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Münchner-Merkur-Interview

„Die Leute sind nicht naiv“: Putin und Trump zeigen Wirkung – so blickt Deutschland auf seine Verteidigung

Verteidigung ist teuer. Kann es da dauerhafte Zustimmung geben? Der Militärsoziologe Timo Graf erläutert im Interview Umfragedaten aus Deutschland.

Putin droht und führt Krieg in der Ukraine – und auf Trumps USA scheint kein Verlass mehr. Da will Europa wehrhaft werden. Aber gibt es dafür eigentlich Rückhalt unter den Menschen in Deutschland, selbst wenn es Geld kostet oder persönlichen Einsatz verlangt? Der Militärsoziologe Timo Graf stellt im Interview mit dem Münchner Merkur von Ippen.Media die Erkenntnisse des Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr vor. Graf lassen die hauseigenen Daten „ruhig schlafen“, wie er sagt. In allen Belangen positiv für die Bundeswehr sind sie indes nicht. Das ist die zweite Folge der Serie „Wie wehrhaft ist Deutschland?“ Den ersten Teil über die Lücken der deutschen Sicherheit lesen Sie hier.

Ein Bundeswehr-Soldat in Litauen – Militärsoziologe Timo Graf erklärt im Interview den Blick der Deutschen auf Verteidigung und Armee.

Eine von Grafs Thesen: Die Deutschen waren nie mehrheitlich Pazifisten. Diese Annahme sei eher historisch entstanden – und aus Debatten über Auslandseinsätze nach dem Kalten Krieg. Die Kritik habe damals aber eher auf der Einschätzung gefußt, dass Einsätze wie in Afghanistan oder Mali „wenig erfolgreich waren und ein zu großes Risiko ‚für die eigenen Leute‘ darstellten“: „Auch das war ja eine nicht ganz unrealistische Einschätzung, wie wir heute wissen“, sagt Graf.  

„Die Deutschen waren nie mehrheitlich Pazifisten“ – Ukraine-Krieg als „Gamechanger“

Herr Graf, Sie meinen, die Deutschen seien weder „naiv“ noch „pazifistisch“. Wie kommen Sie zu diesem Urteil?
Die Bevölkerung reagiert seit jeher sehr sensibel und äußerst pragmatisch auf Veränderungen in der sicherheitspolitischen Lage. Wann immer sich die Deutschen militärisch bedroht fühlten, haben sie mehrheitlich eine Politik der militärischen Stärke unterstützt. So war es im Kalten Krieg und so ist es auch seit Russlands Vollinvasion der Ukraine wieder. Nach dem Ende des Kalten Krieges war man sich in Politik und Gesellschaft dagegen einig, dass Abrüstung opportun war. Das war, wenn man so will, ebenfalls eine pragmatische, wenn auch eine wenig vorausschauende, Entscheidung.
Und Ihre These in Sachen Pazifismus?
Ich gehe so weit, zu behaupten, dass die Deutschen nie mehrheitlich Pazifisten waren. Pazifisten lehnen den Einsatz militärischer Mittel zur Konfliktbewältigung ab und befürworten den Einsatz nicht-militärischer Mittel. Genau diese beiden Einstellungen messen wir seit vielen Jahren in unserer Bevölkerungsbefragung. Da sehen wir: Eine Mehrheit von mindestens 60 Prozent hat prinzipiell immer den Einsatz militärischer wie auch ziviler Mittel als legitim erachtet, um außen- und sicherheitspolitische Interessen zu erreichen. Also bereits vor 2022 waren die meisten Deutschen keine Pazifisten, sondern sicherheitspolitische Pragmatiker. Der hohe gesellschaftliche Zuspruch zur ambitionierten Neuausrichtung der deutschen Verteidigungspolitik ist der beste Beleg dafür.

