„Drill, Baby, Drill“
Sozialdemokraten gewinnen Wahl in Norwegen 2025: Das Ergebnis könnten Deutschland und Europa spüren
Ministerpräsident Jonas Gahr Støre bleibt wohl im Amt, aber: In Norwegen zeigt sich ein Rechtsruck. Das Wahlergebnis hat unterdessen Folgen für Energiepreise.
Oslo – Ein Wahlsieg um Haaresbreite: Die sozialdemokratische Arbeiterpartei (AP) von Ministerpräsident Jonas Gahr Støre ist in Norwegen als stärkste Kraft aus den Parlamentswahlen hervorgegangen. Laut dem vorläufigen Endergebnis der Wahlbehörde erreichte sie 28,2 Prozent der Stimmen. Insgesamt ist die Wahl allerdings ein Indikator für einen deutlichen Rechtsruck in Norwegen. Denn nur knapp hinter der AP liegt die rechtspopulistische Fortschrittspartei (FRP) mit ihrer Kandidatin Sylvi Listhaug (23,9 Prozent). Einst als Protestpartei gegründet, konnte die Partei mit einem Plus von 12,3 Prozent den größten Zuwachs verzeichnen. Auf Platz drei landete die konservative Partei Høyre der ehemaligen Ministerpräsidentin Erna Solberg (14,6 Prozent).
Jonas Gahr Støre wird damit wohl weiterregieren, an der Spitze eines rot-grünen Bündnisses, das 87 der 169 Abgeordnetenplätze im Storting, dem norwegischen Parlament, innehaben kann. Das Mitte-Rechts-Bündnis erreicht 82 Sitze. Noch Anfang des Jahres hatte kaum jemand damit gerechnet, dass Støre Ministerpräsident bleiben könnte. Nach dem Zusammenbruch seiner Mitte-Links-Koalition Anfang des Jahres hielten Beobachter seine politische Karriere für beendet, Støre galt vielen als farbloser und spröder Regierungschef. Nachdem der überaus populäre Ex-Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg wieder in Norwegens Politik mitmischte und Støre unterstützte, war der Ministerpräsident allerdings wieder überraschend im Aufwind.
Wahl in Norwegen 2025: Rechtspopulisten punkten bei jungen Männern
Bemerkenswert: Die rechtspopulistische FRP konnte vor allem bei jungen Männern punkten. Ein großes Thema in den letzten Wochen vor dem Wahlkampf: die Steuerpolitik. Die FRP hatte unter anderem Steuersenkungen angekündigt sowie Streichungen bei Umwelt- und Klimasteuern – und die Abschaffung der Vermögenssteuer. Die betrifft tatsächlich nur wenige Menschen in Norwegen. Bei jungen Männern mit Vermögensambitionen kam das aber offenbar an.
Ein großer Teil der Wahlberechtigten hatte bereits vor dem Wahltag am 8. September gewählt. In vielen Städten standen seit Wochen zahlreiche Vorab-Wahlkabinen, einfache Holzverschläge mit der simplen Botschaft an den Seitenwänden: „Hier kannst du schon vorher abstimmen.“ Die Idee: Hürden abbauen und Wählerinnen und Wähler da abholen, wo sie gerade sind. Erst einkaufen, dann schnell Kreuzchen machen. Die Vorab-Wahlkabinen waren in diesem Jahr besonders populär. Über 40 Prozent der Wahlberechtigten hatten sie genutzt. Beobachter hatten im Vorfeld allerdings zu Bedenken gegeben, dass die Vorab-Wahlkabinen vor allem in besser situierten Gegenden angenommen würden, und der Zugang in Großstädten wie Oslo leichter sei als auf dem Land.
Der Wahlausgang in Norwegen hat auch Auswirkungen auf ganz Europa. Denn Norwegen ist seit Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine zum wichtigsten Energielieferanten geworden, auch für Deutschland. Das Wahlergebnis dürfte nun Einfluss darauf haben, wie es künftig mit dem Öl- und Gasgeschäft weitergeht.
Wichtigster Öl- und Gaslieferant seit Ukraine-Krieg: Wie geht es nach der Wahl in Norwegen weiter?
Rechtes und linkes Lager gehen bei dieser Frage klar auseinander. Norwegen – einst das Armenhaus Europas – ist dank seiner Öl- und Gasexporte heute eines der reichsten Länder der Erde. Zugleich nutzen die Norweger selbst zu über 90 Prozent erneuerbare Energien, auf Oslos Straßen sieht man fast nur Elektroautos.
Zuletzt gab es vorsichtige Bestrebungen, Alternativen für das Öl- und Gasgeschäft zu finden. Die reche Fortschrittspartei mit Listhaug hält dagegen. „Listhaug verfolgt eine regelrechte ‚Drill, Baby, Drill‘-Rhetorik à la Trump“, sagte Politologe und Skandinavienkenner Tobias Etzold vor der Wahl im Gespräch mit unserer Redaktion. Das verfing durchaus bei vielen Norwegern – nicht nur bei denen, deren Jobs direkt mit der Öl- und Gasbranche zusammenhängen. Denn: Die Gewinne aus den Fossil-Exporten nähren einen gewaltigen Pensionsfonds, und damit das üppige Sozialsystem des Landes. Derweil steigen die Energiekosten im Land – unerhört für viele Norweger, für die extrem billiger Strom über Jahrzehnte eine Selbstverständlichkeit war.
Auch die AP will das lukrative Geschäft mit Öl und Gas nicht komplett beenden. Zuletzt wurden gar neue Ölfelder in der Barentssee erschlossen. Aber: Aktuell gibt es Pläne für einen riesigen Offshore-Windpark, die progressiveren Parteien legen den Fokus zunehmend auf erneuerbare Energien als neues Geschäftsmodell. Zudem setzen sich die Arbeiterpartei und erst recht die Grünen mit der Frage auseinander, wie es mit Norwegens Wirtschaft weitergeht, wenn Öl- und Gasquellen versiegen, und die Nachfrage im Zuge der Dekarbonisierungstendenzen weltweit sinken sollte. Die Partei von Ministerpräsident Støre will überdies, dass die Ölkonzerne ihre Förderanlagen elektrisch betreiben, was in ganz Europa zumindest vorübergehend die Preise für Öl und Gas beeinflussen dürfte. Die Grünen sind indes für einen kompletten Ölausstieg. Sollte es zu einem rot-grünen Bündnis kommen, birgt dieser Punkt Konfliktpotenzial innerhalb der neuen Regierung.
Hinweis: Dieser Text wurde nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses in Norwegen aktualisiert.
Rubriklistenbild: © Peter Sieben, NTB/imago, Ole Berg-Rusten (Montage)

