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Schutz vor Arbeitslosigkeit

Bürgergeld als Risiko: Top-Qualifikation bietet keinen kompletten Schutz – mit einer Ausnahme

Bürgergeld wird immer häufiger von Menschen mit Top-Qualifikationen benötigt, die in die Arbeitslosigkeit geraten. Eine andere Gruppe profitiert hingegen.

Frankfurt – Bildung gilt als die beste Versicherung vor Arbeitslosigkeit und – final – der Abhängigkeit des stigmatisierten Bürgergelds. Mehr als zehn Prozent der Langzeiterwerbslosen haben etwa keinen Schulabschluss. Zwei Drittel aller Leistungsbeziehenden können keine abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen. Doch rutscht eine Gruppe immer häufiger in Arbeitslosigkeit, die formell die höchste Bildung vorweisen kann: Menschen mit Hochschulabschluss.

Bürgergeld könnte bald Hochqualifizierte treffen: „Arbeitslosenzahl hat überdurchschnittlich zugenommen“

Bei Hochqualifizierten gibt es im Vergleich zu vor fünf Jahren 66 Prozent mehr Arbeitslose. Das geht aus einer Auswertung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hervor, über die die FAZ zuerst berichtet hatte. Das IW zählt dabei jedoch nicht nur Akademikerinnen und Akademiker, sondern auch Meisterinnen und Meister sowie Technikerinnen und Techniker. Der Anstieg sei jedoch von einem geringen Niveau ausgegangen.

Studierende könnten nach ihrem Abschluss in Arbeitslosigkeit rutschen und von Bürgergeld leben müssen. (Symbolfoto)

„Die Arbeitslosenzahl hat überdurchschnittlich zugenommen“, erklärte auch ein Sprecher der Bundesagentur für Arbeit (BA) auf IPPEN.MEDIA-Anfrage. Auch auf dem Arbeitsmarkt für Akademikerinnen und Akademiker habe die Wirtschaftsschwäche „deutliche Spuren hinterlassen“, lautete die Erklärung.

Arbeitsagentur ordnet ein: Trotz Anstieg liegt Arbeitslosenquote von Akademikern bei 2,9 Prozent

Trotz des Anstiegs signalisierte die Arbeitslosenquote von 2,9 Prozent laut BA jedoch weiterhin Vollbeschäftigung. Der Sprecher verwies darauf, dass die sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit einem akademischen Abschluss 2024 um 166.000 oder zwei Prozent zugenommen habe. Vor allem wirtschaftswissenschaftliche Berufe, Informatikerinnen und Informatiker sowie Medizin und Pharmazie hätten zum Beschäftigungsplus beigetragen. Auch Psychologie und juristische Berufe wiesen „hohe prozentuale Zuwächse“ auf.

Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist für viele Bewerberinnen und Bewerber dennoch schwer. Die stagnierende Wirtschaft erschwere die Jobsuche, hatte das Bundesarbeitsministerium im Mai erklärt. Besonders die Chancen von Menschen, die schon von Arbeitslosigkeit betroffen sind, seien „aktuell auf einem historischen Tiefstand“. Denn die Zahl der monatlichen Stellen sei „so gering wie seit Jahrzehnten nicht mehr“. Dazu richteten sich 80 Prozent der gemeldeten Arbeitsstellen an Fachkräfte mit abgeschlossener Berufsausbildung. Das trifft jedoch vor allem Bürgergeld-Beziehende, die das zu zwei Drittel nicht vorweisen können.

Unternehmen bauen Stellen über weniger Neubesetzungen ab – das trifft vor allem junge Menschen

Doch auch insgesamt werden laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) weniger Stellen ausgeschrieben. Lediglich große Unternehmen ab 500 Mitarbeitenden haben die Zahl der Jobangebote erhöht. Kleinere Firmen haben es jedoch deutlich reduziert, sodass die Zahl der ausgeschriebenen Stellen laut der Forschungseinrichtung der BA um rund ein Drittel zurückgegangen ist.

Engpässe belasten Wirtschaft: In diesen 15 Berufen ist der Fachkräftemangel am größten

