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„Wie Zeitmaschinen“

Forschungsteam macht Sensationsfund in der Antarktis – Er macht Blick in die Vergangenheit möglich

Die Antarktis überraschte Forscher mit einem Fund in nur 200 Metern Tiefe: Sechs Millionen Jahre altes Eis zeigt, wie tiefgreifend die Erde sich gewandelt hat.

Corvallis – Ein Team US-amerikanischer Forschender hat in der Antarktis das älteste jemals direkt datierte Eis und darin eingeschlossene Luft entdeckt. Mit einem Alter von sechs Millionen Jahren bieten diese Eisproben aus der Allan-Hills-Region in der Ostantarktis einen beispiellosen Einblick in die Klimageschichte unseres Planeten – aus einer Zeit, als die Erde deutlich wärmer war als heute und der Meeresspiegel höher lag.

In der Antarktis hat ein Forschungsteam sechs Millionen Jahre altes Eis entdeckt. (Symbolbild)

Eisbohrkerne sind wie Zeitmaschinen, die Wissenschaftlern einen Blick darauf ermöglichen, wie unser Planet in der Vergangenheit aussah“, erklärt Sarah Shackleton vom Woods Hole Oceanographic Institution, die an zahlreichen Bohrungen in den Allan Hills teilgenommen hat. Die Entdeckung ist das Ergebnis der Arbeit des Center for Oldest Ice Exploration (COLDEX), einem Zusammenschluss von 15 US-Forschungseinrichtungen unter der Leitung der Oregon State University.

Antarktis-Fund: Eis und eingeschlossene Luft sind sechs Millionen Jahre alt

Die Forschenden hatten ursprünglich gehofft, Eis zu finden, das bis zu 3 Millionen Jahre alt ist. „Diese Entdeckung hat unsere Erwartungen bei weitem übertroffen“, sagt COLDEX-Direktor Ed Brook, ein Paläoklimatologe am College of Earth, Ocean, and Atmospheric Sciences der Oregon State University. Erste Forschungsergebnisse wurden im Fachjournal Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht.

Anders als andere Forschungsteams, die in der Ostantarktis mehr als 2.000 Meter tief bohren, nutzt COLDEX eine besondere geologische Situation in den Allan Hills. Dort bringen Eisfluss und die raue Gebirgstopografie das alte Eis näher an die Oberfläche, sodass es mit Bohrungen von nur 100 bis 200 Metern Tiefe erreicht werden kann.

Die Gletscher schmelzen – So verändert der Klimawandel die Erde

Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben.
Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben. © dpa/NASA/AP
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer.
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer. © Felipe Dana/dpa
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen.
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen. © Urs Flueeler/dpa
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen.
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen. © Oscar Vilca/INAIGEM/afp
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden.
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden. © Urs Flueeler/dpa
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination.
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination. © Johannes Eisele/afp
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser.
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser. © Jonathan Nackstrand/afp
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt.
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt. © Fabrice Coffrini/afp
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien.
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien. © Peter Parks/afp
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten.
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten. © imago/Xinhua
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.  © NASA Earth Observatory/Jesse Allen und Robert Simmon/United States Geological Survey/dpa
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen.
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen. © Kay Nietfeld/dpa

Wie kann so altes Eis nach an der Oberfläche überleben? Forschende haben eine Vermutung

„Wir arbeiten noch daran, die genauen Bedingungen zu verstehen, die es solch altem Eis ermöglichen, so nah an der Oberfläche zu überleben“, sagt Shackleton. „Neben der Topografie ist es wahrscheinlich eine Mischung aus starken Winden und bitterer Kälte. Der Wind bläst frischen Schnee weg, und die Kälte verlangsamt das Eis fast bis zum Stillstand. Das macht die Allan Hills zu einem der besten Orte der Welt, um flaches altes Eis zu finden – und zu einem der härtesten Orte, um eine Feldsaison zu verbringen“.

Auf der Suche nach dem ältesten Eis

Derzeit gibt es neben COLDEX noch mehrere andere Teams, die sich in einer Art freundlichem Wettstreit stehen, das älteste Eis zu finden. Bis vor kurzem war das älteste gefundene Eis 800.000 Jahre alt. Erst kürzlich hat ein europäisches Team einen Eisbohrkern in der Ostantarktis zutage gefördert, der 1,2 Millionen Jahre altes Eis beinhaltet. Der Fund des COLDEX-Teams gilt derzeit als das älteste Eis der Erde.

Die im Eis eingeschlossenen Luftblasen ermöglichen es dem Forschungsteam, das Eis durch sorgfältige Messungen eines Isotops des Edelgases Argon direkt zu datieren. Temperaturaufzeichnungen aus Messungen von Sauerstoffisotopen im Eis zeigen, dass diese Region über die letzten sechs Millionen Jahre eine allmähliche, langfristige Abkühlung von etwa 12 Grad Celsius erfahren hat. Damit ist es erstmals gelungen, das Ausmaß der Abkühlung in der Antarktis über die vergangenen sechs Millionen Jahre direkt zu messen.

Eisbohrkern ist ein „Klimaschnappschuss“ aus der Vergangenheit

Obwohl die Aufzeichnungen aus diesem alten Eis nicht kontinuierlich sind, ist ihr Alter beispiellos, betonen die Forschenden. „Das Team hat eine Bibliothek aufgebaut, die wir als ‚Klimaschnappschüsse‘ bezeichnen, die etwa sechsmal älter sind als alle bisher gemeldeten Eiskernproben“, erklärt John Higgins von der Princeton University. Die laufenden Untersuchungen dieser Eiskerne zielen darauf ab, die Konzentrationen von Treibhausgasen in der Atmosphäre und den Wärmegehalt der Ozeane zu rekonstruieren – Faktoren, die wichtige Implikationen für das Verständnis der Ursachen natürlicher Klimaveränderungen haben.

Ein COLDEX-Team wird in den kommenden Monaten außerdem zu den Allan Hills zurückkehren, um weitere Bohrungen durchzuführen, mit dem Potenzial, detailliertere Momentaufnahmen und sogar noch älteres Eis zu erhalten. „Angesichts des spektakulär alten Eises, das wir in den Allan Hills entdeckt haben, haben wir auch eine umfassende längerfristige neue Studie dieser Region konzipiert, um zu versuchen, die Aufzeichnungen noch weiter in der Zeit auszudehnen“, sagt Brook. (Quellen: Studie, Pressemitteilung) (tab)

Rubriklistenbild: © IMAGO/robertharding

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