Ganz Fußball-Bayern bangte mit
Herzstillstand bei Testspiel: Jetzt spricht Erlbachs Vogl über die Minuten zwischen Leben und Tod
Beim Testspiel des SV Erlbach in Dingolfing bleibt David Vogl plötzlich regungslos liegen, sein Herz hört auf zu schlagen. Nun meldet sich der 29-Jährige selbst zu Wort – und schildert, was er von diesem Abend noch weiß.
Erlbach – Es sind Sätze, die hängen bleiben. Nicht, weil sie besonders kunstvoll wären. Sondern weil in ihnen das steckt, was nach einem Herzstillstand auf einem Fußballplatz eigentlich kaum mehr möglich schien: Leben. „Liebe Elisabeth, lieber Ralf, vielen Dank, dass ihr mir geholfen habt. Ich bin euch unendlich dankbar dafür, ich wär wahrscheinlich nicht mehr da, wenn ihr nicht so schnell eingegriffen hättet.“ Gesagt hat sie der Erlbacher David Vogl aus dem Krankenhaus – live im Radio, bei „Antenne Bayern“. Und plötzlich ist dieser Abend von Dornwang nicht mehr nur ein Fußball-Drama. Sondern eine Geschichte über Sekunden, die über alles entscheiden. Über Menschen, die nicht wegschauen.
Und über einen Spieler, der auf dem Platz zusammenbricht – und jetzt selbst erzählen kann, wie sich das angefühlt hat. Dabei hatte der Abend so unspektakulär begonnen, wie Testspiele im Juni eben beginnen. Der SV Erlbach, Bayernligist aus dem Landkreis Altötting, war beim Landesligisten FC Dingolfing zu Gast. Ein Härtetest in der Vorbereitung, einer von vielen. Sonne, Fußball, ein bisschen Sommerfußball-Atmosphäre in Dornwang. Erlbach wollte sich einspielen, Dingolfing ebenfalls. Das Ergebnis war zweitrangig. Spätestens nach der 55. Minute war es bedeutungslos. Vogl war gerade erst eingewechselt worden, als er plötzlich ohne Fremdeinwirkung zusammensackte. Kein Zweikampf, kein Foul, kein Zusammenprall. Einfach nur ein Spieler, der umfällt – und nicht mehr aufsteht (beinschuss.de berichtete ausführlich).
Erlbach: David Vogl spricht nach Herzstillstand im Dingolfing-Testspiel
„Ich weiß noch, wie ich neben dem Schiedsrichter umgefallen bin“, sagte der 29-Jährige später im Gespräch bei Wolfgang „Leiki“ Leikermoser in „Guten Morgen Bayern“. Zunächst habe er gedacht, es sei nur ein Schwindelanfall. Dann kam dieser eine Satz, der sich liest wie aus einem Albtraum und doch bittere Realität war: „Und dann hab ich gedacht, ja so fühlt sich wahrscheinlich sterben an.“ Während auf dem Platz erst Schock, dann Hektik ausbrachen, lief am Spielfeldrand genau das an, was Leben retten kann: jemand erkennt die Lage – und handelt. Erlbachs Sportlicher Leiter Ralf Peiß war sofort bei Vogl, ließ nach medizinischer Hilfe rufen. Aus dem Publikum rannte Elisabeth Dobmeier aufs Feld. 66 Jahre alt, Krankenschwester im Ruhestand, eigentlich nur beim Spiel, weil sie ihre beiden Neffen sehen wollte, die für den FC Dingolfing auflaufen. Fußball, sagte sie später, schaue sie „nur ganz selten“.
Ausgerechnet an diesem Abend aber wurde sie zur entscheidenden Figur. Dobmeier erkannte in Sekunden, dass es nicht um einen Kreislaufkollaps ging, nicht um eine kurze Benommenheit, nicht um einen Spieler, der einfach nur Luft braucht. Vogl war bewusstlos, er atmete nicht mehr, sein Herz hatte aufgehört zu schlagen. Zusammen mit Peiß begann sie sofort mit der Reanimation. Herzdruckmassage, Beatmung, Anweisungen, Konzentration. Kein Pathos, keine große Geste, nur die nüchterne Wucht eines Ernstfalls. „Durch den Kopf geht dir da nur eins: Hoffentlich kriegen wir’s hin. Mehr denkt man da nicht. Man funktioniert einfach nur“, hatte Dobmeier später im Gespräch mit beinschuss.de geschildert. Ein Satz, der viel erklärt. Vielleicht sogar alles. Tatsächlich gelang, was in solchen Momenten nie selbstverständlich ist: Vogl kam zurück. Sein Herz schlug wieder, der Rettungsdienst brachte ihn in eine Klinik.