Vom Schützen bis zum General: Das sind die Dienstgrade der Bundeswehr

Reservisten-Kompanie der Bundeswerh in Sachsen
Wie beim Militär üblich, gibt es auch bei der Bundeswehr eine klare Hierarchie in der Truppe. Jeder Soldat und jede Soldatin erhält einen Dienstgrad, über den neben der Position in der Befehlskette und dem Verantwortungsbereich auch die Besoldung geregelt wird. Welche Dienstgrade es in der Bundeswehr gibt und wer in der Hierarchie ganz oben steht, erfahren Sie in dieser Fotostrecke. © Matthias Hiekel/dpa
Freiwilliger Wehrdienst der Bundeswehr im Heimatschutz in Burg
Grundsätzlich lassen sich die Dienstgrade bei der Bundeswehr in drei Oberkategorien einteilen. Mannschaften, Unteroffiziere und Offiziere. Auf der niedrigsten Hierarchieebene in der Bundeswehr stehen zunächst die Mannschaften. © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
Öffentliches Gelöbnis von Rekruten der Bundeswehr vor dem Abgeordnetenhaus.
Der niedrigste Dienstgrad von Rekruten in der Bundeswehr richtet sich in der Regel nach der Truppengattung. Mögliche Bezeichnungen für die Rekruten lauten Schütze, Flieger oder Matrose. © Bernd von Jutrczenka/dpa
Ein Gefreiter und ein Obergefreiter der Bundeswehr.
Die verschiedenen Dienstgrade der Bundeswehr lassen sich zur schnellen Erkennung an den Schulterklappen der Soldaten ablesen. Auf der untersten Ebene in den Mannschaften nach dem einfachen Soldaten steht der Gefreite (r) gefolgt vom Obergefreiten (l). Die Schulterklappen zeigen einen bzw. zwei schräge Streifen. Soldaten können frühestens nach drei bzw. sechs Monaten zum Gefreiten oder Obergefreiten ernannt werden.  © Mathias Ernert/dpa
Ein Hauptgefreiter der deutschen Bundeswehr bei einer Übung auf dem Truppenübungsgelände Bergen in der Lüneburger Heide.
Als Nächstes in der Rangordnung folgt der Hauptgefreite, der Schulterklappen mit drei schrägen Streifen trägt. Im Soldatenjargon werden die Querstreifen auch „Pommes“ oder „Fritte“ bezeichnet. Die Mindestdienstzeit für die Ernennung zum Hauptgefreiten liegt bei 12 Monaten. © Chris Emil Janssen/imago-images
Ein Stabsgefreiter der Bundeswehr berät einen Interessenten
Nach drei Jahren im Dienst können Soldaten in den Rang einen Stabsgefreiten aufsteigen. Stabsgefreite steigen auch eine Besoldungsgruppe auf und tragen Schulterklappen mit vier Streifen. © Michael Gottschalk/dpa
Ein Oberstabsgefreiter der Bundeswehr bei einr Militaeruebung.
Nach einem weiteren Jahr im Dienst – also nach vier Jahren – ist die Beförderung zum Oberstabsgefreiten möglich. Bis 2021 bildete der Dienstgrad – zu erkennen an den fünf Querstreifen an den Schulterklappen – den höchsten Dienstgrad in der Laufbahn der Mannschaftssoldaten. © Juliane Sonntag/imago-images
Ein Korporal der Bundeswehr.
2021 schuf die Bundeswehr im Rahmen der „Modernisierung der Laufbahnen“ zwei neue Dienstgrade für Mannschaftssoldaten. Soldaten erhielten nach sieben Jahren im Dienst die Möglichkeit, zum Korporal aufzusteigen. Der mit der Beförderung verbundene Aufstieg in eine höhere Soldgruppe sollte auch die Laufbahn der Mannschaften attraktiver machen. Das Dienstgradabzeichen zeigt einen breiten Querstreifen. © Sebastian Wilke/Bundeswehr/dpa
Ein Oberstabsgefreiter der Bundeswehr wird zum Korporal befördert.
Der zweite neu eingeführte Dienstgrad war der des Stabskorporal, der künftig als neuer Spitzendienstgrad in den Mannschaften agiert. Soldaten können diesen frühestens nach zehn Jahren im Dienst, davon ein Jahr als Korporal, erhalten.  © Sebastian Wilke/Bundeswehr/dpa
Feierliche Vereidigung von Feldwebel und Unteroffiziersanwärtern der Bundeswehr Aufklärungsbataillon.
Die zweite Hauptgruppe der Bundeswehr sind die Unteroffiziere. „Unteroffiziere sind Spezialisten, aber auch Führer, Ausbilder und Erzieher der ihnen unterstellten Soldatinnen und Soldaten. Sie leiten und schulen das ihnen unterstellte Personal, beraten aber auch ihre eigenen Vorgesetzten“, schreibt die Bundeswehr auf ihrer eigenen Website. © imago-images
