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UN-Organisationen zufolge hungern mittlerweile so gut wie alle Bewohner des umkämpften Gazastreifens. Israel geriet zuletzt zunehmend in Bedrängnis. Eine Analyse.
Update vom 27. Juli, 11.11 Uhr: Die israelische Armee reagiert auf die heftige internationale Kritik an der humanitären Lage im Gazastreifen mit dem Abwurf von Hilfsgütern aus der Luft, Feuerpausen und der Einrichtung „humanitärer Korridore“. Es seien sieben Paletten mit Hilfsgütern wie Mehl, Zucker und Lebensmittelkonserven abgeworfen worden, die von internationalen Organisationen bereitgestellt worden seien, teilte das Militär in der Nacht mit.
Erstmeldung vom 23. Juli: Gaza/Tel Aviv – Die jüngsten diplomatischen Bemühungen um eine Waffenruhe im Gazastreifen werden von einer eskalierenden humanitären Katastrophe überschattet: Warnungen vor einer Massenhungersnot rücken Israel ins Zentrum internationaler Kritik. Mehr als 100 internationale Hilfsorganisationen und Menschenrechtsgruppen appellieren inzwischen an die Regierung von Benjamin Netanjahu, die Kämpfe in den Küstenstreifen einzustellen. Zugleich fordern sie die Öffnung aller Grenzübergänge und die ungehinderte Bereitstellung von Hilfsgütern unter der Leitung der UNO. Ein Experte verurteilt im Gespräch mit fr.de die Situation in Gaza.
Aktuelle Lage in Gaza: Hungersnot fordert Dutzende Menschenleben
Die aktuelle Lage im Gazastreifen scheint prekär: Nach Angaben des von der Hamas geführten Gesundheitsministeriums sind allein seit Sonntag mindestens 33 Menschen, darunter viele Kinder, an Unterernährung gestorben. Zwischen der Terrorgruppe und Israel schwellt gegenwärtig ein Streit um die Nahrungsmittelhilfen für die notleidende Bevölkerung, der alle Bemühungen um eine Waffenruhe erschwert. Die Hungersnot in Gaza ist zum zentralen geopolitischen Streitpunkt geworden – mit dramatischen Auswirkungen für Millionen Menschen.
Vor dem Gaza-Krieg: Die Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts in Bildern
Hamas trägt dabei selbst eine Mitverantwortung für die humanitäre Krise: Berichte über die Unterschlagung von Hilfsgütern, die gezielte Instrumentalisierung ziviler Infrastruktur und das fortgesetzte Abfeuern von Raketen auf israelisches Gebiet verschärfen die Lage zusätzlich. Israel wiederum beruft sich auf sein legitimes Sicherheitsinteresse, diese Bedrohungen einzudämmen – auch durch Einschränkungen bei Lieferwegen und Kontrollpunkten.
Hungersnot in Gaza: Israel bestreitet humanitäre Katastrophe – und schiebt Verantwortung ab
„Während die Belagerung des Gazastreifens durch die israelische Regierung die Bevölkerung hungern lässt, müssen sich nun auch die Helfer in dieselben Schlangen für die Nahrungsmittellieferungen stellen und riskieren, erschossen zu werden, nur um ihre Familien zu ernähren“, heißt es in der am Mittwoch veröffentlichten Erklärung der 109 humanitären Organisationen. Israel wies die Vorwürfe umgehend zurück. Gegenüber der Times of Israel betonte ein hochrangiger Sicherheitsbeamter, es gebe keine Hinweise auf eine Hungersnot. Er räumte jedoch ein, dass Maßnahmen zur Stabilisierung der humanitären Lage nötig seien.
Im Zuge der israelischen Haltung wird zudem auf Defizite bei der Verteilung durch Hilfsorganisationen verwiesen. Tatsächlich zeichnet sich ein Bild konkurrierender Narrative: Die Not entsteht nicht allein durch logistische Mängel, sondern ist Folge struktureller Blockadepolitik und möglicherweise Teil eines langfristigen politischen Kalküls. Auch unabhängige Experten wie Andreas Böhm, Nahost-Experte sowie Dozent für Völkerrecht und internationale Beziehungen an der Universität St. Gallen, widersprechen Israels Darstellungen.
Umsiedlungspläne für Gazastreifen: Netanjahu-Regierung spricht „Gaza-Riviera“
„Das ist eine bewusst und gezielt herbeigeführte Hungersnot“, erklärt Böhm gegenüber der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media und bezeichnet die Vergabestellen von Hilfsgütern als „Todesfallen“. „Die Verteilung durch die sogenannte Global Humanitarian Foundation ist vermutlich absichtlich chaotisch organisiert.“ Ministerpräsident Benjamin Netanjahu attestierte er „politisches Kalkül“.
Während die Frage, ob Gaza bewusst ausgehungert wird oder sich selbst durch interne Verteilungsdefizite aushungert, zum diplomatischen Brennpunkt wird, verfolgt Israel offenbar eine doppelte Strategie. Die Kontrolle über Hilfslieferungen ist dabei nicht nur Teil politischer Machtprojektion, sondern wird von israelischer Seite auch als Mittel zur Terrorprävention verstanden. Der Vorwurf: Hilfsgüter könnten in die Hände der Hamas gelangen oder zur Tarnung militärischer Aktivitäten dienen. Kritiker halten dagegen, dass der Preis für diese Politik zunehmend von der Zivilbevölkerung gezahlt wird.
