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Münchner-Merkur-Serie

Putin droht – und Europas „Nerven und Skelett“ könnten schwinden: Experten sehen bedenkliche Leerstellen

Russland droht, Trump wackelt: Europa will in die Zeitenwende. Doch an zwei wichtigen Stellen hapert es, sagen Experten. Eine Analyse.

Deutschland will in die „Zeitenwende“. Das nötige Geld für die Wehrhaftigkeit fließt mittlerweile – doch das Problem ist nicht nur das Material. Denn allein verteidigt sich die Bundeswehr nicht gegen Wladimir Putins Bedrohung. Sie braucht die europäischen Partner. Und weiterhin die USA, wie Fachleute warnen.

Europa strebt nach Sicherheit vor Russlands Bedrohung – doch die USA könnten dabei größere Leerstellen aufdecken, warnen Experten.

Das könnte ein Problem werden. Denn unter Donald Trump wackelt die Unterstützung der USA wie nie zuvor in der NATO. Und was die Zusammenarbeit in Europa angeht, handle auch das Verteidigungsministerium von Boris Pistorius (SPD) teils „unverständlich“, sagen Experten dem Münchner Merkur von Ippen.Media im nächsten Teil unserer Reihe zur Lage der Bundeswehr. Schwierigkeiten drohen wohl auch an anderer Stelle. Denn die Zeitenwende braucht nicht zuletzt: Menschen.

Trumps USA bereiten der NATO Sorge: Europa als Lösung – und Problem

Was, wenn die USA Europa fallenlassen, wie Trumps Außenminister Marco Rubio selbst in seiner freundlich klingenden Münchner Rede andeutete? Das wäre ein Problem für die nukleare Abschreckung, wie ein Expertenpapier zuletzt warnte. Aber es könnte die verbliebenen NATO-Partner auf dem Kontinent auch mehr oder minder handlungsunfähig machen. Denn gerade bei wichtigen militärischen Fähigkeiten sind die europäischen NATO-Staaten weiter auf die USA angewiesen. Fachleute sprechen von „strategic enablers“.

Der Verteidigungs- und Rüstungsexperte Max Becker von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik nennt da etwa „Aufklärung und Überwachung, die Fähigkeit zu Deep Precision Strikes oder den strategischen Lufttransport“. Gerlinde Niehus, bis 2024 NATO-Vizedirektorin für Sicherheitskooperation, beschrieb das Problem der europäischen Armeen zuletzt bei der Ukraine-Konferenz „Cafe Kyiv“ plastisch. Es gehe um „Nerven und Skelett“ eines Körpers. Wenn mit einem Rückzug der USA „das Skelett erodiert und die Nerven keine Signale mehr wahrnehmen, wird der Körper mit seinen einzelnen Bestandteilen ziemlich nutzlos“, warnte sie.