Unteroffiziere der Bundeswehr bei einer Übung.
Die Unteroffiziere gliedern sich wiederum in zwei Untergruppen. Unteroffiziere mit und ohne Portepee. Letztere vereint die ersten Dienstgrade der Laufbahn unter sich. Den Anfang macht der Unteroffizier. Dieser wird in die gleiche Besoldungsgruppe eingeteilt wie ein Stabsgefreiter. Die Schulterklappen zeigen eine nach unten offenen goldenen Bandstreifen genannt „Tresse“. Wer die Laufbahn eines Unteroffiziers ohne Portepee durchlaufen will, braucht mindestens einen Hauptschulabschluss. Das Pendant der Marine ist der Maat. © Swen Pförtner/dpa
Eine Stabsunteroffizierin der Bundeswehr mit einem Diensthund.
Stabsunteroffiziere bilden den höchsten Dienstgrad in der Gruppe der Unteroffiziere ohne Portepee. Das Dienstgradabzeichen zeigt eine geschlossene Tresse. Beim Sold liegen die Stabsunteroffiziere in der Gruppe A6 oder A7. Erstere ist auf dem Niveau der Korporale und Stabskorporale. Das Pendant der Marine ist der Obermaat. © Lars Heidrich/dpa
Eine Feldwebel der Bundeswehr hilft bei einer Teststation im Kampf gegen das Coronavirus.
Unteroffiziere mit Portepee bilden die nächsthöhere Untergruppe. Um diese Laufbahn anzustreben, brauchen Anwärter neben einem Hauptschulabschluss auch eine abgeschlossene Berufsausbildung. Nach Angaben der Bundeswehr muss sich ein Feldwebel in der Regel für acht bis 13 Jahre verpflichten. Das Dienstgradabzeichen des Feldwebels ist ein Winkel mit der Spitze nach oben in einer geschlossenen Tresse. Bei der Marine trägt der vergleichbare Dienstgrad die Bezeichnung Bootsmann. © Nicolas Armer/dpa
Ein Oberfeldwebel der Bundeswehr bei einer Gefechtsübung.
Das Dienstgradabzeichen mit zwei nach oben zeigenden Winkeln weist den Oberfeldwebel aus. Oberfeldwebel werden unter anderem als stellvertretende Zugführer oder Gruppenführer eingesetzt. In der Marine wird die Bezeichnung Oberbootsmann verwendet. © Jochen Lübke/dpa
Eine Oberfeldwebel der Bundeswehr beim Girls' Day im Bundesverteidigungsministerium.
Eine Besoldungsgruppe über dem Oberfeldwebel ist in der Bundeswehr der Hauptfeldwebel angesetzt. Das Dienstgradabzeichen zeigt einen Kopfwinkel mit der Spitze nach oben. Das Pendant der Marine ist der Hauptbootsmann. © Bernd von Jutrczenka/dpa
Ein Stabsfeldwebel der Bundeswehr
Der Stabsfeldwebel zählt zu den Spitzenverdienern unter den Unteroffizieren mit Portepee (Besoldungsgruppe A9). Stabsfeldwebel werden neben ihren Aufgaben als Zugführer auch als Kompaniefeldwebel – auch „Spieß“ genannt – eingesetzt. Als solcher agiert er als Führer des Unteroffizierkorps einer Einheit und leitet den Innendienst. In der Marine lautet die Bezeichnung für den Dienstgrad Stabsbootsmann. © Juliane Sonntag/imago-images
Ein Oberstabdsfeldwebel der Bundeswehr in einem Büro.
Den höchsten Dienstgrad der Unteroffiziere mit Portepee bildet der Oberstabsfeldwebel. Er kommt vor allem in höheren Stäben und Ämtern zum Einsatz, dient aber ebenso wie der Stabsfeldwebel auch als „Spieß“ oder Zugführer. Das Dienstgradabzeichen für Oberstabsfeldwebel zeigt einen Kopfwinkel, darunter zwei Winkel. Das Pendant in der Marine heißt Oberstabsbootsmann. © Rolf Vennenbernd/dpa
Der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Carsten Breuer.
Die dritte und letzte Obergruppe bei der Bundeswehr sind die Offiziere. Die Bundeswehr bezeichnet sie auf ihrer Website als „Manager in Uniform“. Sie führen Kompanien und Bataillone, arbeiten in Stäben und dem Verteidigungsministerium. Neben einer praktischen militärischen Ausbildung absolvieren Offiziersanwärter auch ein akademisches Studium bei der Bundeswehr. Für fast alle Laufbahnen wird deswegen mindestens eine Fachhochschulreife vorausgesetzt. © Jacob Schröter/imago-images
