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Kommentar von M. Cihad Kökten

Willkommen zu Hause, Deutschland: Die unbequeme Wahrheit hinter dem WM-Aus

Das Aus gegen Paraguay kommt für beinschuss.de-Teamleiter M. Cihad Kökten nicht überraschend – sondern ist die logische Folge einer Entwicklung.
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Das Aus gegen Paraguay kommt für beinschuss.de-Teamleiter M. Cihad Kökten nicht überraschend – sondern ist die logische Folge einer Entwicklung.

Nach dem WM-Aus gegen Paraguay im Elfmeterschießen steht fest: Die Niederlage gegen Ecuador war kein Warnschuss, sondern die ehrlichste Bestandsaufnahme dieser deutschen Mannschaft. Ein Kommentar von beinschuss.de-Teamleiter M. Cihad Kökten.

USA – Noch vor wenigen Tagen schien die Hoffnung berechtigt. Vielleicht, so die verbreitete Meinung nach der Niederlage gegen Ecuador, kam dieser Dämpfer genau zur richtigen Zeit. Ein Schuss vor den Bug. Ein Warnsignal. Ein Weckruf vor den K.-o.-Spielen. Die deutsche Nationalmannschaft hatte das Sechzehntelfinale trotz der Pleite bereits sicher erreicht. Es blieb genug Zeit, um die richtigen Schlüsse zu ziehen. Heute ist klar: Das war Wunschdenken. Das Aus gegen Paraguay im Elfmeterschießen wirkt zwar brutal. Es ist emotional, schmerzhaft und grausam. Doch überraschend kommt es nicht.

Wer die vergangenen beiden Spiele aufmerksam verfolgt hat, musste erkennen, dass die Niederlage gegen Ecuador kein Betriebsunfall war, wie auch unsere Trainer aus der Region mehr als deutlich zu Wort gebracht hatten. Sie war die ehrlichste Bestandsaufnahme dieses deutschen Teams. Natürlich entscheidet ein Elfmeterschießen oft Nuancen. Ein paar Zentimeter, ein starker Torwart oder die Nerven eines Schützen können über das Weiterkommen entscheiden. Deshalb wäre es zu einfach, das Scheitern ausschließlich auf den letzten Elfmeter zu reduzieren. Deutschland verlor dieses Turnier nicht vom Punkt aus. Deutschland verlor es in den 120 Minuten davor – und eigentlich schon gegen Ecuador, ja, sogar schon beim Last-Minute-Sieg gegen die Elfenbeinküste.

Ecuador war kein Warnschuss – sondern die bittere Wahrheit

Denn dieselben Probleme tauchten erneut auf. Die deutsche Mannschaft hatte Ballbesitz. Sie versuchte, das Spiel zu kontrollieren. Doch Kontrolle ist nicht automatisch Gefahr. Über weite Strecken fehlten Tempo, Überraschungsmomente und Tiefgang. Der Ball lief ordentlich durch die eigenen Reihen, allerdings viel zu selten dorthin, wo Fußballspiele entschieden werden. Paraguay musste kaum aus der eigenen Ordnung herausrücken. Genau wie Ecuador zuvor wartete der Gegner geduldig auf Fehler – und bekam sie irgendwann. Dabei ist der Kader keineswegs schlecht. Im Gegenteil. Deutschland verfügt weiterhin über außergewöhnlich viel Qualität. Spieler, die Woche für Woche auf höchstem Niveau bei europäischen Spitzenvereinen auftreten. Gerade deshalb fällt das frühe Ausscheiden umso schwerer zu erklären.

Vielleicht liegt genau darin das eigentliche Problem. Die individuelle Klasse verdeckt seit Jahren strukturelle Schwächen. Sobald ein Gegner Räume anbietet, sieht das deutsche Spiel attraktiv aus, wie gegen Curacao. Sobald eine Mannschaft diszipliniert verteidigt, körperlich dagegenhält und wenig zulässt, fehlen häufig Lösungen. Genau dieses Muster begleitet die Nationalmannschaft inzwischen durch mehrere große Turniere. Der Glaube, dass sich all das innerhalb weniger Tage zwischen Ecuador und Paraguay beheben ließe, war romantisch – aber nicht realistisch. Natürlich trägt Julian Nagelsmann Verantwortung. Jeder Bundestrainer muss sich nach einem frühen WM-Aus kritischen Fragen stellen. Über Personalentscheidungen rund um Deniz Undav wird diskutiert werden. Über Wechsel. Über das Festhalten an einzelnen Spielern, wie Leroy Aziz Sane. Über taktische Details.

Das gehört dazu. Doch diese Diskussion greift zu kurz. Die Probleme begannen nicht bei diesem Turnier. Sie begleiten den deutschen Fußball seit Jahren. Die Nationalmannschaft wirkt häufig wie eine Ansammlung hervorragender Einzelspieler, aber zu selten wie eine Mannschaft, die gemeinsam Lösungen entwickelt, wenn ein Spiel anders läuft als geplant. Gerade deshalb war Ecuador kein Warnschuss. Ecuador war bereits die bittere Wahrheit, wie auch unser Redakteur Markus Zwigl schon Tage zuvor feststellen musste. Paraguay hat diese Wahrheit lediglich bestätigt. Vielleicht tut genau diese Erkenntnis am meisten weh. Denn gegen einen stärkeren Gegner auszuscheiden, gehört zum Fußball. Gegen eine Mannschaft zu scheitern, die konsequent ihre Stärken ausspielt und die eigenen Schwächen gnadenlos offenlegt, ebenfalls.

Die unbequeme Wahrheit liegt auf dem Tisch

Schwieriger wird es jedoch, wenn man das Gefühl bekommt, dass sich dieselben Fehler immer wiederholen. Die Weltmeisterschaft endet deshalb nicht mit einem unglücklich verschossenen Elfmeter. Sie endet mit vielen offenen Fragen. Fragen nach der Spielidee. Nach der Balance zwischen Ballbesitz und Risiko. Nach Führungsfiguren auf dem Platz. Und nach der Fähigkeit, sich während eines Turniers tatsächlich weiterzuentwickeln. Vielleicht ist dieses Ausscheiden sogar ehrlicher als ein glückliches Weiterkommen. Ein Sieg im Elfmeterschießen hätte viele Probleme überdeckt. Jetzt liegen sie offen auf dem Tisch. So schmerzhaft das für Spieler, Trainer und Fans auch sein mag.

Die gute Nachricht lautet: Qualität verschwindet nicht über Nacht. Deutschland wird auch künftig über herausragende Fußballer verfügen. Die schlechte Nachricht lautet allerdings ebenso: Talent allein gewinnt keine Weltmeisterschaften. Wer künftig wieder um Titel spielen will, muss mehr liefern als gute Namen auf dem Spielberichtsbogen. Es braucht Ideen gegen tief stehende Gegner, Variabilität im Offensivspiel, Mut in entscheidenden Momenten und vor allem die Fähigkeit, aus Rückschlägen tatsächlich zu lernen. Nach Ecuador glaubten viele, der Weckruf sei angekommen. Nach Paraguay bleibt nur eine bittere Erkenntnis: Der Wecker hat geklingelt. Gehört hat ihn offenbar niemand. (mck)

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