Ein Koch steht an einer Arbeitspfläche in einer Küche und richtet seine Zutaten, darunter sind Tomaten.
Viele Restaurants müssen mehrere Ruhetage machen oder können nur mittags oder abends öffnen, weil ihnen Mitarbeiter fehlen. Besonders bei ausgebildeten Köchen haben es Unternehmen schwer, Personal zu finden. Aber auch im Service bleiben zahlreiche offene Stellen unbesetzt. In der Engpass-Analyse der Bundesagentur für Arbeit (BA) ergibt sich ein Index-Wert von 2,3. © Harald Tittel/dpa
Urteil im Prozess um heimliche Videos vom Schlachthof
Es gibt kaum noch Nachwuchs: Die Zahl der Auszubildenden im Fleischerhandwerk geht seit Jahren zurück. Laut dem Zentralverband des Deutschen Handwerks machten rund 2300 Menschen eine Ausbildung, zur Jahrtausendwende waren es noch 9500 Azubis. Ergebnis ist eine Fachkräftelücke. In der gesamten Lebens- udn Genussmittelherstellung ergibt sich im BA-Index ein Wert von 2,3 und damit ein Engpass. © Sina Schuldt/dpa
Ein Mann arbeitet in einer Werkstatt von Lufthansa Technik am Triebwerk eines Flugzeuges.
Im Bereich der Luft- und Raumfahrttechnik beobachtet die BA ebenfalls einen Fachkräftemangel. Das gilt auch für den Schiffbau. Gemeinsam kommen die Felder in der Engpassanalyse auf einen Indexwert von 2,3. © Daniel Reinhardt/dpa
Ein Mitarbeiter der Rochlitzer Porphyr Manufaktur zersägt mit einer Steinsäge einen Porphyrblock.
In den großen Debatten rund um den Fachkräftemangel finden das Feld der Naturstein-, Mineral- und Baustoffherstellung kaum statt. Dabei beobachtet die BA bei ihrer Analyse ebenfalls einen Engpass. Der Wert liegt bei 2,3. © Jan Woitas/dpa
Ein Bauer kontrolliert das Schneidwerk seines Mähdrescher.
Systemrelevant: Ohne die Landwirtschaft bleiben alle ohne Nahrung. Trotz der Bedeutung haben Betriebe Schwierigkeiten, geeignete Fachkräfte zu finden, berichtet das Branchemagazin Top Agrar. Im Index der BA liegt die Branche beim Wert von 2,3 – und damit im Bereich eines Engpasses. © Peter Gercke/dpa
Eine medizinische Fachangestellte führt eine Spritze an den Oberarm eines älteren Mannes, um ihn zu impfen. Im Hintergrund sitzt eine Ärztin.
Medizinsche Fachangestellte, kurz MFA, sind gefragt: Im Berufsfeld der Arzt- und Praxishilfe stuft die BA den Engpass mit 2,5 ein. Besonders kritisch ist die Fachkräftelücke im Bereich der zahnmedizinischen Fachangestellten. © Jens Kalaene/dpa
Auf einem Plakat einer Steuerberatungsfirma werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Azubis, Steuerfachangestellte, Steuerfachwirte, Steuerberater und Bilanzbuchhalter gesucht.
Auszubildende, Steuerfachangestellte, Fachwirte und Steuerberater gesucht: Auch im Bereich der Steuerberatung beobachten Fachleute einen Engpass, der BA-Index zeigt den Wert 2,5. © Jens Kalaene/dpa
Eine Kundin steht vor der Auslage einer Metzgerei, in der verschiedene Wurstsorten liegen. Sie deutet auf eine Wurst. Hinter der Theke steht einer Verkäuferin.
Allein in München und Oberbayern fehlen laut Industrie- und Handelskammer (IHK) über 2000 Verkäuferinnen und Verkäufer in Metzgereien, doch das Problem ist nicht regional begrenzt. Die BA verbucht für alle Berufe im Verkauf von Lebensmitteln eine Arbeitskräftelücke. Der Engpass-Indikator ergibt den Wert 2,5.  © Patrick Pleul/dpa
Zwei Techniker mit grellgelben Jacken stehen oben auf einem großen Windrad.
Auch der Energiesektor sucht händeringend nach Fachkräften. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) warnt, dass der Mangel die Energiewende gefährden könne. Die BA bewertet die Lücke mit dem Indexwert von 2,5 – damit gibt es im Bereich der Energietechnik ebenfalls einen Engpass. © Jan Woitas/dpa
Eine Mitarbeiterin eines Automatisierungstechnik-Unternehmens prüft eine Platine mit einer Lupe.
Automatisierungstechnik und Mechatronik ist ein weiteres Berufsfeld, wo Unternehmen mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen haben. Der Engpassindex der BA zeigt den Wert 2,5. © Bernd Weißbrod/dpa
Eine Empfangsmitarbeiterin eines Hotels sitzt an der Rezeption und telefoniert. Im Hintergrund ist eine andere Mitarbeiterin zu erkennen.
Mit 2,6 stuft die Arbeitsagentur die Fachkräftelücke im Bereich der Hotellerie ein – und beobachtet damit einen Engpass. Zwar bewegt sich das Verhältnis von Arbeitsuchenden und Stellen im grünen Bereich. Alle übrigen Indikatoren senden Warnsignale. © Marcel Kusch/dpa
Ein Straßenbauer kniet auf einem frisch geteerten Asphalt, um den neuen Straßenbelag auszubessern.
Berufe im Tiefbau gehören zu den Tätigkeiten, die am stärksten vom Fachkräftemangel betroffen sind. Darunter fallen etwa Straßen- und Kanalbauer sowie Betonbauer. Die Bundesagentur für Arbeit berichtet von einem Engpass. Der entsprechende Indikator liegt bei 2,7. © Jörg Carstensen/dpa
Eine junge Frau, die eine Ausbildung zur Anlagenmechanikerin Sanitär-Heizung-Klima macht, trägt eine blaue Jacke. Sie steht an einer Wärmepumpe und hält ein gelb-schwarzes Messgerät in der Hand, auf das sie blickt.
Auszubildende für den Beruf der Anlagenmechanikerin Sanitär-Heizung-Klima sind gefragt. Denn auch im Bereich der Klempnerei, Santitär, Heizung, Klimatechnik besteht laut Arbeitsagentur ein großer Engpass. Auch hier liegt der Wert bei 2,7. © Uwe Anspach/dpa
Die Mitarbeiterin einer Zahntechnik-Firma arbeitet an einer Totalprothese des Oberkiefers
Ebenfalls einen großen Engpass gibt es bei Berufen der Medizin-, Orthopädie- und Rehatechnik. Die BA vergibt auch hier den Wert 2,7. Neben Zahntechnikerinnen sind etwa Hörgeräteakustiker gefragt. © Patrick Pleul/dpa
Eine Pflegerin schiebt eine pflegebedürftige Person, die nicht zu sehen ist, in einem Rollstuhl über den Flur eines Pflegeheims.
Die Alterung der Gesellschaft belastet nicht nur den Arbeitsmarkt, weil viele Fachkräfte in den Ruhestand gehen. Immer mehr Menschen werden damit auch Pflegebedürftig. Damit braucht es immer mehr Pflegekräfte, um sie zu versorgen. Laut Statistischen Bundesamt werden bis 2049 zwischen 280.000 und 690.000 Plegekräfte fehlen. Die BA beobachtet bereits jetzt einen Engpass – und vergibt den Wert 2,7. © Christophe Gateau/dpa

