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Schifffahrtsbranche

Warum Einzelhändler Lidl eine Reederei gegründet hat – und mit eigener Schiffsflotte den Weltmarkt aufwirbelt

Vor zwei Jahren gründete Lidl über seine Stiftung eine eigene Reederei namens Tailwind Shipping Lines. Ein ungewöhnlicher Schritt für einen Einzelhändler – hat er sich bewährt?

Neckarsulm/Hamburg – Die wirtschaftlichen Wege des Einzelhändlers Lidl verlassen mitunter den Pfad des eigenen Kernbusiness. Dafür sorgt in regelmäßiger Zuverlässigkeit Dieter Schwarz – Gründer und Vorsitzender der Schwarz-Gruppe. Derzeit baut der öffentlichkeitsscheue Milliardär über den Lidl-Mutterkonzern sowie die hauseigene Stiftung etwa ein Forschungs- und Entwicklungszentrum zu Künstlicher Intelligenz in Heilbronn auf. Nebenher investiert die Schwarz-Gruppe in die deutsche KI-Hoffnung Aleph Alpha, das sich als europäische Alternative zu OpenAI etablieren möchte.

Samt Anteilskäufen sowie Finanzspritzen für Forschung und Entwicklung sollen laut Manager Magazin rund 400 Millionen Euro geflossen sein. Man wolle die digitale Souveränität Deutschlands bei der Schlüsseltechnologie KI sichern – hieß es damals aus dem Firmenumfeld.

Lidl investiert in die Souveränität seiner Lieferketten – und gründet eigene Reederei

Souveränität – das scheint sozusagen ein Mantra der Schwarz-Gruppe, speziell Lidl, zu sein. Als die Lieferketten des Einzelhändlers während der Corona-Pandemie – wie bei nahezu allen anderen Händlern auch – stockten, Produkte sich verzögerten und sich das so wichtige saisonale Geschäft verschleppte, entwarf die Konzernspitze einmal mehr einen Autonomie-Plan. Kurzerhand gründete sie unter dem Dach der Schwarz-Stiftung im Juli 2022 die eigene Containerreederei Tailwind Shipping Lines. Innerhalb der Branche wurde dieser ungewöhnliche Schritt wohlwollend beäugt – die Konkurrenz sah Schwarz munter in eine umkämpfte Branche mit wenigen Platzhirschen sowie hohem Kostendruck tapsen.

Trubel um Lidl: Der Discounter hat angeblich bis zu 550 Märkte illegal vergrößert. (Symbolfoto)

Doch was einst als Nachwehe der Corona-Pandemie gestartet ist, hat sich mittlerweile etabliert. Laut einem Bericht der Welt verfügt die neue Tochterfirma bereits über eine Flotte von neun Frachtschiffen, darunter zwei eigenen Frachtern sowie rund 30.000 Container. Längst transportiert Lidl eigene Ware aus asiatischen Standorten wie Chattogram in Bangladesch oder Colombo in Sri Lanka nach Europa.

Tailwind Shipping Lines nutzt kleinere Häfen in Europa und kürzere Transportwege

Auch Auftragstransporte von anderen Unternehmen bietet der Konzern mittlerweile an. Angesteuert werden dabei nicht die großen Häfen in Amsterdam, Rotterdam oder Hamburg – wo Tailwind übrigens ganz in Reederei-Tradition seinen Firmensitz hat. Vielmehr laufen die Schiffe in kleineren Städten wie Barcelona, Koper (Slowenien) oder Moerdijk (Niederlande) ein. Der Vorteil sind kürzere Transportwege sowie Wartezeiten auf Liegeplätze sowie schnellere Abfertigungen in den Zielhäfen: „Unser wichtigstes Ziel ist es, die zugesagten Transportzeiten einzuhalten. Die Reederei nutzt dafür Seerouten mit nur wenigen Haltepunkten“, erklärt Geschäftsführer Christian Stangl gegenüber der Welt. Das sei ein Effizienzgewinn gegenüber größeren Reedereien von rund einer Woche.

