Rassismus nach Terrorangriff
Nach Moskau-Terror: Café in Brand und Übergriffe – in Russland grassiert nun Hass gegen Migranten
Vier Männer sind in Russland für den Terrorangriff bei Moskau in U-Haft. Ihre mutmaßliche Staatsbürgerschaft löst in Russland Hass und Hetze aus.
Moskau – Während viele Menschen in Russland um die Opfer des Attentats vom Freitag (22. März) trauern, wächst auch Rassismus als Reaktion auf die Tat. Über 130 Menschen wurden laut Angaben der russischen Behörden bei dem Terrorangriff auf die Konzerthalle bei Moskau getötet. Elf Menschen seien für die Tat festgenommen worden. Vier davon werden beschuldigt, direkt an dem Anschlag beteiligt gewesen zu sein. Russischen Behörden und Medienberichten zufolge handle es sich bei den Männern um Staatsbürger Tadschikistans.
Über eine Million Menschen aus Tadschikistan leben und arbeiten in Russland. Anfeindungen gegen Migrantinnen und Migranten seien bereits vor dem Terroranschlag ein Problem in Russland gewesen, berichtete Radio Free Europe/Radio Liberty. Nun sei es zu Übergriffen gekommen. In der Stadt Blagoweschtschensk sei demzufolge ein Café in Brand gesteckt worden, das von einem tadschikischen Migranten betrieben wird. Auch sei es in der westrussischen Stadt Kaluga Berichten zufolge zu körperlichen Angriffen auf drei Männer aus Tadschikistan gekommen.
Von Drohungen, Beleidigungen und Belästigungen, auch durch russische Strafverfolgungsbehörden, berichtete die Nachrichtenorganisation Eurasianet. Der 35-Jahre alte Tadschike, Atovullo, habe gegenüber der Nachrichtenorganisation berichtet, dass er kurz nach dem Angriff auf die Crocus City Hall von seinem Vermieter aus seiner Wohnung in Moskau geworfen worden sei. Über die russische Polizei sagte er: „Sie behandeln dich, als wärst du kriminell.“ Nun würde er von Menschen auf der Straße gemieden. Um die Menschen im Interview anonym zu halten, hat Eurasianet ihre Nachnamen nicht veröffentlicht.
Sowohl die tadschikische Botschaft in Moskau, als auch Solidaritätsnetzwerke für Migrant:innen haben dem Bericht zufolge Tadschikinnen und Tadschiken in Russland aufgefordert, ihr Zuhause nur dann zu verlassen, wenn es notwendig ist und überfüllte Orte zu meiden.
Russische Behörden greifen hart durch: Männer aus Kirgistan an Flughafen festgenommen
Betroffen sind nicht nur Menschen aus Tadschikistan. Am Tag nach dem Terrorangriff seien Berichten von RadioFreeEurope/RadioLiberty zufolge dutzende Männer aus Kirgistan an einem Flughafen in Moskau festgenommen worden. Eigener Angaben zufolge seien sie beinahe 24 Stunden ohne Wasser und Nahrung festgehalten worden. Ein Beamter des kirgisischen Außenministeriums habe bekannt gegeben, dass es sich dabei um eine russische Anti-Terror-Operation gehandelt habe.
Auch die russische Menschenrechtsverteidigerin Valentina Chupik, bestätigte laut Bericht das Vorgehen der russischen Behörden. „Einige von ihnen wurden von der Polizei geschlagen, andere wurden aus Russland abgeschoben“, sagte Chupik gegenüber RFE/RL. Kirgistan habe seine Bürger:innen nun aufgerufen, nicht nach Russland zu reisen.
Fremdenhass in Russland: Auch von staatlicher Seite
Bereits vor dem Terrorangriff am Freitag sei in Russland immer wieder Stimmung gegen Migrant:innen gemacht worden, auch von staatlicher Seite. „Die Mehrheit der Zuwanderer integriert sich nicht in die russische Gesellschaft. Sie studieren nicht die russische Sprache und Kultur, sie versuchen sich zu isolieren und an ihren eigenen Traditionen festzuhalten“, sagte Alexander Bastrykin, Chef des Ermittlungskomitees der Russischen Föderation, bei einer Konferenz im Mai 2023.
Eurasianet zufolge kursierten am Wochenende auf Social-Media-Plattformen Aufrufe zur Massenabschiebung von Migrantinnen und Migranten. In extremen Fällen sei sogar zu deren Tötung aufgerufen worden.
Tadschikistans Präsident zweifelt Staatsbürgerschaft der Verdächtigten an
Dass die Täter des Angriffs in der Konzerthalle tatsächlich tadschikische Staatsbürger sind, zweifelt jedenfalls Tadschikistans Präsident Emomalij Rahmon an. Berichten der Moscow Times zufolge, habe Rahmon in einem Telefonat mit Russlands Präsident Wladimir Putin am Sonntag (24. März) den Angriff verurteilt. Dabei habe er seine Zweifel an der Staatsangehörigkeit der Täter geäußert, nachdem russische Medien behauptet haben, dass es sich bei den vier mutmaßlichen Tätern um tadschikische Staatsbürger handele.
Bei dem Telefonat habe er gegenüber Putin gesagt: „Terroristen haben keine Nationalität, kein Heimatland und keine Religion.“ Das Außenministerium Tadschikistans habe demzufolge bereits am Samstag behauptet, dass die Berichte über die Beteiligung tadschikischer Staatsbürger „gefälscht“ seien.
Im Fluchtfahrzeug der Verdächtigen, habe der russische Inlandsgeheimdienst eigenen Angaben zufolge Pässe von Bürgern der zentralasiatischen Republik Tadschikistan gefunden, berichtete Tagesspiegel. (pav)
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