Vom Schützen bis zum General: Das sind die Dienstgrade der Bundeswehr

Reservisten-Kompanie der Bundeswerh in Sachsen
Wie beim Militär üblich, gibt es auch bei der Bundeswehr eine klare Hierarchie in der Truppe. Jeder Soldat und jede Soldatin erhält einen Dienstgrad, über den neben der Position in der Befehlskette und dem Verantwortungsbereich auch die Besoldung geregelt wird. Welche Dienstgrade es in der Bundeswehr gibt und wer in der Hierarchie ganz oben steht, erfahren Sie in dieser Fotostrecke. © Matthias Hiekel/dpa
Freiwilliger Wehrdienst der Bundeswehr im Heimatschutz in Burg
Grundsätzlich lassen sich die Dienstgrade bei der Bundeswehr in drei Oberkategorien einteilen. Mannschaften, Unteroffiziere und Offiziere. Auf der niedrigsten Hierarchieebene in der Bundeswehr stehen zunächst die Mannschaften. © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
Öffentliches Gelöbnis von Rekruten der Bundeswehr vor dem Abgeordnetenhaus.
Der niedrigste Dienstgrad von Rekruten in der Bundeswehr richtet sich in der Regel nach der Truppengattung. Mögliche Bezeichnungen für die Rekruten lauten Schütze, Flieger oder Matrose. © Bernd von Jutrczenka/dpa
Ein Gefreiter und ein Obergefreiter der Bundeswehr.
Die verschiedenen Dienstgrade der Bundeswehr lassen sich zur schnellen Erkennung an den Schulterklappen der Soldaten ablesen. Auf der untersten Ebene in den Mannschaften nach dem einfachen Soldaten steht der Gefreite (r) gefolgt vom Obergefreiten (l). Die Schulterklappen zeigen einen bzw. zwei schräge Streifen. Soldaten können frühestens nach drei bzw. sechs Monaten zum Gefreiten oder Obergefreiten ernannt werden.  © Mathias Ernert/dpa
Ein Hauptgefreiter der deutschen Bundeswehr bei einer Übung auf dem Truppenübungsgelände Bergen in der Lüneburger Heide.
Als Nächstes in der Rangordnung folgt der Hauptgefreite, der Schulterklappen mit drei schrägen Streifen trägt. Im Soldatenjargon werden die Querstreifen auch „Pommes“ oder „Fritte“ bezeichnet. Die Mindestdienstzeit für die Ernennung zum Hauptgefreiten liegt bei 12 Monaten. © Chris Emil Janssen/imago-images
Ein Stabsgefreiter der Bundeswehr berät einen Interessenten
Nach drei Jahren im Dienst können Soldaten in den Rang einen Stabsgefreiten aufsteigen. Stabsgefreite steigen auch eine Besoldungsgruppe auf und tragen Schulterklappen mit vier Streifen. © Michael Gottschalk/dpa
Ein Oberstabsgefreiter der Bundeswehr bei einr Militaeruebung.
Nach einem weiteren Jahr im Dienst – also nach vier Jahren – ist die Beförderung zum Oberstabsgefreiten möglich. Bis 2021 bildete der Dienstgrad – zu erkennen an den fünf Querstreifen an den Schulterklappen – den höchsten Dienstgrad in der Laufbahn der Mannschaftssoldaten. © Juliane Sonntag/imago-images
Ein Korporal der Bundeswehr.
2021 schuf die Bundeswehr im Rahmen der „Modernisierung der Laufbahnen“ zwei neue Dienstgrade für Mannschaftssoldaten. Soldaten erhielten nach sieben Jahren im Dienst die Möglichkeit, zum Korporal aufzusteigen. Der mit der Beförderung verbundene Aufstieg in eine höhere Soldgruppe sollte auch die Laufbahn der Mannschaften attraktiver machen. Das Dienstgradabzeichen zeigt einen breiten Querstreifen. © Sebastian Wilke/Bundeswehr/dpa
Ein Oberstabsgefreiter der Bundeswehr wird zum Korporal befördert.
Der zweite neu eingeführte Dienstgrad war der des Stabskorporal, der künftig als neuer Spitzendienstgrad in den Mannschaften agiert. Soldaten können diesen frühestens nach zehn Jahren im Dienst, davon ein Jahr als Korporal, erhalten.  © Sebastian Wilke/Bundeswehr/dpa
Feierliche Vereidigung von Feldwebel und Unteroffiziersanwärtern der Bundeswehr Aufklärungsbataillon.
Die zweite Hauptgruppe der Bundeswehr sind die Unteroffiziere. „Unteroffiziere sind Spezialisten, aber auch Führer, Ausbilder und Erzieher der ihnen unterstellten Soldatinnen und Soldaten. Sie leiten und schulen das ihnen unterstellte Personal, beraten aber auch ihre eigenen Vorgesetzten“, schreibt die Bundeswehr auf ihrer eigenen Website. © imago-images
Unteroffiziere der Bundeswehr bei einer Übung.
Die Unteroffiziere gliedern sich wiederum in zwei Untergruppen. Unteroffiziere mit und ohne Portepee. Letztere vereint die ersten Dienstgrade der Laufbahn unter sich. Den Anfang macht der Unteroffizier. Dieser wird in die gleiche Besoldungsgruppe eingeteilt wie ein Stabsgefreiter. Die Schulterklappen zeigen eine nach unten offenen goldenen Bandstreifen genannt „Tresse“. Wer die Laufbahn eines Unteroffiziers ohne Portepee durchlaufen will, braucht mindestens einen Hauptschulabschluss. Das Pendant der Marine ist der Maat. © Swen Pförtner/dpa