Dazu kommt der Stellenabbau bei zahlreichen Unternehmen. Der betrifft laut IW vor allem Bewerberinnen und Bewerber – und damit häufiger junge Menschen. „Wenn die Unternehmen am Personal sparen, dann tun sie das in der Regel, indem sie weniger Leute neu einstellen, und nicht so sehr, indem sie bestehendes Personal entlassen“, sagte IW-Ökonom Alexander Burstedde der FAZ. „Stellenabbau heißt nicht zwangsläufig, dass Leute entlassen werden.“ Die Stellen würde dagegen über viele Jahre mit „sozialverträglichen Programmen“ abgebaut.

Arbeitslosenquote von Akademikerinnen und Akademikern unter 25 steigt um mehr als 13 Prozent

Laut IW-Auswertung trifft der Anstieg der Arbeitslosenquote junge Menschen damit härter. Bei ihnen liege er seit Mai 2019 bei 29,3 Prozent, insgesamt dagegen bei 26,5 Prozent und damit fast drei Prozentpunkte niedriger. Bei Älteren seien es dagegen 20,7 Prozent.

Die Arbeitsagentur weist bei Arbeitslosen mit Hochschulabschluss im Alter unter 25 Jahren auch einen prozentual hohen Zuwachs von 13,4 Prozent aus – und das allein im letzten Jahr. Die absoluten Zahlen sind jedoch relativ gering. Im Mai 2025 waren 5882 Erwerbslose mit den Merkmalen gelistet. Ihr Anteil an allen Arbeitslosen unter 25 Jahre liege damit bei 2,3 Prozent. Mit betrieblicher oder schulischer Ausbildung gab es laut BA 47.935 Erwerbslose unter 25 Jahren. Die große Mehrheit von 204.000 Betroffenen – oder 80 Prozent der Erwerbslosen unter 25 Jahren – machen dagegen Personen ohne abgeschlossene Ausbildung aus.

Studienabsolventinnen und Absolventen sind im Bürgergeld trotzdem noch kaum vertreten

Trotz des prozentual deutlichen Anstiegs der Arbeitslosigkeit unter Menschen mit Hochschulabschluss – besonders unter jungen Menschen – bleibt der Anteil weiterhin gering. Das zeigt sich auch an der BA-Statistik zu Bürgergeld-Beziehenden. Lediglich 6,9 Prozent haben demnach eine akademische Ausbildung.

Am besten vor Arbeitslosigkeit schützt laut IW dagegen eine abgeschlossene Berufsausbildung. In den kommenden Jahren könnte das umso mehr gelten, denn viele Fachkräfte mit Berufsabschluss gehen in Rente, entsprechend müssen die Stellen nachbesetzt werden. „Junge Menschen sollten durch Berufsorientierung gezielter für eine Ausbildung in Mangelberufen begeistert werden – auch an Gymnasien“, schreiben die Fachleute.

Rubriklistenbild: © Julian Stratenschulte/dpa

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