Energiekrise 2.0
Leere Gasspeicher, nervöse Märkte – was der Iran-Krieg für Deutschland bedeutet
Europas Gasspeicher sind so leer wie seit Jahren nicht. Der Iran-Krieg treibt die Preise. Was das für Deutschland bedeutet.
Die deutschen Gasspeicher sind auf einem historischen Tiefstand, die Weltmärkte reagieren nervös, und ein Krieg im Persischen Golf heizt die Lage zusätzlich an. Was bedeutet das konkret für Verbraucher, Industrie und die Energieversorgung in Deutschland – und wie ernst ist die Situation wirklich?
Deutschland auf Sparflamme? Gasspeicher auf dem niedrigsten Stand seit Jahren
Wer die aktuellen Zahlen der Bundesnetzagentur betrachtet, kann sich dieser Tage gerne mal die Augen reiben: Die deutschen Gasspeicher waren Ende Februar 2026 nur noch zu rund 20 Prozent befüllt. Damit liegt der Füllstand sogar unter dem Niveau von 2022 – also jenem Jahr, in dem Russland die Ukraine überfiel und Europas erste große Energiekrise in diesem Jahrhundert ausbrach. Europaweit sieht es kaum besser aus: Die EU-Speicher lagen laut Natasha Fielding, leitende Expertin für den globalen Gas- und LNG-Markt bei der Preisagentur Argus Media, bei knapp 30 Prozent der Kapazität, gegenüber 53 Prozent im Vorjahreszeitraum. „Der Unterschied zum Vorjahr entspricht fast 100 LNG-Lieferungen“, so Fielding.
Auch vor dem Winter 2025 war die Ausgangslage angespannt: Die Speicher waren seinerzeit nur zu 76,7 Prozent gefüllt – während der höchste Füllstand im Jahr 2024 noch bei rund 98 Prozent gelegen hatte. Die Bundesnetzagentur gibt dennoch vorerst Entwarnung. „Die Gasspeicher entleeren sich im Moment im Rahmen der marktlichen und wetterbedingten Erwartungen. Die Speicherfüllstände sind weiter wichtig, aber kein Indiz für eine Gasmangellage“, teilte die Behörde mit. Zur Beruhigung trägt auch die diversifizierte Versorgungsstruktur bei: Deutschland importiert aktuell das meiste Gas aus Norwegen, den Niederlanden und Belgien sowie über LNG-Terminals an der deutschen Küste.
Krieg im Nahen Osten: Wie abhängig ist Deutschland vom Persischen Golf?
Eines vorab: Deutschland ist vom Konflikt im Persischen Golf direkt kaum betroffen. Das zeigen auch die Eurostat-Daten aus dem Gesamtjahr 2025. Bei Flüssiggas, kurz LNG, stammen 52,5 Prozent der europäischen Importe aus den USA, während Katar mit einem Anteil von 8,4 Prozent lediglich den dritten Platz belegt – hinter Russland mit 16 Prozent. Afrikanische Länder wie Algerien (7,7 %), Nigeria (4,9 %) und Angola (3,2 %) liefern zusammen ebenfalls mehr LNG nach Europa als das Emirat am Golf.
Beim Pipelinegas sieht die Lieferstruktur ohnehin völlig anders aus. Insgesamt sind die fünf wichtigsten Lieferanten Europas – allesamt nicht vom Iran-Krieg betroffen:
- Algerien (27,4 %)
- Norwegen (24,9 %)
- Russland (16,3 %)
- Großbritannien (14,4 %)
- Aserbaidschan (12,8 %)
Hinzu kommt: Rund 82 Prozent der LNG-Tanker, die durch die Meerenge von Hormus fuhren, hatten im vergangenen Jahr Asien als Ziel – allen voran Indien, China, Japan und Südkorea. Nur 18 Prozent steuerten europäische Häfen an. Eine akute physische Gasknappheit in Deutschland oder Europa ist damit nach Einschätzung von Experten und Behörden nicht zu erwarten: „Gas vom Persischen Golf spielt für die deutsche Versorgung eine überschaubare Rolle“, erklärte BNetzA-Präsident Klaus Müller gegenüber Reuters. Die Gasversorgung in Deutschland sei „aktuell sicher“.