Netanjahu agiert angesichts der aktuellen Lage in Gaza öffentlich zurückhaltend, sein Finanzminister Bezalel Smotrich diskutiert hingegen offen koloniale Umgestaltungspläne für den Gazastreifen. Unter dem Titel „Die Gaza-Riviera – Von der Vision zur Realität“ sprach er offen über eine „Sicherheitsannexion“ weiter Teile Gazas und erklärte, dass der Stabschef der israelischen Streitkräfte, Eyal Zamir, diese Idee unterstütze.
Humanitäre Hilfe für Gaza wegen Hungersnot: UN-Generalsekretär spricht von „Horrorshow“
Dass Hilfsorganisationen wegen einer Hungersnot in Gaza appellierende Worte an Israel richten, ist nicht neu: Seit Monaten wird ein Nahrungsmittelmangel in der Region kritisiert. Die Zahl der Hilfstransporte nach Gaza ist seit Kriegsbeginn massiv gesunken. Laut dem Guardian erreichen derzeit durchschnittlich 28 Lastwagen pro Tag. Vor dem Krieg waren es rund 500 Lastwagen täglich. Mit der Ausbreitung des Hungers nahm auch die Zahl der getöteten Zivilisten zu. Im Juli starb rechnerisch alle zwölf Minuten ein Mensch durch israelische Angriffe – einer der tödlichsten Monate des Krieges, wie UN-Daten zeigen.
UN-Generalsekretär António Guterres bezeichnete Gaza in einer Rede vor dem UN-Sicherheitsrat als „Horrorshow“. Die Unterernährung würde rapide zunehmen und „der Hunger klopft in Gaza an jede Tür“. Israel hatte Anfang März eine vollständige Blockade aller Hilfslieferungen nach Gaza verhängt. Zwar wurde die Blockade laut BBC nach fast zwei Monaten teilweise gelockert, doch der Mangel an Nahrungsmitteln, Medikamenten und Treibstoff hatte sich weiter verschärft.
Israel gerät wegen Lage im Gazastreifen in der Kritik
Die Kritik am Vorgehen Israels in Gaza hatte zuletzt international zugenommen, doch zugleich kann Netanjahu weiter Kontrolle über die Grenzübergänge ausüben. Die Regierung argumentiert, dass UN-Hilfskonvois Hilfe nicht zügig oder planvoll verteilen. Zugleich sterben jedoch immer mehr Menschen in der Nähe von Hilfskonvois. Laut UN-Angaben wurden mindestens 766 Zivilisten im Umfeld von Verteilungszonen getötet.
Über die Opferzahlen gibt es widersprüchliche Angaben und Kritik an der UN. Die Gaza Humanitarian Foundation erklärte, dass „falsche und irreführende“ Zahlen des Gesundheitsministeriums von Gaza ungeprüft übernommen werden. Laut BBC sprach das israelische Militär lediglich von Warnschüssen in der Nähe der Verteilungsstellen. Es sei nicht absichtlich auf Zivilisten geschossen worden.
Internationaler Druck auf Israel wächst: Doch Lastwagen warten auf Verteilung
Inmitten widersprüchlicher Angaben bemüht sich Israel, die eigene Verantwortung kommunikativ zu relativieren. Der Koordinator der Regierungsaktivitäten in den Gebieten (COGAT), das für die Koordinierung der Hilfslieferungen nach Gaza zuständig ist, erklärte jüngst, dass auf der palästinensischen Seite der Grenzübergänge Hilfsgüter im Umfang von etwa 950 Lastwagen darauf warten, von der UNO abgeholt zu werden.
Doch für Israel könnte der internationale Druck durch die Hungersnot in Gaza zunehmen. Und weitere Unterstützer könnten zu Kritikern werden, falls sich die Lage weiter verschärft. „Die internationale Gemeinschaft müsste Druck ausüben, damit Israel angemessene Hilfslieferungen zulässt, die seit Monaten verweigert werden“, erklärte Böhm gegenüber der Frankfurter Rundschau. Das gemeinsame Statement einiger westlicher Regierungen sei wohlgemeint, aber völlig unzureichend, wenn es nicht mit entsprechenden Schritten untermauert wird.
Humanitären Katastrophe in Gaza: Hunger wird zur Machtdemonstration
Ob Gaza absichtlich ausgehungert wird oder „nur“ unter dem Versagen eines zerstörten Verteilungssystems leidet, ist längst nicht nur eine humanitäre Frage – sondern eine politische. Die Diskrepanz zwischen israelischer Darstellung und der Realität am Boden zeigt eine zentrale Dynamik moderner Kriegsführung: das Management von Wahrnehmung.
Die Hungersnot könnte nicht nur zur Ursache von Fluchtbewegungen werden – sondern zum Katalysator für die dauerhafte Entvölkerung des Gazastreifens, ganz im Sinne von Smotrichs Siedlungsplänen. „Jetzt soll also die ethnische Säuberung Gazas finalisiert werden“, warnt Böhm. Eine These, die, sollten sich die politischen Pläne des israelischen Finanzministers durchsetzen, nicht länger bloße Rhetorik bliebe. (fbu)
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