Ein Leutnant der Bundeswehr steht vor einem Militärflugzeug.
Den Anfang in der Offizierslaufbahn macht der Leutnant. Durch seine Stellung kann er sowohl Soldaten aus der Gruppe der Mannschaften, als auch der Unteroffiziere Befehle erteilen. Der Leutnant ist in der Besoldungsgruppe A9 – auf dem Level eines Stabsfeldwebels – eingeordnet. Das Dienstgradabzeichen des Leutnants zeigt einen Stern.  © Lars Klemmer/dpa
Ein Oberleutnant der Bundeswehr bei der Nato-Großübung in Norwegen.
Eine Besoldungsgruppe weiter oben (A10) ist der Oberleutnant angesetzt. In der Regel erfolgt die Beförderung frühestens zwei Jahren nach der Ernennung zum Offizier. Das Dienstgradabzeichen zeigt zwei Sterne. © Mohssen Assanimoghaddam/dpa
Ein Hauptmann der Bundeswehr auf einem Flugplatz.
Eine Stufe über dem Oberleutnant steht in der Rangordnung der Bundeswehr die Gruppe der Hauptleute. Diese beinhaltet die Dienstgrade Hauptmann und Stabshauptmann. Hauptleute werden häufig als militärische Führer in den Verbänden ihre Truppengattungen eingesetzt. Der Dienstgrad des Stabshauptmanns ist Offizieren des militärfachlichen Diensts vorbehalten. Die Schulterklappen zeigen drei (Hauptmann) oder vier (Stabshauptmann) Sterne. In der Marine lautet die Bezeichnung des Dienstgrads Kapitänleutnant bzw. Stabskapitänleutnant. © Achille Abboud/imago-images
Ein Major der Bundeswehr im Gespräch mit Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius.
Auf die Hauptleute folgt die Dienstgradgruppe der Stabsoffiziere, die in der Regel auf Stabsposten und als militärische Führer eingesetzt werden. Der erste Dienstgrad in der Gruppe ist der Major. Majore werden auch als Hörsaalleiter in Lehreinrichtungen der Bundeswehr oder in Referaten und Ministerien eingesetzt. Das Dienstgradabzeichen zeigt ein Eichenlaub und einen Stern. Das Pendant der Marine ist der Korvettenkapitän. © Bernhard Herrmann/imago-images
Ein Oberstleutnant der Bundeswehr im Gespräch mit Bayerns Ministerpräsident Markus Söder.
Der mittlere Dienstgrad der Stabsoffiziere bildet der Oberstleutnant. Diese werden neben den anderen Anwendungsfeldern der Stabsoffiziere auch als Dezernenten oder Referenten in Ämtern oder im Verteidigungsministerium eingesetzt. Das Dienstgradabzeichen zeigt ein Eichenlaub und zwei Sterne. Das Pendant der Marine ist der Fregattenkapitän. © Revierfoto/imago-images
Ein Oberst der Bundeswehr im Gespräch mit Verteidigungsminister Boris Pistorius.
Der Oberst stellt den höchsten Dienstgrad in der Gruppe der Stabsoffiziere dar. In der Regel wird er in leitenden Positionen in Kommandobehörden, Ämtern oder im Verteidigungsministerium eingesetzt. Sein Dienstgradabzeichen zeigt ein Eichenlaub mit drei Sternen. Das Pendant der Marine ist der Kapitän zur See. © IMAGO/JOERAN STEINSIEK
Ein Brigadegeneral der Bundeswehr.
Die Speerspitze in der Hierarchie der Bundeswehr bilden die Generäle. Sie stehen in der Hierarchie ganz oben und dienen vor allem auf Stabsposten und in der Regel nicht in der kämpfenden Truppe. Der rangniedrigste General ist der Brigadegeneral. Eine Beförderung vom Oberst zum Brigadegeneral erfolgt in der Regel aufgrund der Eignung und Leistung des Offiziers und ist nicht an andere Voraussetzungen gebunden. Sein Dienstgradabzeichen zeigt ein goldenes Eichenlaub mit einem goldenen Stern. In der Marine heißt der vergleichbare Dienstgrad Flottillen­admiral. © IMAGO/Björn Trotzki
Christian Freuding, Generalmajor des Heeres der Bundeswehr, Leiter des Lagezentrums Ukraine und des Planungsstabs des Bundesministers der Verteidigung.