Nadelöhr Straße von Hormus: Frachtmärkte unter massivem Druck
Auch wenn Deutschland nicht direkt auf Golf-Gas angewiesen ist, spüren die globalen Transportmärkte die Eskalation im Nahen Osten sofort – und das hat mittelfristig Folgen für alle. Laut Sheel Bhattacharjee, leitendem Experten für den europäischen Frachtmarkt bei Argus Media, schossen die Frachtraten aus dem Persischen Golf über alle Tankersegmente hinweg nach oben, nachdem sich der US-Iran-Konflikt übers Wochenende stark verschärft hatte.
Besonders deutlich zeigte sich das beim wichtigen VLCC-Segment – also bei sogenannten Very Large Crude Carriers, der größten Klasse von Öltankern. Auf der Route Naher Osten nach China explodierten die Frachtraten binnen eines einzigen Handelstages: Gemessen am Worldscale-Index (WS) – dem internationalen Standardsystem für Tankerfrachtraten, bei dem WS 100 die jährlich festgelegte Basisrate darstellt und alle Marktraten als Prozentsatz davon angegeben werden – stieg die Rate laut Bhattacharjee von WS 222,5 am Freitag auf WS 400 am Montag, dem 2. März. Das entspricht einem Anstieg von rund 80 Prozent: Reeder konnten plötzlich fast doppelt so viel verlangen wie noch zwei Tage zuvor.
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Versicherer ziehen sich zurück – Reeder meiden die Durchfahrt Straße von Hormus
Gleichzeitig zogen sich Charterer weitgehend aus dem Markt zurück und vermieden es, Schiffe zu buchen. Der Grund: Versicherer hatten die Kriegsrisikoabdeckung für Schiffe in bestimmten Regionen rund um die Straße von Hormus ausgesetzt. „Die meisten Reeder mieden die Durchfahrt durch die Straße von Hormus, nachdem die Versicherer die Kriegsrisikoversicherung für Schiffe in bestimmten Gebieten der Region gekündigt hatten“, erklärt Bhattacharjee. Für die Segmente Suezmax und Aframax – mittelgroße Tankerschiffe – erwartet er weiteren Aufwärtsdruck bei den Raten, da die erhöhten Sicherheitsrisiken rund um die Straße von Hormus, „einer der weltweit wichtigsten Energiekorridore“, zusätzliche Unsicherheit schafften.
Dabei ist die Meerenge offiziell nicht gesperrt. Häfen in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Oman und Kuwait seien weiterhin in Betrieb, und Ölproduzenten im Nahen Osten hätten bislang keinen Produktions- oder Ladestopp angekündigt, so Bhattacharjee unter Berufung auf Marktquellen. Dennoch meiden die meisten Reeder die Durchfahrt – mit spürbaren Folgen für die globalen Energietransportkosten.
Preisschock statt Gasmangel: Was deutsche Verbraucher spüren werden
Das eigentliche Problem ist also nicht die Menge – es ist der Preis. Und hier sind sich Experten einig: Es wird teurer. Der Chefvolkswirt der ING, Carsten Brzeski, rechnet in einem Interview mit n-tv vom 2. März mit einer Verdoppelung der Energiepreise. „Noch im Herbst lag der Ölpreis bei 50 Dollar pro Barrel und jetzt rechnen wir damit, dass er auf 100 Dollar oder darüber steigen könnte“, sagte Brzeski. Mit dem Ölpreis steigen erfahrungsgemäß auch die Gaspreise.