Eine Stabsunteroffizierin der Bundeswehr mit einem Diensthund.
Stabsunteroffiziere bilden den höchsten Dienstgrad in der Gruppe der Unteroffiziere ohne Portepee. Das Dienstgradabzeichen zeigt eine geschlossene Tresse. Beim Sold liegen die Stabsunteroffiziere in der Gruppe A6 oder A7. Erstere ist auf dem Niveau der Korporale und Stabskorporale. Das Pendant der Marine ist der Obermaat. © Lars Heidrich/dpa
Eine Feldwebel der Bundeswehr hilft bei einer Teststation im Kampf gegen das Coronavirus.
Unteroffiziere mit Portepee bilden die nächsthöhere Untergruppe. Um diese Laufbahn anzustreben, brauchen Anwärter neben einem Hauptschulabschluss auch eine abgeschlossene Berufsausbildung. Nach Angaben der Bundeswehr muss sich ein Feldwebel in der Regel für acht bis 13 Jahre verpflichten. Das Dienstgradabzeichen des Feldwebels ist ein Winkel mit der Spitze nach oben in einer geschlossenen Tresse. Bei der Marine trägt der vergleichbare Dienstgrad die Bezeichnung Bootsmann. © Nicolas Armer/dpa
Ein Oberfeldwebel der Bundeswehr bei einer Gefechtsübung.
Das Dienstgradabzeichen mit zwei nach oben zeigenden Winkeln weist den Oberfeldwebel aus. Oberfeldwebel werden unter anderem als stellvertretende Zugführer oder Gruppenführer eingesetzt. In der Marine wird die Bezeichnung Oberbootsmann verwendet. © Jochen Lübke/dpa
Eine Oberfeldwebel der Bundeswehr beim Girls' Day im Bundesverteidigungsministerium.
Eine Besoldungsgruppe über dem Oberfeldwebel ist in der Bundeswehr der Hauptfeldwebel angesetzt. Das Dienstgradabzeichen zeigt einen Kopfwinkel mit der Spitze nach oben. Das Pendant der Marine ist der Hauptbootsmann. © Bernd von Jutrczenka/dpa
Ein Stabsfeldwebel der Bundeswehr
Der Stabsfeldwebel zählt zu den Spitzenverdienern unter den Unteroffizieren mit Portepee (Besoldungsgruppe A9). Stabsfeldwebel werden neben ihren Aufgaben als Zugführer auch als Kompaniefeldwebel – auch „Spieß“ genannt – eingesetzt. Als solcher agiert er als Führer des Unteroffizierkorps einer Einheit und leitet den Innendienst. In der Marine lautet die Bezeichnung für den Dienstgrad Stabsbootsmann. © Juliane Sonntag/imago-images
Ein Oberstabdsfeldwebel der Bundeswehr in einem Büro.
Den höchsten Dienstgrad der Unteroffiziere mit Portepee bildet der Oberstabsfeldwebel. Er kommt vor allem in höheren Stäben und Ämtern zum Einsatz, dient aber ebenso wie der Stabsfeldwebel auch als „Spieß“ oder Zugführer. Das Dienstgradabzeichen für Oberstabsfeldwebel zeigt einen Kopfwinkel, darunter zwei Winkel. Das Pendant in der Marine heißt Oberstabsbootsmann. © Rolf Vennenbernd/dpa
Der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Carsten Breuer.
Die dritte und letzte Obergruppe bei der Bundeswehr sind die Offiziere. Die Bundeswehr bezeichnet sie auf ihrer Website als „Manager in Uniform“. Sie führen Kompanien und Bataillone, arbeiten in Stäben und dem Verteidigungsministerium. Neben einer praktischen militärischen Ausbildung absolvieren Offiziersanwärter auch ein akademisches Studium bei der Bundeswehr. Für fast alle Laufbahnen wird deswegen mindestens eine Fachhochschulreife vorausgesetzt. © Jacob Schröter/imago-images
Ein Leutnant der Bundeswehr steht vor einem Militärflugzeug.
Den Anfang in der Offizierslaufbahn macht der Leutnant. Durch seine Stellung kann er sowohl Soldaten aus der Gruppe der Mannschaften, als auch der Unteroffiziere Befehle erteilen. Der Leutnant ist in der Besoldungsgruppe A9 – auf dem Level eines Stabsfeldwebels – eingeordnet. Das Dienstgradabzeichen des Leutnants zeigt einen Stern.  © Lars Klemmer/dpa
Ein Oberleutnant der Bundeswehr bei der Nato-Großübung in Norwegen.
Eine Besoldungsgruppe weiter oben (A10) ist der Oberleutnant angesetzt. In der Regel erfolgt die Beförderung frühestens zwei Jahren nach der Ernennung zum Offizier. Das Dienstgradabzeichen zeigt zwei Sterne. © Mohssen Assanimoghaddam/dpa
Ein Hauptmann der Bundeswehr auf einem Flugplatz.
Eine Stufe über dem Oberleutnant steht in der Rangordnung der Bundeswehr die Gruppe der Hauptleute. Diese beinhaltet die Dienstgrade Hauptmann und Stabshauptmann. Hauptleute werden häufig als militärische Führer in den Verbänden ihre Truppengattungen eingesetzt. Der Dienstgrad des Stabshauptmanns ist Offizieren des militärfachlichen Diensts vorbehalten. Die Schulterklappen zeigen drei (Hauptmann) oder vier (Stabshauptmann) Sterne. In der Marine lautet die Bezeichnung des Dienstgrads Kapitänleutnant bzw. Stabskapitänleutnant. © Achille Abboud/imago-images
