Entgegen der Erwartung
Unvorhergesehene Entwicklung: Sollte das Renten-Alter womöglich wieder reduziert werden?
Zur Sicherstellung der Rentenkontinuität wird eine Bindung des Rentenalters an die Lebenserwartung in Betracht gezogen. Dabei tritt jedoch eine ungewöhnliche Veränderung zutage. Die Konsequenzen sind noch nicht absehbar.
Wiesbaden – Das Rentenalter steigt bis 2031 auf 67 Jahre. Konkret trifft das alle ab dem Jahrgang 1964. Sie sind die ersten, die erst in diesem Alter in Rente können. Doch Fachleute diskutieren bereits, wie es mit der Regelaltersgrenze weitergeht. Denn die geburtenstarke Boomer-Generation scheidet aus dem Erwerbsleben aus. Immer weniger Beschäftigte müssen damit immer mehr Rentner finanzieren. Einige Ökonomen fordern deshalb, das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung zu koppeln. Einige halten bereits eine Rente mit 70 für nötig.
Rentenbeginn soll mit Lebenserwartung steigen – doch die geht zurück
„Wir kommen langfristig nicht drumherum, das gesetzliche Rentenalter an die fernere Lebenserwartung zu koppeln und ab 2031 langsam über 67 Jahre hinaus weiter anzuheben“, hatte die Wirtschaftsweise Veronika Grimm etwa gefordert. Es ist eine der Forderungen des Sachverständigenrats Wirtschaft, um die Rente zu stabilisieren.
Doch ein Trend der vergangenen Jahre wirft dabei nun Fragen auf: Die durchschnittliche Lebenserwartung ist während der Corona-Pandemie gesunken. Die allgemeine Lebenserwartung sank 2021 im Vergleich zu 2020 im bundesweiten Durchschnitt um knapp 0,3 Jahre bei Frauen, teilte das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BIB) im vergangenen November mit. Bei Männern sei sie um 0,4 Jahre gefallen. Auch 2022 beobachteten die Fachleute einen Rückgang um 0,11 Jahre.
Lebenserwartung geht zurück – doch die Auswirkungen auf die Rente sind noch unklar
2023 habe es schließlich erstmals „Anzeichen für eine Erholung bei der Lebenserwartung in allen Bundesländern und für beide Geschlechter gegeben“, heißt es im BIB-Bericht. „Deutschland als Ganzes hat im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern auch 2023 noch nicht wieder das Vorpandemieniveau bei der Lebenserwartung erreicht“, erklären die Forscher jedoch.
Inwieweit die Beobachtung sich auf die Rente auswirkt, ist unklar – besonders mit Blick auf die besondere Situation der Pandemie. Eine Entscheidung der Rentenkommission über Änderungen an der Altersgrenze soll jedoch schon bald fallen, wie das Portal Ihre-Vorsorge.de berichtet. „2026 sollte der Alterssicherungsbeirat den gesetzgebenden Körperschaften seine Empfehlung abgeben, ob und in welcher Weise die Anhebung der Altersgrenzen erforderlich und vertretbar ist“, zitierte das von Trägern der Rentenversicherung betriebene Portal.
Späterer Beginn verkürzt Bezugsdauer der Rente – laut Studie
An einer weiteren Anhebung des Rentenalters und der Kopplung mit der Lebenserwartung gibt es jedoch auch Kritik. Die Lebenserwartung sei nicht so sehr gestiegen, wie das Renteneintrittsalter, stellte Datenexpertin Dagmar Pattloch in einer Studie fest. Bereits die Erhöhung auf 67 Jahre sei damit unverhältnismäßig hoch.
Die durchschnittliche Dauer der Renten habe sich seit der Einführung der Rente mit 67 und der schrittweisen Annäherung nicht verlängert, sondern verkürzt, heißt es in der Untersuchung der Datenexpertin beim Forschungsdatenzentrum der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Bei Frauen sei diese um 1,3 Jahre, bei Männern um 0,8 Jahre gefallen. Die Anhebung der Regelaltersgrenze habe damit „tatsächlich die beabsichtigte Wirkung, die Inanspruchnahme der Rente zu reduzieren“, erklärte Pattloch.
In der bisherigen Entwicklung hat sich die Rentendauer in Deutschland verlängert. 2022 waren Männer im Schnitt 18,8 Jahre in Rente, Frauen 22,2 Jahre. 25 Jahre zuvor, 1997, waren es noch 13,5 Jahre bei den Männern und 18,5 Jahre bei den Frauen.
Rubriklistenbild: © Gustafsson/Imago