Kurzfristig dürften Privathaushalte davon zunächst wenig spüren, weil Versorger ihr Gas häufig über Langfristverträge auf dem Terminmarkt gesichert haben. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sagte am Rande einer Veranstaltung in Halle, dass „mit einem Preisaufschlag zu rechnen“ sei, „aber tatsächlich nicht mit schwereren Konsequenzen“. Private Haushalte hätten „in der Regel längerfristige Verträge mit Preisgarantien“. Mittelfristig jedoch könnte die Lage deutlich ungemütlicher werden. Wenn der Ölpreis nachhaltig über 100 Dollar pro Barrel steige und dort einige Monate bleibe, „müssen wir uns schon im Sommer auf Inflationsraten um fünf Prozent einstellen“, warnte Brzeski. Das bedeute einen spürbaren Kaufkraftverlust für viele Haushalte.
Deutsche Industrie besonders verwundbar – trotz Industriestrompreis
Während Privathaushalte durch langfristige Verträge zunächst abgepuffert sind, trifft der Preisanstieg Industriebetriebe und Kraftwerke, die in größerem Umfang am Spotmarkt einkaufen, schneller und härter. Besonders deutlich wurde das bereits am Montag an der Börse: Der DAX verlor 2,3 Prozent, und am Dienstagvormittag weitere 3,5 Prozent – besonders stark sanken die Kurse von Chemie- und Touristikkonzernen.
Denn Branchen wie Chemie, Automobil und Schwerindustrie bleiben trotz aller Anpassungen stark energieabhängig. Zwar gibt es inzwischen den Industriestrompreis als staatliche Entlastung, doch die strukturelle Verwundbarkeit gegenüber Energiepreisschocks bleibt hoch. Berechnungen der EZB zeigen laut Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank, dass ein Ölpreisanstieg um zehn Prozent mittelfristig das Potenzialwachstum um 0,2 Prozent drücke. „In diesem Falle wären die wirtschaftlichen Folgen signifikant“, sagte Gitzel. Für die deutsche Wirtschaft, die laut Bundesregierung dieses Jahr um ein Prozent wachsen dürfte, wäre das bereits schmerzhaft. Simone Tagliapietra vom Brüsseler Thinktank Bruegel sieht auch keinen relativen Wettbewerbsvorteil für Europa durch den Konflikt: „Die europäische Industrie wird aus dieser Situation voraussichtlich keinen Nutzen ziehen – auch weil Asien im Bedarfsfall leichter als Europa auf Kohle als Brennstoff umsteigen kann.“
Die eigentliche Herausforderung: Speicher für den nächsten Winter auffüllen
Die unmittelbar dringlichste Frage lautet nicht, ob Deutschland den Rest des Winters übersteht – sondern ob es gelingt, die Speicher rechtzeitig für den Winter 2026/2027 zu füllen. „Die eigentliche Herausforderung wird im Sommer kommen, wenn Europa seine Vorräte für den nächsten Winter wieder auffüllen muss“, so Fielding von Argus Media. Eine länger anhaltende Unterbrechung der Lieferungen vom Persischen Golf „würde Bedenken darüber aufkommen lassen, wie Europa seine Gasversorgung im nächsten Winter sicherstellen kann.“ Eine notwendige Wiederauffüllung der Speicher unter erschwerten Marktbedingungen könnte die Energiekosten für die Industrie weiter erhöhen. Auch die Gefahr, dass Europa mit asiatischen Abnehmern um flexible Gaslieferungen auf dem Spotmarkt konkurrieren muss, ist laut Tagliapietra vom Bruegel-Institut real – ein Phänomen, das bereits während der Energiekrise 2021 bis 2023 zu beobachten war.
Wirtschaftsministerin Reiche hält unterdessen vorerst an einer marktwirtschaftlichen Lösung fest. „Eingriffe in den Markt macht man erst dann, wenn sie absolut unvermeidbar sind – und da sind wir wirklich noch fern davon“, betonte sie. Sie verwies darauf, dass aktuell sogar Einspeicherungen stattfänden: „Das zeigt, wir haben ein diversifiziertes Portfolio, was erst mal eine Sorge nimmt, dass es zu Knappheiten kommen könnte.“ (ls)
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