Ein Major der Bundeswehr im Gespräch mit Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius.
Auf die Hauptleute folgt die Dienstgradgruppe der Stabsoffiziere, die in der Regel auf Stabsposten und als militärische Führer eingesetzt werden. Der erste Dienstgrad in der Gruppe ist der Major. Majore werden auch als Hörsaalleiter in Lehreinrichtungen der Bundeswehr oder in Referaten und Ministerien eingesetzt. Das Dienstgradabzeichen zeigt ein Eichenlaub und einen Stern. Das Pendant der Marine ist der Korvettenkapitän. © Bernhard Herrmann/imago-images
Ein Oberstleutnant der Bundeswehr im Gespräch mit Bayerns Ministerpräsident Markus Söder.
Der mittlere Dienstgrad der Stabsoffiziere bildet der Oberstleutnant. Diese werden neben den anderen Anwendungsfeldern der Stabsoffiziere auch als Dezernenten oder Referenten in Ämtern oder im Verteidigungsministerium eingesetzt. Das Dienstgradabzeichen zeigt ein Eichenlaub und zwei Sterne. Das Pendant der Marine ist der Fregattenkapitän. © Revierfoto/imago-images
Ein Oberst der Bundeswehr im Gespräch mit Verteidigungsminister Boris Pistorius.
Der Oberst stellt den höchsten Dienstgrad in der Gruppe der Stabsoffiziere dar. In der Regel wird er in leitenden Positionen in Kommandobehörden, Ämtern oder im Verteidigungsministerium eingesetzt. Sein Dienstgradabzeichen zeigt ein Eichenlaub mit drei Sternen. Das Pendant der Marine ist der Kapitän zur See. © IMAGO/JOERAN STEINSIEK
Ein Brigadegeneral der Bundeswehr.
Die Speerspitze in der Hierarchie der Bundeswehr bilden die Generäle. Sie stehen in der Hierarchie ganz oben und dienen vor allem auf Stabsposten und in der Regel nicht in der kämpfenden Truppe. Der rangniedrigste General ist der Brigadegeneral. Eine Beförderung vom Oberst zum Brigadegeneral erfolgt in der Regel aufgrund der Eignung und Leistung des Offiziers und ist nicht an andere Voraussetzungen gebunden. Sein Dienstgradabzeichen zeigt ein goldenes Eichenlaub mit einem goldenen Stern. In der Marine heißt der vergleichbare Dienstgrad Flottillen­admiral. © IMAGO/Björn Trotzki
Christian Freuding, Generalmajor des Heeres der Bundeswehr, Leiter des Lagezentrums Ukraine und des Planungsstabs des Bundesministers der Verteidigung.
Auf den Brigadegeneral folgt in der Rangordnung der Bundeswehr der Generalmajor. In der Praxis erfolgt die Beförderung erst nach mehreren Jahren als Brigadegeneral. Generalmajore übernehmen leitende Funktionen in Kommandobehörden, dem Verteidigungsministerium oder Einrichtungen der Nato. So dient Generalmajor Christian Freuding (Bild) als Leiter des Lagezentrums Ukraine und des Planungsstabs des Bundesministers der Verteidigung. Das Dienstgradabzeichen des Generalmajors zeigt ein goldenes Eichenlaub und zwei goldene Sterne. Das Pendant der Marine ist der Konteradmiral. © IMAGO/M. Popow
Der Inspekteur der Luftwaffe: Generalleutnant Holger Neumann.
Der zweithöchste Dienstgrad der Bundeswehr ist der Generalleutnant. Bei Luftwaffe und Heer gibt es weniger als zwei Dutzend Offiziere mit diesem Rang, die in wichtigen leitenden Positionen eingesetzt werden. So ist der stellvertretende Generalinspekteur der Bundeswehr immer ein Generalleutnant. Auch der Inspekteur der Luftwaffe, Holger Neumann (Stand Mai 2025, Bild), ist im Rang eines Generalleutnants. Sein Dienstabzeichen zeigt ein goldenes Eichenlaub mit drei goldenen Sternen. Das Pendant der Marine ist der Vizeadmiral. © Björn Trotzki/imago-images
Der Generalinspekteur der Bundeswehr: General Carsten Breuer.
Ganz oben in der Hierarchie der Bundeswehr steht der General. Der Dienstgrad ist nur wenigen Soldaten in absoluten Führungspositionen vorbehalten. Der Generalinspekteur der Bundeswehr – höchster militärischer Repräsentant der Bundeswehr – ist General Carsten Breuer (Stand Mai 2025, Bild). Deutsche Generäle dienen auch in Führungspositionen der Nato. Das Dienstgradabzeichen zeigt ein goldenes Eichenlaub und vier goldene Sterne. Zur besseren Unterscheidung von der Dienstgruppe der Generäle wird er deswegen umgangssprachlich als Vier-Sterne-General bezeichnet. Das Pendant der Marine ist der Admiral. © IMAGO/Klaus W. Schmidt