Auf den Brigadegeneral folgt in der Rangordnung der Bundeswehr der Generalmajor. In der Praxis erfolgt die Beförderung erst nach mehreren Jahren als Brigadegeneral. Generalmajore übernehmen leitende Funktionen in Kommandobehörden, dem Verteidigungsministerium oder Einrichtungen der Nato. So dient Generalmajor Christian Freuding (Bild) als Leiter des Lagezentrums Ukraine und des Planungsstabs des Bundesministers der Verteidigung. Das Dienstgradabzeichen des Generalmajors zeigt ein goldenes Eichenlaub und zwei goldene Sterne. Das Pendant der Marine ist der Konteradmiral. © IMAGO/M. Popow
Der Inspekteur der Luftwaffe: Generalleutnant Holger Neumann.
Der zweithöchste Dienstgrad der Bundeswehr ist der Generalleutnant. Bei Luftwaffe und Heer gibt es weniger als zwei Dutzend Offiziere mit diesem Rang, die in wichtigen leitenden Positionen eingesetzt werden. So ist der stellvertretende Generalinspekteur der Bundeswehr immer ein Generalleutnant. Auch der Inspekteur der Luftwaffe, Holger Neumann (Stand Mai 2025, Bild), ist im Rang eines Generalleutnants. Sein Dienstabzeichen zeigt ein goldenes Eichenlaub mit drei goldenen Sternen. Das Pendant der Marine ist der Vizeadmiral. © Björn Trotzki/imago-images
Der Generalinspekteur der Bundeswehr: General Carsten Breuer.
Ganz oben in der Hierarchie der Bundeswehr steht der General. Der Dienstgrad ist nur wenigen Soldaten in absoluten Führungspositionen vorbehalten. Der Generalinspekteur der Bundeswehr – höchster militärischer Repräsentant der Bundeswehr – ist General Carsten Breuer (Stand Mai 2025, Bild). Deutsche Generäle dienen auch in Führungspositionen der Nato. Das Dienstgradabzeichen zeigt ein goldenes Eichenlaub und vier goldene Sterne. Zur besseren Unterscheidung von der Dienstgruppe der Generäle wird er deswegen umgangssprachlich als Vier-Sterne-General bezeichnet. Das Pendant der Marine ist der Admiral. © IMAGO/Klaus W. Schmidt
Welches Zustimmungsniveau sehen Sie denn für höhere Verteidigungsausgaben?
Wir erheben kontinuierlich seit dem Jahr 2000 Daten dazu. Wie bereits erwähnt, reagieren die Menschen hierzulande sehr sensibel auf Veränderungen in der sicherheitspolitischen Lage. Das zeigt sich auch ganz klar mit Blick auf die Bereitschaft zur Erhöhung der Verteidigungsausgaben. Zu Beginn der Datenerhebung plädierten nur 20 Prozent für höhere Verteidigungsausgaben. Infolge der Anschläge vom 11. September 2001 gab es dann einen ersten kurzen, starken Anstieg auf 42 Prozent – das war aber nur ein Strohfeuer, denn die Werte fielen kurz darauf wieder massiv ab. 2014/15 gab es einen erneuten Anstieg auf 50 Prozent. Russlands Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim und der Bürgerkrieg in Syrien wurden von vielen Bürgerinnen und Bürgern als Bedrohungen wahrgenommen. Der absolute Gamechanger kam 2022 mit Russlands Vollinvasion in der Ukraine. Seitdem befürwortet eine absolute Mehrheit von 60 Prozent eine Steigerung der Verteidigungsausgaben.
Aber es gibt da sicher Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen?
Die Forderung nach einer Stärkung der nationalen Verteidigungsfähigkeit besteht mehrheitlich in allen soziodemografischen Teilgruppen und Wählerschaften in der deutschen Bevölkerung – sie ist dementsprechend gesamtgesellschaftlicher Konsens. Selbst in eher bundeswehrkritischen Wählergruppen, etwa unter den Anhängern der Linken, liegt der Zustimmungswert für eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben aktuell bei 50 Prozent. Und das ist mit Abstand der geringste aller Zustimmungswerte.
Sehen Sie aktuell auch einen Trump-Effekt?
In der letzten Datenerhebung – 2025, nach Donald Trumps Amtsantritt – folgte tatsächlich der nächste Impuls, ein Zuwachs auf 65 Prozent. Das ist der höchste jemals von uns gemessene Zustimmungswert zur Erhöhung der Verteidigungsausgaben. Dieser erneute Sprung steht klar in Zusammenhang mit dem starken Vertrauensverlust in die USA als NATO-Bündnispartner. Viele Bürgerinnen und Bürger verstehen, dass wir noch mehr für unsere eigene Verteidigung tun müssen.

