Verzögerter Ruhestand
Länger arbeiten statt Rente: Der Arbeitsmarkt ist nicht bereit dafür
Ältere Menschen sollen später in Rente gehen. Wer einen neuen Job sucht, hat es auf dem Arbeitsmarkt jedoch schwer. Was sind die Gründe?
München – Politiker und Fachleute wollen gleich zwei Probleme mit einem Werkzeug lösen: Einerseits fehlen in Deutschland zahlreiche Fachkräfte. Andererseits sorgt die Alterung der Gesellschaft für steigende Kosten bei der Rente sowie der Pflege- und Krankenversicherung. Eine Lösung dafür: Ältere Menschen sollen länger arbeiten – entweder durch die Anhebung des Renteneintrittsalters, oder durch freiwillige Anreize.
Die Beteiligung von älteren Menschen bietet Ökonomen zufolge eine große Chance für den Arbeitsmarkt. Wenn das Rentenalter von 67 auf 69 Jahre angehoben würde, werden dadurch 473.000 Vollzeitstellen gewonnen, lautete etwa das Ergebnis einer Arbeitsmarkt-Analyse des Ifo-Instituts. Bei einer Abschaffung der sogenannten Rente mit 63 würden 157.000 Arbeitskräfte gewonnen werden.
Politik setzt auf Anreize für einen Aufschub der Rente, doch der Arbeitsmarkt geht noch nicht mit
Politisch ist die Abschaffung der Frührente nach 45 Beitragsjahren, wie die Rente mit 63 eigentlich heißt, und die Anhebung des Rentenalters im Allgemeinen umstritten. Besonders die SPD stellt sich immer wieder gegen die Forderung. Die Ampel-Koalition hat daher im Rahmen der sogenannten Wachstumsinitiative die Rentenaufschubprämie als Anreiz für Arbeit im Alter beschlossen. Damit könnte es einen Einmal-Bonus in Höhe von 20.000 Euro für Rentner geben. Schon jetzt gibt es Anreize für eine Weiterarbeit im eigentlichen Rentenalter. Wer den Ruhestand aufschiebt, erhält für jeden zusätzlich gearbeiteten Monat 0,5 Prozent mehr Rente.
Trotz des Fachkräftemangels und der zunehmenden Belastung des Sozialsystems scheint der Arbeitsmarkt noch nicht auf ältere Menschen eingestellt zu sein. Auf der einen Seite liegt die Erwerbsquote der 55- bis 64-Jährigen bei 74 Prozent. Laut FAZ liegt das jedoch vor allem am späteren Rentenbeginn. Zudem arbeiten bereits viele Menschen während der Rente. Wer jedoch älter als 55 Jahre ist, ist demnach 108 Tage länger arbeitslos als jüngere Menschen.
Trotz Fachkräftemangel haben es ältere Menschen schwer: Was sind die Gründe?
Die Wahrscheinlichkeit als Person ab einem Alter von 50 Jahren eingestellt zu werden, ist laut Martin Brussig von der Universität Duisburg nur halb so hoch wie als jüngerer Mensch. „Es ist für ältere Arbeitnehmer trotz Fachkräftemangels nicht einfacher geworden, einen Job zu finden“, sagte Brussig der FAZ.
Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Zum einen gibt es Vorurteile in den Unternehmen: Ältere Menschen seien nicht lernfähig und schwer zu führen. Zudem werden älteren Bewerbern häufig geringere Digitalkompetenzen zugeschrieben, berichtete die Wirtschaftswoche.
Eine weitere Ursache ist, dass ältere Beschäftigte häufiger krank sind. Menschen ab 60 Jahren versäumen laut der Krankenkasse DAK im Schnitt etwa neun Prozent ihrer Arbeitszeit, bei 50- bis 59-Jährigen sind es sechs Prozent. 30- bis 34-Jährige versäumen dagegen vier Prozent der Arbeitszeit. Ein weiteres Problem sind zu hohe Erwartungen ans Gehalt. „Diese hohen Ansprüche sind aber oft unrealistisch“, erklärte Beraterin Claudia Michalski der Wirtschaftswoche.