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„Scheitern droht“

Mehr Unterstützung für pflegende Angehörige – Experte fordert Pflegereform

Braucht Deutschland ein Umdenken in der Pflegepolitik? Ein Experte fordert nun vor allem mehr Unterstützung für pflegende Angehörige.

Berlin – Die Pflege steht vor massiven Problemen. Die deutsche Gesellschaft wird immer älter, das Pflegepersonal fehlt und die Finanzierung der Pflegeversicherung steht kurz vor dem Kollaps. Die Kosten für Seniorenheime und eine altersgerechte Versorgung nehmen drastisch zu. In dieser schwierigen Lage kommt eine der wichtigsten Gruppen als Problemlöser viel zu kurz, sagt Christian Graggaber. Der Geschäftsführer eines Pflege-Beratungsunternehmens nennt pflegende Angehörigen „Deutschlands größten Pflegedienst“ und fordert mehr Anerkennung ihrer Probleme sowie mehr finanzielle und arbeitszeitliche Entlastungen.

Pflegegeld, Pflegegrad und unterfinanzierte Pflegekasse

„Die Finanzierung der Pflege ist in einer prekären Lage“, sagt Graggaber, Chef des Berliner und Augsburger Unternehmens Prosenio. Schon im März 2025 droht die Pflegeversicherung kein Geld mehr zu haben, wenn die Rahmenbedingungen nicht verbessert werden. „Der demografische Wandel verschärft die Situation zunehmend: Die Anzahl an Pflegegradbesitzern steigt Jahr für Jahr, mittlerweile sind rund 4,5 Millionen Menschen allein in der ambulanten Pflege, das entspricht der Größe von Berlin und Köln zusammen.“

Das hat besonders für Menschen, die sich um Verwandte kümmern, schwerwiegende Folgen, wie Graggaber sagt. „Weil die Finanzierung der gesamten Pflege zu scheitern droht, wird die Situation auf dem Rücken der pflegenden Angehörigen ausgetragen. Sie müssen ausgleichen, was die professionelle Pflege nicht leisten kann.“

Deutschlandweit gibt es Millionen pflegende Angehörige, für die die Pflege neben Job und Familie eine Mehrfachbelastung darstellt. Braucht es mehr Entlastungen für sie?

Die professionelle Pflege ist tatsächlich nicht gut auf die Belastungen ausgelegt. „Der Fokus muss auf Versorgungssicherheit liegen“, warnte Thomas Greiner, Präsident des Arbeitgeberverbands Pflege vor Kurzem und forderte bessere Rahmenbedingungen für Pflegebetriebe: „Knapp die Hälfte der Betriebe schreibt heute rote Zahlen – so wird der dringende Ausbau der Infrastruktur unmöglich.“

Pflegende Angehörige „Deutschlands größter Pflegedienst“

Was Graggaber zufolge viele nicht wissen: Mehr als 60 Prozent der Pflegegradbesitzer werden „ausschließlich von Angehörigen betreut“ – das entspricht etwa 10 Millionen pflegenden Angehörigen im Land. „Wie groß dieses Thema ist, ist in der Gesellschaft, aber auch beim Gesetzgeber in diesem Maße überhaupt nicht bekannt.” Denn mit der Pflege von Freunden oder Familie kommt auf Menschen eine Mehrfachbelastung zu, die laut Graggaber oft zu gesundheitlichen Problemen der Angehörigen führt. „Finanzielle Schwierigkeiten kommen dazu, denn Pflege kostet viel Geld. Und dann führt das Ganze schnell auch zu sozialen Herausforderungen, weil die Pflege zeitintensiv ist und Kontakte darunter leiden.“

Viele pflegende Angehörige reduzieren ihre Arbeitszeit, was angesichts des ohnehin wachsenden Fachkräftemangels ein zusätzliches Problem darstellt. Und den Betroffenen selbst fehlt dann Geld. Der österreichische Unternehmer, der über seinen Betrieb Angehörige bei Behördengängen und der Beschaffung von Pflegehilfsmitteln berät, fordert deshalb eine Reihe von Entlastungen für die Menschen.

Bis zu 947 Euro Pflegegeld pro Monat in Deutschland – zu wenig?