Wie wehrhaft ist Deutschland?

In unserer mehrteiligen Serie kommen Experten und Insider zu Wort und erklären, wie gut Deutschland auf die aktuellen Gefahren vorbereitet ist.

Teil 1: Deutschlands Sicherheit hat Lücken – „Versäumnisse reichen weit zurück“

Teil 3: Die „Manufaktur“ und die Sache mit „Pfeil“ und „Bogen“: Wo Deutschlands künftige Wehrhaftigkeit wackelt

Teil 4: Putin droht – und Europas „Nerven und Skelett“ könnten schwinden: Experten sehen bedenkliche Leerstellen

Verteidigung statt Soziales? „Der Steuerzahler will einen Eigennutzen“

Aber die Mittel sind ja nicht unendlich. Eine Studie der TU München hat zuletzt gezeigt, dass viele Menschen zugunsten der Verteidigung sogar an Sozialausgaben sparen würden. Haben Sie auch Daten zu solchen Abwägungen?
Unsere Frage dazu lautet: „Sollten die staatlichen Ausgaben für die folgenden Politikbereiche erhöht werden, verringert werden oder gleichbleiben“ – mit dem Zusatz „bitte bedenken Sie, dass der Staatshaushalt begrenzt ist“. Das Ergebnis: Den Menschen sind Bildung, innere Sicherheit und Gesundheit am wichtigsten, mit Zustimmungswerten über 70 Prozent für eine Erhöhung. Verteidigung gehört mit 67 Prozent auch noch zu den priorisierten Ausgabenbereichen und liegt damit sogar vor der Erhöhung der Renten. Am Ende der Skala liegen Umweltschutz, Entwicklungshilfe und Arbeitslosenunterstützung; mit 41, 23 und 19 Prozent Zustimmung für höhere Ausgaben.
Wie erklären Sie sich so ein Ergebnis?
Der Steuerzahler ist grundsätzlich egoistisch. Er will einen Eigennutzen aus seinen Steuern haben. Salopp formuliert: „Ich bin nicht Mutter Natur, ich bin kein Entwicklungshilfeempfänger im globalen Süden“ – und die allermeisten Deutschen sind auch nicht arbeitslos. Die Menschen sind also am ehesten bereit, dort Abstriche zu machen, wo es ihnen selbst am wenigsten schadet. Zwei Drittel der deutschen Bevölkerung fühlen sich durch Russland militärisch bedroht – da will kaum jemand an der Verteidigung sparen.
Höhere Ausgaben sind eine Seite der Medaille. Die andere ist die Frage, wie zufrieden man mit der Verwendung ist. In diesem Fall mit der Bundeswehr.
Die Grundhaltung zur Bundeswehr messen wir seit 2000 immer mit dem gleichen Messinstrument. Das Interessante ist: Die Grundhaltung zur Bundeswehr hat sich über alle Jahrzehnte und Epochenumbrüche in der deutschen Sicherheitspolitik kaum verändert. Immer haben mindestens drei Viertel der Befragten eine positive Einstellung zur Bundeswehr geäußert. Der Wert ist superstabil, er schwankt zwischen 75 bis 85 Prozent. Bemerkenswert ist zudem, dass in allen Teilgruppen der deutschen Bevölkerung eine im Durchschnitt positive Grundhaltung zur Bundeswehr besteht.
Also tatsächlich nur erfreuliche Zahlen für die Bundeswehr?