Becker erkennt zwar Überlegungen, wie schnell man kritische Fähigkeiten der Amerikaner schrittweise ersetzen kann. So europäisiere man etwa die Kommandostrukturen der NATO. Ob Europa auf Sicht in der Lage ist, bei der eigenen Verteidigung in eine mögliche „große Lücke“ der USA zu springen, müsse aber „die Zeit zeigen“. Denn der Experte sieht eine bedenkliche Leerstelle. Ihm fehle „eine Debatte darüber, welche vier bis fünf kritischen Fähigkeiten uns fehlen, um uns verteidigen zu können, wenn sich die USA konventionell aus Europa zurückziehen, und wie wir diese gemeinsam und möglichst schnell beschaffen können.“ Eine Experten-Diagnose lautet ohnehin: Europa hat Probleme bei der Beschaffung von Militärmaterial.

Mehr Europa gegen Trumps Verteidigungs-Lücke: Experte rügt Pistorius‘ Ministerium – „unverständlich“

Eine Teillösung – neben größeren Produktionskapazitäten – könnte nach Ansicht Beckers oder auch des IfW Kiel generell „mehr Europa“ lauten. Man wisse „seit Jahren“, europäische Zusammenarbeit sei günstiger und könne „Interoperabilität schaffen“, sagt Becker. Heißt: Verschiedene Armeen hätten dasselbe Gerät und könnten direkter kooperieren. Projekte gibt es, etwa zwischen Norwegen und Deutschland, wie der norwegische Verteidigungsminister Tore Sandvik im Interview erklärte.

Doch insgesamt läuft es in dieser Hinsicht nicht gut genug, wie Becker andeutet. Ausgerechnet das Gesetz zur beschleunigten Planung und Beschaffung für die Bundeswehr mache die Bemühungen eher zur nationalen Angelegenheit, sagt er. Auch beim „SAFE“-Programm der EU zeige sich vor allem Skepsis des Verteidigungsministeriums. Die „SAFE“-Kredite seien für Deutschland zwar nicht relevant. Aber von Rüstungs-Rahmenverträgen, die in Zusammenhang mit SAFE verhandelt werden, könne das Land profitieren: „Da sehe ich keine Bewegung im Bundesverteidigungsministerium“, sagt Becker. Das könne „ein großes Problem“ werden. Aus seiner Sicht sei „unverständlich“, warum man sich nicht auf mehr gemeinsame Beschaffung konzentriere – zumindest bei den „strategic enablers“.