So will Graggaber etwa steuerliche Erleichterungen für pflegende Angehörige ermöglichen. Außerdem sollen Menschen, die jemanden pflegen, dafür nicht in Form von niedrigeren Renten bestraft werden, weil die Erwerbsarbeit reduziert werden muss. Darüber hinaus soll das Pflegegeld erhöht werden. Gleichzeitig plädiert der Experte für mehr Schutz der Angehörigen, etwa durch kostenlosen Zugang zu Pflegemitteln. „Weiters müssen Angehörige besser geschult werden, flexible Arbeitszeitmodelle müssen möglich sein und bürokratische Hürden abgebaut. Es ist absurd, wie viel Zeit und Aufwand es benötigt, einen Pflegegrad zu beantragen. Das ist eine enorme Zusatzbelastung für die Menschen, wenn jemand aus der Familie gerade zum Pflegefall wird und finanzielle Unsicherheiten aufkommen.“

Renten-Meilensteine in Deutschland in Bildern – von Bismarck über Riester bis Müntefering

Otto von Bismarck brachte im Juni 1889 nach jahrelanger Debatte das „Gesetz über die Invaliditäts- und Altersversicherung“ durch den Reichstag.
Der Name Bismarck hallt bis heute nach. Auch weil Otto von Bismarck im Juni 1889 nach jahrelanger Debatte das „Gesetz über die Invaliditäts- und Altersversicherung“ durch den Reichstag brachte. Die Geburtsstunde der Rente in Deutschland. © Photo 12/www.imago-images.de
Der Holzstich zeigt Dreher, Gießer und Former in einer Porzellanfabrik um 1880.
Altersrente gab es damals aber erst ab dem vollendeten 70. Lebensjahr – die Lebenserwartung betrug damals nicht mal 50 Jahre. Der Holzstich zeigt Dreher, Gießer und Former in einer Porzellanfabrik um 1880. © imago stock&people/Imagebroker
Bismarcks politisches Kalkül war klar: Er wollte die Arbeiter besänftigen.
Bismarcks politisches Kalkül war klar: Er wollte die Arbeiter besänftigen. Rentenversichert waren zunächst Arbeiter und „kleine Angestellte“ mit Einkommen bis 2.000 Mark. Die Beiträge zahlten Arbeitgeber und -nehmer zu gleichen Teilen. © IMAGO/GRANGER Historical Picture Archive
Angestellte waren ab 1913 bei der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte angesiedelt.
Größere Reformen gab es Anfang des 20. Jahrhunderts. Angestellte waren ab 1913 bei der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte angesiedelt. Sie konnten schon ab 65 Jahren in Rente gehen – anders als Arbeiter. © imago stock&people/Arkivi
Das Bild zeigt verwundete deutsche Soldaten in Frankreich.
Vor dem Ersten Weltkrieg hatten die deutschen Rentenversicherungsanstalten Überschüsse, die sie etwa in Wohnungsbau steckten. Entlassungswellen und Hinterbliebenenrenten änderten das schnell. Das Bild zeigt verwundete deutsche Soldaten in Frankreich. © imageBROKER/GTW
Frauen im Ghetto Warschau bei erzwungener Näharbeit
Im NS-Regime werden Jüdinnen und Juden und andere verfolgte Gruppen aus der Rentenversicherung ausgeschlossen. Millionen von Zwangsarbeitern - im Foto: Frauen 1941 im Ghetto Dambrowa Gornicza bei erzwungener Näharbeit – bleiben ohne Rentenansprüche. Überschüsse der Kassen flossen in Kriegsanleihen. © Imago/Reinhard Schultz
Bundeskanzler Konrad Adenauer (r) gibt in Bonn seine Stimme für die Bundestagswahl 1957 ab
„Keine Experimente“ lautete Konrad Adenauers Slogan zur Bundestagswahl 1957. Bei der Rente wagte er aber eine Reform. Bis dato waren die Renten enorm gering, 50 DM war der Mindestsatz, der Durchschnitt nur unwesentlich höher. Nun änderte sich die Berechnung, Arbeiterrenten stiegen um etwa 60 Prozent. © DB/picture alliance/dpa
Willy Brandt im Jahr 1972.
Die nächste große Neuerung gab es unter Willy Brandt. Seit (dem Wahljahr) 1972 können auch Nicht-Pflichtversicherte in die Rentenversicherung einzahlen – etwa Selbstständige und Hausfrauen. Letzteres war ein Schritt zur Unabhängigkeit von den Ehemännern. Ab 1977 gab es dann auch einen „Versorgungsausgleich“ bei Scheidung. © Imago/Sven Simon
Norbert Blüm klebt Rentenplakat
„Die Rente ist sicher“: Auch mit diesem Satz blieb der mittlerweile verstorbene Arbeitsminister Norbert Blüm in Erinnerung. Auch Blüm kümmerte sich aber um die Lage der Rentnerinnen – er führte 1986 die „Mütterrente“ ein. Seither zählen Kindererziehungszeiten für die Rentenhöhe. © Peter Popp/picture-alliance/dpa
13 09 1985 Berlin Deutsche Demokratische Republik DDR Alte Frauen unterhalten sich
Die nächste große Herausforderung ist die Eingliederung der Bürger der ehemaligen DDR (hier ein Foto aus Ostberlin 1985) in die bundesdeutsche Rentenkasse. Die Deutsche Rentenversicherung preist rückblickend die Stärke des umlagefinanzierten Systems: „Die Rentenversicherung zahlte von einem Tag auf den anderen fast vier Millionen zusätzlicher Renten. Das wäre in einem kapitalgedeckten Rentensystem nicht vorstellbar gewesen.“ © imago stock&people/Franksorge
Kanzler Helmut Kohl (re.), Blüm und Finanzminister Theo Waigel
Die nächste Reform folgt dennoch – Kanzler Helmut Kohl (re.), Blüm und Finanzminister Theo Waigel (li.) müssen sparen, auch angesichts der alternden Bevölkerung. Ab 1992 steigen Altersgrenzen. Frauen und Arbeitslose (bislang bis 62 Jahren) und langjährige Versicherte (bis 63) müssen nun bis 65 arbeiten. Nur noch ein Jahr Kindererziehungszeit ist anrechenbar. © Michael Jung/dpa/picture-alliance
Koalitionsverhandlungen Riester Schröder
Auch Gerhard Schröders Rot-Grün hat ebenfalls Rentenpläne im Gepäck. Arbeitsminister Walter Riester leiht der „Riester-Rente“ seinen Namen – der Staat fördert auf ihrem Wege private Altersvorsorge. Das Modell gilt mittlerweile aber als Flop. Riester arbeitete später auch für Carsten Maschmeyers Finanzdienstleister AWD, dem die Reform gelegen gekommen sein dürfte. © picture-alliance / dpa | Hermann_J._Knippertz
Franz Münterfering und Angela Merkel 2007 im Bundestag.
Heikle Operation: SPD-Vizekanzler Franz Müntefering brachte 2007 die „Rente mit 67“ auf den Weg. Angela Merkels GroKo plante allerdings lange Übergangsfristen, noch bis 2031 dauert die Anhebung des Eintrittsalters an. Für Menschen, die 45 Jahre einzahlten, gab es eine Sonderregel. © Imago/Metodi Popow
Angela Merkel und Andrea Nahles 2017 bei einer Kabinettssitzung.
Müntefering war nicht mehr dabei als Merkels zweite GroKo 2017 das nächste „Rentenpaket“ schnürte. Arbeitsministerin war nun Andrea Nahles. Diesmal ging es um Erleichterungen. Langjährig Versicherte konnten nun ab 63 in Rente, die Mütterrente wurde ausgeweitet. 2018 kamen im „Rentenpakt“ (ohne drittes e) „Haltelinien“ für Beiträge und Rentenniveau hinzu. © Michael Kappeler/dpa/picture alliance
19 02 2017 Angleichung der Rente Rente Ostrente Westrente Ost West Altersruhegeld Angleichu
Fast 35 Jahre wird es gedauert haben – aber ab 2025 werden für die Rente in Ost- und Westdeutschland die gleichen Berechnungsgrößen gelten. Ein durchaus historischer Schritt. Beschlossen wurde er schon 2017. © imago stock&people/Steinach
Arbeitsminister Hubertus Heil – zuständig auch für die Rente – im Bundestag.
Die Evolution der Rente geht weiter: Seit 2021 gibt es die Grundrente als Zuschlag für Menschen, die unterdurchschnittlich verdient haben. Es wird nicht der Schlusspunkt sein: Angedacht – aber umstritten – ist die Aktienrente. Zugleich altert die deutsche Bevölkerung weiter, das Umlagesystem ist unter Druck. Ist die Rente sicher, auch über die Amtszeit von Hubertus Heil hinaus? Die Zukunft wird es zeigen. © Hannes P. Albert/dpa/picture-alliance

