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Dramatischer Eisverlust

„Lagen um 90 Grad daneben“ – Forschungsteam macht überraschenden Fund in der Antarktis

Eisschmelzen der Antarktis neu erklärt: Forscher beweisen, dass bisherige Annahmen falsch waren. Die echte Ursache ist überraschend anders.

Seattle – Das Eis der Antarktis schmilzt in beunruhigendem Tempo, mit potenziell dramatischen Folgen für den Meeresspiegel weltweit. Doch was treibt diesen Prozess wirklich an? Forscher der University of Washington haben eine überraschende Entdeckung gemacht: Nicht Westwinde, wie bisher angenommen, sondern ein anderer Mechanismus spielt die entscheidende Rolle beim Abschmelzen des westantarktischen Eisschildes.

Der Gletscher Thwaites in der West-Antarktis. (Archivbild)

Seit Jahren gingen Wissenschaftler davon aus, dass verstärkte Westwinde für den beschleunigten Eisverlust in der Antarktis verantwortlich sind. Diese Theorie schien plausibel, da sich die westlichen Winde über den hohen Breitengraden der Südhalbkugel als Reaktion auf den menschengemachten Klimawandel verstärkt haben. Doch als Gemma O‘Connor, Hauptautorin der Studie und Postdoktorandin für Ozeanografie an der University of Washington, die Daten genauer untersuchte, stieß sie auf Unstimmigkeiten.

Winde in der Antarktis sorgen dafür, dass das Eis schneller schmilzt

„Wir dachten, dass wir die Ergebnisse der Klimamodelle bestätigen würden, die zeigten, dass die Westwinde in der Nähe der Küste der Antarktis stärker wurden“, erklärt O‘Connor in einer Mitteilung. „Aber es gab keine Hinweise darauf, dass sich die Westwinde in diesem Teil der Antarktis verstärkten.“

Die Forscher führten eine Reihe hochauflösender Eis-Ozean-Simulationen durch, um herauszufinden, welche Klimamuster tatsächlich für das Schmelzen des Eisschelfs in dieser kritischen Region der Antarktis verantwortlich sind. Sie speisten das Modell mit verschiedenen Windmustern und maßen, wie viel Masse das Eis verlor. Die Ergebnisse, die im Fachjournal Nature Geoscience veröffentlicht wurden, waren eindeutig: Nordwinde verstärkten den Eisverlust konsequent, während Westwinde nicht denselben Effekt hatten.

Die Gletscher schmelzen – So verändert der Klimawandel die Erde

Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben.
Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben. © dpa/NASA/AP
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer.
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer. © Felipe Dana/dpa
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen.
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen. © Urs Flueeler/dpa
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen.
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen. © Oscar Vilca/INAIGEM/afp
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden.
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden. © Urs Flueeler/dpa
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination.
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination. © Johannes Eisele/afp
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser.
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser. © Jonathan Nackstrand/afp
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt.
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt. © Fabrice Coffrini/afp
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien.
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien. © Peter Parks/afp
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten.
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten. © imago/Xinhua
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.  © NASA Earth Observatory/Jesse Allen und Robert Simmon/United States Geological Survey/dpa
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen.
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen. © Kay Nietfeld/dpa

Überraschender Mechanismus der Nordwinde in der Antarktis

Der Mechanismus dahinter ist überraschend: Die Nordwinde, die in der Antarktis mit großer Kraft wehen, ordnen das Meereis um und verschließen kleine, aber wichtige Lücken, sogenannte Polynyas. „Meereis ist ein sehr guter Isolator, es hält den Ozean relativ warm im Vergleich zur Luft“, erklärt Kyle Armour, ein Co-Autor der Studie. „Wenn Nordwinde die Polynyas schließen, reduziert das den Wärmeverlust des Ozeans, was wärmeres Wasser und mehr Schmelzen von Eisschelfen unter der Oberfläche bedeutet.“

Was ist eine Polynya?

Polynyas sind im antarktischen und arktischen Meereis offene Wasserflächen oder dünne Meereisschichten, die relativ beständig und ausgedehnt sind. In der Regel entstehen sie durch Windeinwirkung, Gezeiten oder aufsteigendes warmes Meerwasser. Teilweise können sie über lange Zeiträume – so gar über Jahre hinweg – bestehen bleiben.

Die Forscher vermuten, dass Treibhausgasemissionen die Nordwinde verstärken könnten. Frühe Studien deuten darauf hin, dass der menschengemachte Klimawandel den Luftdruck über der Amundsensee verringert. Dieses Gebiet beherbergt ein einflussreiches Tiefdruckgebiet, das viele der antarktischen Wettermuster steuert. Wenn der Luftdruck noch weiter sinkt, nimmt die Windgeschwindigkeit aus dem Norden zu.

Eisverlust in der Antarktis: „Anderer Mechanismus, als wir bisher vermutet haben“

„Dieser Mechanismus stellt eine Verbindung zwischen dem westantarktischen Eisverlust und dem menschengemachten Klimawandel her, wenn auch durch einen anderen Mechanismus als wir bisher vermutet haben“, erklärt O‘Connor. Dies sei wichtig, so die Forscher, denn wenn Emissionen zum Eisverlust beitragen, könnte ihre Reduzierung diesen möglicherweise eindämmen.

Die Entdeckung könnte weitreichende Folgen für das Verständnis des antarktischen Eisverlusts haben. Der westantarktische Eisschild bedeckt eine Fläche, die größer ist als die USA und Mexiko zusammen. Würde er vollständig schmelzen, könnte der globale Meeresspiegel um bis zu sechs Meter ansteigen. „Ich denke, was Gemma geleistet hat, wird zu einer vollständigen Revolution im Verständnis dessen führen, was den antarktischen Eisverlust antreibt“, betont Armour. „Wir hatten alle möglichen Theorien über die Winde, die von West nach Ost wehen, aber die Nordwinde waren nicht einmal auf unserem Radar. Wir lagen um 90 Grad daneben.“ (Quellen: Pressemitteilung, eigene Recherche) (tab)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Bestimage/Nasa

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