Reaktion auf Huthi-Rebellen: Preise, Transportwege und Kapazitäten hat Lidl in eigener Hand

Gerade die je nach weltpolitischer Sicherheitslage auf den Weltmeeren teilweise stark changierenden Transportkosten oder jene Corona-Lieferengpässe ließen sich so eigenverantwortlich beeinflussen. Erst kürzlich hat sich die Strategie bewährt, als die Rebellengruppe Huthi im Roten Meer und dem Suezkanal gezielt westliche Handelsschiffe mit Raketen beschoss. Plötzlich stand die weltweite Transportlogistik wieder mal Kopf, die Preise pro Container zogen deutlich über 10.000 US-Dollar an und Lieferungen verzögerten sich.

Doch anders als die Konkurrenz, die überwiegend auf die großen Anbieter wie Hapag-Lloyd, Maersk oder MSC setzt, konnte Lidl seine Flotten und Lieferungen direkt über die eigenen Drähte mit Tailwind koordinieren. So orchestrierte das Unternehmen in Folge der Huthi-Angriffe die Schiffe kurzfristig entlang der südafrikanischen Küste am Kap der Guten Hoffnung und passte die Kapazitäten auf die jeweiligen Zielhäfen in Europa an.

Keine direkte Konkurrenz zu Großreedereien – Lidl sieht Tailwind als „Premiumanbieter“

„Mit […] weiteren kurzfristig gecharterten Schiffen stellen wir sicher, dass uns und unseren Kunden trotz längeren Transitzeit ausreichend Kapazitäten zur Verfügung stehen“, erklärte ein Unternehmenssprecher von Lidl gegenüber dem Branchenportal HANSA. Das gewährleistet eine flexible Verlässlichkeit, die Kunden von Großreedereien kurzfristig nur schwer umsetzen könnten. Zumindest teilweise. Laut Stangl setze Lidl für Produkte, die keinen saisonalen Verkaufsdruck unterliegen, nach wie vor auf Kooperationen mit den Branchenriesen. Und diese Strategie soll auch vorerst so bleiben – in Pressemitteilungen präsentiert sich das Unternehmen vorerst als Premiumanbieter in Nischensegmenten.

Obwohl Tailwind überproportional wächst: Laut dem Branchendienst Linerlytica verdoppelte sich die Gesamtkapazität bis März auf 40.000 Standardcontainer – fast doppelt so viele wie noch im Juli 2023. Außerdem rückte das Hamburger Unternehmen auf Rang 38 der größten Containerreedereien weltweit vor.

Kehrseite Umweltbilanz: Doppelt so hoher Verbrauch an Kohlendioxid als größere Anbieter

Kritik gibt es für Tailwind von Umweltverbänden. Die Schifffahrtindustrie gilt ohnehin bereits als Klimasünder und verzeichnet einen jährlichen Ausstoß von rund eine Milliarden Tonnen Kohlendioxid. Doch noch weisen die großen Reedereien aufgrund der höheren Ladekapazität pro transportierten Container eine bessere Umweltbilanz als Tailwind aus. Das ausgestoßene Kohlendioxid sei laut Experten „doppelt so hoch“, heißt es in der Welt. Außerdem liefen die Schiffe mit umweltschädlichem Schweröl, wenngleich Tailwind beteuert, in Meeresschutzgebieten weniger schmutzigen Marinediesel zu verwenden. Laut Unternehmensangaben senke man dadurch den Verbrauch um rund 25 Prozent. Dennoch wird die schwächere Vergleichsbilanz zu den Branchenriesen vorerst so bleiben.

Zumindest so lange, bis sich Dieter Schwarz entschließt, die Kapazitäten auf jenes der Mitbewerber um Hapag-Lloyd, Maersk und Co zu erhöhen. Oder, bis der Konzern erneut neue Wege geht – und etwa auf umweltschonenden Transport umrüstet.

Rubriklistenbild: © Marijan Murat/dpa

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