Experte gibt Tipp
Altersarmut ist eine Befürchtung für 40 Prozent der Deutschen - Frauen sind stärker betroffen
Eine erhebliche Anzahl von Deutschen hat Angst vor Armut im Ruhestand. Spezielle Gruppen leiden besonders darunter. Wie kann man diese paralysierende Angst bekämpfen?
Berlin – Altersarmut, häusliche Pflege und Einsamkeit: Ältere Menschen sind hierzulande mit vielen Hürden konfrontiert. Laut einer Langzeitstudie der R+V-Versicherung gaben rund 40 Prozent der Befragten an, Angst vor Altersarmut zu haben. Die Untersuchung bezieht sich auf die 2400 Befragten in allen Altersklassen. Am geringsten ist die Sorge um den Lebensstandard mit 27 Prozent bei den 14- bis 19-Jährigen – den jüngsten Befragten der Studie. Am größten ist die Angst bei den 40-bis 59-Jährigen (45 Prozent).
Geldbedarf im Alter: Wunsch und Realität gehen auseinander
Zum einen sei diese Angst nicht ungerechtfertigt, sagt Finanzpsychologin Julia Pitters im Gespräch mit dem Handelsblatt. In Umfragen, bei denen Menschen ihren Geldbedarf im Alter schätzen sollen, liegen die Zahlen viel höher als die durchschnittliche Rente von rund 1300 Euro. Andererseits neigen Menschen dazu, „den Teufel an die Wand zu malen. Eben weil Angst so ein starkes Gefühl ist, das wir stark überschätzen, auf das wir sehr empfindlich reagieren“, sagt Pitters.
Frauen von Altersarmut besonders bedroht
Heute schützt die Rente nicht immer vor Bedürftigkeit. So bezogen im ersten Quartal 2023 über 684.360 Seniorinnen und Senioren Grundsicherung, wie eine Linken-Anfrage im Jahr 2023 ergab. Tendenz: steigend bis zum aktuellen Rekord. Besonders häufig betroffen: Frauen. Viele Ältere haben laut Experten aber Scham und Angst vor Stigmatisierung. Sie scheuen sich, überhaupt Grundsicherung oder andere Leistungen in Anspruch zu nehmen.
„Frauen arbeiten im Schnitt mehr Teilzeit als Männer, verdienen weniger, kriegen niedrigere Renten“ und seien deswegen im Alter stärker armutsgefährdet, sagt Finanzpsychologin Julia Pitters im Interview mit dem Handelsblatt. Dass die Angst vor Altersarmut bei Frauen (43 Prozent) laut der R+V-Umfrage deutlich ausgeprägter ist als bei Männern (37 Prozent), habe einen weiteren Grund so Pitters. Frauen seien im Schnitt „weniger selbstbewusst und schätzen die eigene Finanzkompetenz geringer ein. Männer dagegen definieren ihren Selbstwert viel stärker über Finanzwissen und gestehen sich etwaige Wissenslücken auch nicht ein.“
Armut und Inflation: Beim Nötigsten sparen
Vor allem bei hoher Inflation ist für die Menschen mit mehr Einkommen laut Forschenden ihr Puffer wichtig. Im unteren Einkommensbereich fehlt es dagegen an Rücklagen. Werden Lebensmittel, Dienstleistungen oder Energie teurer, müssen von Armut bedrohte Menschen oft am Nötigsten sparen oder sich verschulden. Von März 2022 bis August 2023 lag die Inflationsrate in Deutschland konstant über fünf, in der Spitze fast bei neun Prozent.
In Deutschland zahlte die Rentenversicherung Ende vergangenen Jahres rund 18,7 Millionen Altersrenten, daneben 1,8 Millionen Renten wegen verminderter Erwerbsfähigkeit. Das Statistische Bundesamt errechnete auch, mit wie wenig sich Menschen in Rente oft zufriedengeben müssen. 42,3 Prozent haben weniger Netto-Einkommen als 1.250 Euro im Monat. Von den knapp 7,5 Millionen Betroffenen sind mehr als 5,2 Millionen Frauen.
Experten-Tipp: Frühzeitig Finanzen checken
Allerdings: Rechnet man Betriebsrenten, Einkünfte eines Partners, Hinterbliebenenleistungen und anderes dazu, kamen Ehepaare in Deutschland im Schnitt zuletzt auf 2.907 Euro im Monat netto. Unter den alleinstehenden 65-Jährigen und Älteren beziehen Männer im Schnitt ein Gesamteinkommen von 1.816 Euro, Frauen von 1.607 Euro.
Finanzpsychologin Julia Pitters im Interview mit dem Handelsblatt plädiert dafür, sich möglichst früh der eigenen finanziellen Situation bewusst zu werden. „Wie sehen meine Einnahmen, Ausgaben, Schulden aus? Kann ich künftig eventuell ein Erbe erwarten? Wie kann ich privat vorsorgen? Ängste helfen da nicht weiter, im Gegenteil: Wer sich in ihnen verliert, verliert sich auch in Negativität und Lethargie“, sagt sie. (mit Material der dpa)
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