den Eltern hat sich verändert. „Sie haben den Urinstinkt verlernt und sind total verunsichert, weil sie ein enormes Spannungsfeld auszuhalten haben. Dabei verwechseln sie bedürfnisorientierte Pädagogik mit der wunschorientierten Pädagogik.“ Auch seien heutzutage viel mehr Elterngespräche notwendig. Und die Kinder? „Oftmals nicht reif für die Kita, weil Alltagskompetenzen gänzlich fehlen“.

Kleinere Gruppen, ein besserer Personalschlüssel und eine fundiertere Ausbildung würden ihrer Meinung helfen, den Beruf wieder attraktiver zu machen. „Es braucht bessere Rahmenbedingungen und mehr Wertschätzung. Und beim Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung an der Grundschule sollte man sofort zurückrudern und diesen stoppen.“

Ein Kreislauf, der krank macht

Die geschilderten Probleme decken sich mit zahlreichen Berichten von anderen Betroffenen, die ebenfalls anonym bleiben möchten: Viele wissen nicht, ob und wie lange sie den Beruf noch weiter ausüben können. Oft schleppen sich die Beschäftigten krank zur Arbeit oder kurieren Krankheiten nicht richtig aus, weil sie wissen, dass sonst kürzere Öffnungszeiten oder Schließungen drohen. Mehrmals wird berichtet, dass die Kinder häufiger krank in die Einrichtungen gebracht werden - weil die Eltern vom Arbeitgeber Druck kriegen oder einfach nur aus Bequemlichkeit, wie es heißt. Ein Kreislauf, der zu weiteren Ausfällen führt und das System immer mehr kollabieren lässt.

Hinzu kommen Träger, die sich nicht immer schützend vor das Personal stellen, was für weiteren Frust sorgt. Dass es kaum noch um pädagogische Bildung, Erziehung und Betreuung geht beziehungsweise diese nicht mehr möglich ist, wird in sämtlichen Gesprächen deutlich. „Aufbewahren und beaufsichtigen“: Dieses Motto wird mancherorts immer mehr zur Gewohnheit.

Info: Unter „Leben & Lernen“ finden sich zahlreiche weitere Artikel rund um das Thema Kindergarten. (ms)

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