Nein, nicht nur. Die allermeisten Befunde können einem Mut machen, aber natürlich gibt es auch solche, die nachdenklich stimmen. Wenn man fragt: „Wie bewerten Sie die Fähigkeit der Bundeswehr zur Verteidigung Deutschlands gegen einen militärischen Angriff“, geben nur 42 Prozent eine positive Antwort. Aber auch das zeigt: Die Leute sind nicht naiv. Sie glauben wirklich, dass die Männer und Frauen in der Bundeswehr ihr Bestes tun – aber aus ihrer Sicht ist die Truppe noch lange nicht so aufgestellt, wie es die sicherheitspolitische Lage erfordert. Daraus leitet sich dann ja auch die Forderung ab, die Bundeswehr personell und finanziell zu stärken.
Wie steht es nach Ihren Daten mit der Unterstützung für die Ukraine?
Die Waffenhilfe für die Ukraine wird unterschiedlich bewertet. Während diese auf überwiegende Zustimmung in der Bevölkerung stößt, haben insbesondere die Wähler der AfD und der Linken stark ausgeprägte Vorbehalte. Wir fragen hier unter anderem nach der Sorge vor einer „Ausweitung des Krieges“. Von den AfD-Anhängern stimmen hier 58 Prozent zu, bei den Linken sind es 54 Prozent. Das Interessante: Zugleich sieht aber eine absolute Mehrheit auch in diesen Gruppen Russland als militärische Bedrohung für Deutschland. Bei den Wählern von AfD und Linke besteht offenkundig eine größere Risikoaversion im Umgang mit Russland – so würde ich es formulieren.
Woran könnte das liegen? Spielt Desinformation oder das Schüren von Ängsten von russischer Seite eine Rolle?
Russische Desinformationskampagnen finden die ganze Zeit über statt und haben seit 2022 zugenommen. Deutschland ist das vorrangige Ziel dieser Attacken in Europa. Empirische Studien zu den Auswirkungen werden Sie aber kaum finden. Man muss sich ja fragen: Erkennen die Leute überhaupt Desinformation? Auch die Grenze zwischen Desinformation und Misinformation ist fließend – also zwischen absichtlich falschen Inhalten und solchen, die wahr sind, aber bewusst nur kritische Informationen kommunizieren. Natürlich können sie in Laborexperimenten die Wirkmächtigkeit von Desinformation nachweisen, aber unter realen Bedingungen ist das extrem schwierig. Aber wir sehen in unseren Daten etwas anderes Bedenkliches.
Was wäre das?
Der Kenntnisstand in der deutschen Bevölkerung zu den Bundeswehr-Missionen an der NATO-Ostflanke, zum Beispiel in Litauen, ist äußerst gering. 80 Prozent der Befragten wissen nichts oder nur wenig über die NATO-Missionen. Das ist zwar nicht ungewöhnlich, aber kritisch – weil diese Mission ein zentraler Aspekt der Landes- und Bündnisverteidigung ist. Und weil wir sehen, dass die Zustimmung zu den NATO-Missionen maßgeblich vom Kenntnisstand der Befragten abhängt. Wer wenig oder nichts weiß, hat eher Vorbehalte. Wir sind also gut beraten, unser militärisches Engagement zum Schutz der NATO-Ostflanke noch besser zu erklären. Sonst ist die Anfälligkeit für Desinformation und Einflussnahme von außen umso größer.

