„Aufstiegsgarant“ geht, obwohl alles läuft
Wenn Erfolg nicht reicht: Warum Trainer Jokic bei Altenmarkt/Stein plötzlich Schluss macht
Mitten in einer starken Saison in der Fußball-A-Klasse 5 verlässt „Aufstiegsgarant“ Petar Jokic die SG Altenmarkt/Stein. Offiziell wegen „unterschiedlicher Vereinsausrichtungen“ – inoffiziell, weil im Hintergrund mehr brodelt, als die Tabelle zeigt.
von Rudi Mayer und M. Cihad Kökten
Altenmarkt an der Alz – Es klingt wie ein schlechter Witz aus der A-Klasse, ist aber keiner: Da steht eine Mannschaft auf Tabellenplatz drei, spielt eine solide Saison, hat mit fünf Siegen, zwei Remis und lediglich zwei Niederlagen aus neun Partien längst bewiesen, dass sie zur Spitzengruppe gehört – und plötzlich schmeißt der Trainer hin. Einfach so, mitten im goldenen Herbst, zwei Spieltage vor der Winterpause.
Petar Jokic, 61 Jahre alt, Fußballkennern in unserem Fußball-Kreis Inn/Salzach seit Jahrzehnten ein Begriff, hat beim A-Klassisten SG Altenmarkt/Stein überraschend seinen Rücktritt erklärt. „Es war eine absolut angenehme und zugleich anspruchsvolle Zeit“, sagt Jokic im Gespräch mit beinschuss.de. Doch in seinen Worten steckt leise Enttäuschung. „Leider sind die Rahmenbedingungen für mich und meinen sportlichen Ehrgeiz sehr erschwerend.“
Altenmarkt/Stein: Warum Petar Jokic nicht länger SG-Trainer ist
Dabei war er eigentlich geholt worden, um die Spielgemeinschaft zurück zu alter Stärke zu führen. Altenmarkt und Stein, zwei Vereine mit stolzer Vergangenheit, einst getrennt in der Kreisliga unterwegs, heute vereint in der A-Klasse – das sollte die große Renaissance werden. Unter Jokic war das Projekt vielversprechend gestartet. Disziplin, Spielidee, klare Linie – Dinge, die im Amateurfußball schnell mal verloren gehen, waren plötzlich wieder da. Und doch kam alles anders. „Es geht im Kern um unterschiedliche Vereinsausrichtungen“, sagt Jokic. Wer das zwischen den Zeilen liest, ahnt, dass die Sache tiefer geht. Zwei Vereine, eine Mannschaft – das klingt romantisch, ist in der Praxis aber oft ein Spagat.
„Viele Dinge sind eingespielt, die es für den erfolgreichen Sport schwierig machen“, so der Coach weiter. Übersetzt heißt das: zu viele Meinungen, zu viele Kompromisse, zu wenig Fokus auf Fußball. Jokic, der in seiner Karriere mit NK Croatia Rosenheim, SV Schonstett und FC BiH Rosenheim drei Meistertitel in der Region und drei weitere außerhalb der Region mit ATSV Kirchseeon, TSV Moosach, TSV Zorneding holen konnte, fast schon eine „Aufstiegs-Garantie“ verkörpert, ist keiner, der sich mit halben Sachen zufriedengibt. Wenn er etwas macht, dann richtig. Und wenn die Rahmenbedingungen nicht passen, zieht er lieber die Reißleine – bevor die Sache aus seiner Sicht „nicht mehr sinnvoll miteinander zu vereinen“ ist.
Für Altenmarkt/Stein kommt der Rücktritt zur Unzeit. Schon am Sonntag (2. November) muss die SG beim SV Taching am See ran, eine Woche später wartet mit dem DJK Nußdorf im Chiemgau das nächste schwere Spiel. Damit der Laden nicht völlig ins Schlingern gerät, hat der Verein schnell reagiert. Robert Hausner, zweiter Abteilungsleiter, übernimmt übergangsweise das Traineramt. Hausner, selbst einst Kreisliga-Leistungsträger und bereits vor zwei Jahren Coach der SG, soll die Mannschaft stabil durch die letzten Spiele des Jahres führen. Danach will man in Ruhe sondieren und einen neuen Mann präsentieren. Klingt nach Plan – ist aber natürlich eine Wette auf die Zukunft.
Altenmarkt/Stein holte Jokic, um den Aufstieg zu verwirklichen
Denn eines ist klar: Der Name Jokic hat in der Region Gewicht. Nicht nur, weil er der Vater von Slaven Jokic ist, der zuletzt beim SB Chiemgau Traunstein und TSV Kastl an der Seitenlinie stand. Sondern, weil er es immer wieder geschafft hat, aus durchschnittlichen Teams Titelanwärter zu formen. Einer, der aus Spielern das rausholt, was sie selbst nicht für möglich halten. Umso erstaunlicher ist, dass die Zusammenarbeit nach gerade einmal fünf Monaten endet. Vor wenigen Wochen hatte Abteilungsleiter Walter Andrasch öffentlich gegenüber beinschuss.de betont, wie überzeugt man von der Verpflichtung sei: „Wir haben Petar geholt, um das Ziel Aufstieg in den kommenden beiden Jahren erfolgreich in die Tat umzusetzen.“ Worte, die man heute mit einem bitteren Beigeschmack liest.
Dass der 61-Jährige nicht lange ohne Aufgabe bleiben wird, gilt als sicher. Jokic deutet es selbst an: „Ich habe schon einige Ideen für meine sportliche Zukunft. Das ist aber alles noch Zukunftsmusik.“ Und wer ihn kennt, weiß: Wenn Jokic sagt, dass er „bald wieder auf dem Platz stehen“ wird, dann wird er das auch. Bei der SG Altenmarkt/Stein dagegen dürfte man sich in den kommenden Wochen mehr Fragen als Antworten stellen. Wie konnte es so weit kommen? War es ein schleichender Prozess? Oder doch ein plötzlicher Knall? Fakt ist: Die Ergebnisse stimmten, die Stimmung offenbar nicht. Und die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Zwischen sportlichem Ehrgeiz und strukturellem Stillstand, zwischen großen Zielen und kleinen Eitelkeiten.
Am Ende bleibt die Erkenntnis: Selbst eine gute Tabelle schützt nicht vor einem Bruch. Und im Amateurfußball, wo Herzblut oft mehr zählt als Geld, sind Emotionen manchmal stärker als Zahlen. Für Petar Jokic ist das Kapitel Altenmarkt/Stein beendet – elegant, ohne Groll, aber mit Nachdruck. „Ich wünsche allen weiterhin viel Erfolg und alles Gute“, sagt er zum Abschied. Worte, die höflich klingen, aber auch nachdenken lassen. Und so bleibt die SG Altenmarkt/Stein, diese kleine Spielgemeinschaft mit großer Geschichte, plötzlich ohne ihren Hoffnungsträger. Ein Trainer mit Meister-DNA ist weg – und zurück bleiben Fragen, ein Hauch Wehmut und die Erkenntnis, dass Erfolg manchmal das geringste Problem ist. (mck/rm)