Die Partie wurde abgebrochen, selbstverständlich. Niemand auf dem Platz, auf der Bank oder auf der Tribüne dachte noch an Testspielpläne, Pressingabläufe oder den Zwischenstand. Fußball war in diesem Moment genau das, was er in solchen Stunden immer ist: die schönste Nebensache der Welt – und plötzlich sehr klein. Für den SV Erlbach begann danach ein banges Warten. Auf Nachrichten. Auf Entwarnung. Auf irgendein Zeichen, dass aus dem schlimmsten Szenario doch keines wird. Der Verein bedankte sich kurz darauf öffentlich bei Dobmeier und Peiß, sprach von einer Frau, die einem Spieler das Leben gerettet habe. Und auch aus Dingolfing kamen sofort Genesungswünsche. Die Rivalität des Sports war an diesem Abend komplett verschwunden. Übrig blieb nur diese eine, sehr menschliche Gemeinsamkeit: die Hoffnung, dass David Vogl überlebt und wieder gesund wird.
Erlbachs David Vogl bedankt sich im Radio bei seinen Lebensrettern
Dass er nun aus dem Krankenhaus selbst sprechen kann, ist deshalb mehr als nur ein gutes Zeichen. Es ist die vielleicht stärkste Nachricht dieser Geschichte. Im Radio bedankte sich Vogl nicht nur bei seinen Rettern, sondern gab auch einen Einblick in einen Moment, den sich niemand vorstellen möchte. Zwischen Schwindel, Kontrollverlust und Todesangst. Zwischen dem Gefühl, dass gerade etwas ganz und gar nicht stimmt – und dem völligen Ausgeliefertsein. Solche Sätze machen aus einer Schlagzeile ein Schicksal. Und aus einem Vorfall auf dem Sportplatz einen Fall, der weit über Erlbach, Dingolfing oder die Bayernliga hinausgeht. Denn natürlich steckt in dieser Geschichte auch eine unbequeme Wahrheit über den Amateurfußball.
Dass es eben nicht reicht, nur auf Tore, Taktik und Tabellen zu schauen. Dass ein Defibrillator am Sportplatz kein Luxus ist, sondern im Zweifel ein Lebensretter. Dass Erste-Hilfe-Kenntnisse nicht theoretisches Beiwerk sind, sondern plötzlich den Unterschied machen können zwischen Tragödie und zweiter Chance. Und dass Vereine, Trainer, Betreuer und Zuschauer in solchen Momenten eine Verantwortung tragen, die weit über das Sportliche hinausgeht. Elisabeth Dobmeier wollte aus ihrer Rolle nie eine Heldengeschichte machen. „Ich habe einfach nur das Nötige gemacht“, sagte sie. Genau dieser Satz macht die Wucht ihres Handelns erst recht sichtbar. Denn selbstverständlich ist in so einem Moment gar nichts. Nicht, dass jemand den Mut hat, auf den Platz zu laufen. Nicht, dass jemand die Ruhe behält. Nicht, dass die richtigen Handgriffe sitzen. Und erst recht nicht, dass ein Mensch danach im Radio Danke sagen kann.
In Erlbach und Dingolfing wird dieser Abend noch lange nachhallen. Nicht wegen eines Testspiels im Juni. Nicht wegen einer Vorbereitungseinheit unter Wettkampfbedingungen. Sondern wegen einer Szene, die niemand je sehen will und die doch gezeigt hat, was in einem Notfall möglich ist, wenn Menschen sofort handeln. Ein Spieler fällt um. Das Herz bleibt stehen. Zwei Menschen greifen ein. Und am Ende meldet sich der Betroffene selbst – mit einer Stimme, die es ohne sie vielleicht nicht mehr gegeben hätte. Vielleicht ist das die eigentliche Wucht dieser Geschichte: dass sie bei aller Dramatik nicht mit dem Schlimmsten endet. Sondern mit Dankbarkeit. Mit Erleichterung. Und mit einem Satz, der auf einem Fußballplatz nach so einem Abend größer wirkt als jedes Ergebnis: David Vogl lebt. (mck)