Das Pflegegeld liegt derzeit, abhängig vom Pflegegrad, zwischen 332 und 947 Euro pro Monat. Außerdem stehen Angehörigen Pflegehilfsmittel, also etwa Hygieneartikel im Wert von 42 Euro pro Monat kostenlos zur Verfügung. Beides wird aus der klammen Pflegeversicherung bezahlt.

Allein die Situation der Angehörigen zu stärken wird die grundsätzlichen Herausforderungen in Deutschland aber nicht beheben. Das weiß auch Graggaber, der deshalb fordert, auch stationäre und ambulante Pflege mit mehr Mitteln zu versehen. „Jede dieser Säulen muss verbessert und geschützt werden. Das Land braucht mehr Pflegerinnen und Pfleger und Menschen, die sich für dieses Thema begeistern können. Da geht es nicht um die Frage, ob wir uns das leisten wollen. Wir müssen es uns leisten.“ Bei der Frage der Finanzierung weist der Unternehmer auf Einsparungsmöglichkeiten durch Digitalisierung und Bürokratieabbau hin – „Im zweiten Schritt kann man dann über die Erhöhung von Pflegebeiträgen sprechen.“ Angesichts des Ampel-Bruchs ist derzeit unklar, wie es mit der Finanzierung der Pflege vonseiten der Bundesregierung weitergeht.

Rubriklistenbild: © IMAGO/HalfPoint

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