Kein „absoluter Mangel an wehrbereiten Bürgern“: „Schlafe in dieser Hinsicht nachts wirklich ruhig“

Wie groß ist Ihren Umfragen zufolge eigentlich die Bereitschaft, sich selbst militärisch zu engagieren? Stichwort Wehrdienst.
Unsere und andere Befragungen zeigen: Eine absolute Mehrheit in der Bevölkerung spricht sich für einen neuen Wehrdienst aus. Auch unter den Jüngeren, also den 16- bis 29-Jährigen, sind 42 Prozent dafür. Das ist eine relative Mehrheit. Ein Viertel war bis zuletzt noch unentschlossen. Allerdings haben alle Umfragen bisher im Abstrakten gefragt, denn bis zu Beginn dieses Jahres waren die konkreten Eckdaten des neuen Wehrdienstes nicht bekannt. Es wird also spannend, zu sehen, wie die Ergebnisse unserer diesjährigen Befragung ausfallen, jetzt, wo der neue freiwillige Wehrdienst gestartet ist.
Und wie sieht es auf der ganz persönlichen Ebene aus? Es gibt ja prominente Autoren, die sagen, sie wollen dieses Land nicht verteidigen.
Auf den ersten Blick ist die persönliche Verteidigungsbereitschaft in der deutschen Bevölkerung eher gering: 37 Prozent geben an, sie würden mit der Waffe kämpfen, käme es zu einem militärischen Angriff auf Deutschland. Aber diese Zahl allein führt oberflächlich betrachtet in die Irre. Zunächst einmal gibt es eine riesige Gender Gap: 54 Prozent der Männer wären bereit, Deutschland mit der Waffe zu verteidigen, aber nur 21 Prozent der Frauen. Im Altersband der 20- bis 40-Jährigen sind es 54 Prozent der Männer und 23 Prozent der Frauen – was nach Zensusdaten hochgerechnet sieben Millionen Menschen entspräche. Haben wir also einen absoluten Mangel an wehrbereiten Bürgerinnen und Bürgern? Nein, haben wir nicht. Das wäre also nicht der kritische Flaschenhals. Hinsichtlich der Wehrbereitschaft der deutschen Bevölkerung schlafe ich nachts wirklich ruhig.
Die kritische Nachfrage zum Abschluss muss erlaubt sein: Ist Ihnen als Mitarbeiter einer Forschungseinrichtung der Bundeswehr „nur” an reellen Zahlen gelegen – oder auch an positiven?
Ziel unserer Untersuchungen ist ein möglichst akkurates Lagebild der öffentlichen Meinung. Alles andere als ein authentisches und ehrliches Lagebild wäre Selbstbetrug. Ein „geschöntes“ Lagebild mag man in Russland haben wollen. Aber es würde ins Verderben führen, weil man auf dieser Basis falsche Entscheidungen träfe. Ein Reputationsschaden für uns als angesehene Forschungseinrichtung wäre es obendrein. Wir arbeiten nach wissenschaftlichen Standards und die Freiheit der Forschung gilt auch für uns. Ich kann Ihnen sagen: Es wurden und es werden immer alle Zahlen veröffentlicht – auch und gerade die „unschönen“. (Interview: Florian Naumann)

Rubriklistenbild: © Montage: Sebastian Gollnow/picture alliance/dpa/ZMSBw/fkn/fn

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