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Frankfurter Rundschau vor Ort

„Zu langsam“: Merz-Bekenntnis und skurrile Pannen zum Start der Hannover Messe

Die Hannover Messe startete mit mehreren skurrilen Momenten. Kanzler Merz beschwor derweil Reformpläne – doch die Industrie bleibt verhalten bis skeptisch.

Der erste Tag der Hannover Messe startete mit Seltsamkeiten. Am Morgen eröffneten Bundeskanzler Friedrich Merz und Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva die weltgrößte Industriemesse. Brasilien ist in diesem Jahr Partnerland. Beim anschließenden obligatorischen Kanzlerrundgang liefen Kanzler und Präsident dann aber – anders, als von den meisten erwartet – getrennt über das Gelände. Lula besuchte die Stände brasilianischer Aussteller, Merz zog zu Siemens, Beckhoff und anderen Unternehmen weiter. Geplant schien das nicht gewesen zu sein, wie man von Messe-Verantwortlichen hörte.

Kanzlerrundgang auf der Hannover Messe: Friedrich Merz nahm eine andere Route als Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva.

Dann der zweite skurrile Moment: Dirk Görlitzer, CEO des Automationsspezialisten Phoenix Contact, begrüßte den Kanzler mit „Herr Merkel“. Es folgte ein kurzer Moment der Stille – und ein irritierter Blick des Kanzlers, bis sich der Unternehmenschef noch mit einem beherzten „Herr Merz!“ fing. Wenn man solche Ereignisse als Symbole betrachten möchte, könnte man sie so deuten: Irgendwas knirscht da zwischen Industrie und Bundesregierung.

Merz auf Hannover Messe: Deutlicher Appell der Industrie

Tatsächlich war mehrfach ein Appell in Richtung Merz sowie Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) und Forschungsministerin Dorothee Bär (CSU), die den Rundgang begleiteten, zu hören – mal implizit, mal sehr deutlich ausgesprochen: Die Koalition müsse aktiv werden und die Wirtschaft endlich wieder in Schwung bringen.

„Ja, es ist so, wir haben über mindestens eine Dekade etwas versäumt. Wir sind zu langsam geworden. Wir haben den Zug der Zeit, die Entwicklung auf der Welt in vielerlei Hinsicht nicht richtig eingeschätzt“, sagte Merz. Doch jetzt gebe es „einen Plan“ und „feste Vorhaben“. Vor einer Woche hatte die Koalition Reformpläne angekündigt. Die Bürgerinnen und Bürger sollen entlastet, die Industrie nachhaltig gestärkt werden. Seitdem allerdings geißeln viele Experten und Wirtschaftsvertreter den geplanten großen Wurf als Stückwerk und Reförmchen. Auch an den Ständen auf der Hannover Messe war eher Skepsis zu spüren: Man hofft durchaus, aber glaubt noch nicht so recht.

Auch wenn der Kanzler betonte: „Wir priorisieren und fördern sechs Schlüsseltechnologien, die aus unserer Sicht zentral sind für den technologischen Fortschritt unseres Landes: Quantentechnologie, Mikroelektronik, Biotechnologie, Fusion und klimaneutrale Energieerzeugung, Technologie für die klimaneutrale Mobilität und eben Künstliche Intelligenz.“ KI ist in diesem Jahr eines der Kernthemen auf der Hannover Messe – neben Verteidigung. Erstmals setzt die Messe einen Schwerpunkt auf die Rüstungsindustrie, ein ganzer Hallenbereich ist unter dem Titel „Defense Production Park“ dafür vorgesehen. Und Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) ist als Speaker auf der Hauptbühne am Montagnachmittag eingeplant.

Wirtschaftsministerin Katherina Reiche und Charlotte Merz, die Frau des Kanzlers, waren auch beim Kanzlerrundgang dabei.

Die Messe steht noch unter einem weiteren Zeichen: Mercosur. Das Abkommen mit lateinamerikanischen Ländern soll am 1. Mai vorläufig in Kraft treten. Die Bundesregierung setzt große Hoffnung in die neue Partnerschaft. Mercosur sei „die richtige Antwort auf die Umbrüche, die wir gegenwärtig erleben“, so Merz. Nicht zuletzt angesichts einer immer erratischer scheinenden Außenpolitik von US-Präsident Donald Trump sucht Deutschland dringend neue, verlässliche Partner. „Es ist eine Antwort an all diejenigen, die heute Machtpolitik auf der Welt mit militärischen Mitteln an die Stelle von regelbasierter Ordnung, Verträgen und Verlässlichkeit setzen wollen.“

Immerhin: Die Grundvoraussetzungen sind gut, viele große deutsche Unternehmen sind schon seit Jahrzehnten in Brasilien aktiv. São Paulo, die größte Stadt des Landes, und Umland gelten längst als größte deutsche Industrieregion außerhalb der Bundesrepublik, mehr als 1200 deutsche Unternehmen sind dort angesiedelt. „Wir haben diesen Teil der Welt in den letzten Jahrzehnten vernachlässigt. Ein Fehler, den wir korrigieren“, sagte jüngst Serap Güler (CDU), Staatsministerin im Außenministerium, im Interview mit unserer Redaktion. Ähnlich sprach nun auch Merz, der Großes beschwor: „Es hat 25 Jahre gedauert, bis dieses Abkommen nun in Kraft treten kann. Bald aber ist es der größte Freihandelsraum der Welt.“ (Quellen: Besuch der Hannover Messe, eigene Recherchen)

Rubriklistenbild: © Peter Sieben

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