„Wie wehrhaft ist Deutschland?“

Teil 1: „Sicherheit zählt zu den Kernaufgaben des Staates – aber Versäumnisse reichen weit zurück“

Teil 2: „Die Leute sind nicht naiv“: Putin und Trump zeigen Wirkung – so blickt Deutschland auf seine Verteidigung

Teil 3: Die „Manufaktur“ und die Sache mit „Pfeil“ und „Bogen“: Wo Deutschlands künftige Wehrhaftigkeit wackelt

Teil 5: „Keine Einzelfälle“ – Soldaten erzählen: Was bei der Bundeswehr trotz Zeitenwende noch schiefläuft

Mit einer Hoffnung räumt Becker indes auf: Es sei zwar richtig und wichtig, mehr Material in Europa zu kaufen. Etwa, um den Markt zu stärken. Sich sehr kurzfristig komplett von den USA zu entkoppeln, sei aber nicht realistisch. „Selbst europäische Systeme sind über die Lieferketten eng mit den Vereinigten Staaten verwoben. Wenn der Motor eines europäischen Kampfjets aus den USA kommt, dann gibt es immer noch einen Hebel, etwa, indem Exportgenehmigungen verweigert werden.“

Bundeswehr-Probleme: Nicht nur Material, sondern auch Menschen – dieses Personal haben wir nicht

Es braucht aber nicht nur Material – sondern auch Menschen, wie Becker betont. „Für die Flugabwehr sollen in den nächsten Jahren bis zu 600 ‚Skyranger 30‘ in Dienst gestellt werden. Diese 600 Systeme müssen von jeweils drei Menschen bedient werden. Und dieses Personal haben wir nicht“, warnt er. Mit der nun gewählten Wehrpflicht-Lösung habe man wohl eine Chance verpasst: Die Bundeswehr werde in den kommenden Jahren „viel mehr in die Mitte unserer Gesellschaft rücken müssen“. „Ich wünsche mir eine offene Debatte über die Bedrohungslage, über Ziele und über die notwendigen Fähigkeiten und Mittel“, sagt Becker. „Dazu gehören eben auch Menschen.“ Je näher das Jahr 2029 und damit der mögliche Zeitpunkt eines Angriffs Russlands auf die NATO rücke, desto größer werde „die Bedrängnis, in der wir diese Debatte führen müssen.“

Dabei scheint das Bewusstsein in Deutschland zu wachsen. „Große Teile der Bevölkerung und Politik haben mittlerweile einen ziemlich klaren Blick auf die Bedeutung und Bedrohung, die von einem imperialen Russland für unsere Sicherheit ausgeht, aber auch auf die zunehmenden Unsicherheiten in den transatlantischen Beziehungen“, sagt Becker. Das betonte auch der Militärsoziologe Timo Graf im Gespräch mit unserer Redaktion. Er sieht in seinen Umfragedaten sogar ausreichend Bereitschaft, selbst das Land zu verteidigen. „Hinsichtlich der Wehrbereitschaft der deutschen Bevölkerung schlafe ich nachts wirklich ruhig“, erklärte er.

Doch in der Realität ist die Personalfindung vorerst weiter das „größte Problem der Bundeswehr“, wie der Wehrbeauftragte Henning Otte (CDU) gerade erst einräumte. Parteifreund und Bundeswehr-Oberst a.D. Roderich Kiesewetter sieht einen möglichen Zusammenhang mit dem „Wie“ der Aufrüstung: Er moniert einen Mangel an moderner Drohnenabwehr. In einer „postheroischen Gesellschaft“ werde man nur schwer Soldaten finden, die in Panzern eingesetzt werden wollen. „Weil sie wissen: Über 90 Prozent der Kampf- oder Schützenpanzer in der Ukraine werden durch Drohnen zerstört.“

Kiesewetter zweifelt auch am Handlungswillen einiger Politiker. Das Problem zeige sich zum Beispiel an mangelnden Aufträgen für die deutsche Rüstungsindustrie, sagt er. Viele im politischen Bereich glaubten nicht, dass der Krieg in der Ukraine noch lange weitergehe. „Es gibt bei einigen den Gedanken: Vielleicht willigt die Ukraine in einen Diktatfrieden ein, vielleicht sparen wir uns die 500 Milliarden Euro.“ Becker stimmt Deutschland indes auf einen längeren Prozess ein: „Die Zeitenwende wird nicht mit einem klaren Endpunkt abgeschlossen sein – sie wird die nächsten Dekaden prägen.“ (Quellen: Roderich Kiesewetter, Max Becker, Panel Cafe Kyiv, eigene Recherchen)

Rubriklistenbild: © Montage: Olivier Hoslet/Planet Pix via Zuma Press/picture alliance/dpa/Pool EPA/AP

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