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Mini-Marine mit Maxi-Belastung
„Alles im Einsatz“: Inspekteur warnt vor Überlastung durch Hormus-Mission
Die Straße von Hormus wird vielleicht zum Stresstest für die kleinste deutsche Teilstreitkraft: Stärke dort könnte zur Schwäche gegen Putin führen.
„Wir haben die kleinste Marine aller Zeiten, aber eine Masse an Aufgaben“, sagt Jan Christian Kaack. Gegenüber der Wirtschaftswoche hat der Inspekteur der Marine angedeutet, dass die Operation „Epic Fury“, also der Krieg zwischen den USA und Iran jetzt doch zum Krieg der Deutschen mutieren könnte; und widerlegt die Aussage, mit der Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) Ende Februar an die Öffentlichkeit getreten war: dass das kein Krieg der Deutschen sei. Die maritimen Fähigkeiten der Bundeswehr könnten in der Straße von Hormus an ihre Grenzen gelangen. Mehr noch: Gegen Russland seien die Kräfte vielleicht erschöpft, würden sie jetzt im Mittelmeer überreizt.
Ohne den Einsatz in der Nähe des Iran auszuschließen, sorgt sich der oberste Soldat der Marine um den Ausbau der strategischen Fähigkeiten. Selten stand die Bundeswehr zu Wasser im Fokus der deutschen Verteidigungspolitik. Aber überbordende Kritik sei unzulässig, argumentiert Chuck Ridgway: „Die Deutschen haben eine Marine, auf die sie stolz sein können, trotz der finanziellen und politischen Fesseln“, so im Magazin Marineforum der ehemalige Offizier der US-Marine in Diensten der NATO. Wie der deutsche Militärhistoriker Sönke Neitzel in seinem Buch „Die Bundeswehr“ klarstellt, hatte die Marine in den Gründerjahren der Bundeswehr bis 1972 eine untergeordnete Rolle gespielt, weil ein Kampf in der Ostsee in der Gesamtstrategie als eher unwahrscheinlich angenommen worden war.
Üben für den Ernstfall: „Baltic Mine Countermeasures Squadron Exercise“ war ein kürzlich durchgeführtes Natoländer-übergreifendes Manöver mit dem Ziel, die Zusammenarbeit im Ostseeraum weiter zu verbessern – und der Gefahr von Minen entgegenzuwirken. Die Deutsche Marine bewältigt viele Aufgaben; und kämpft mit unzureichenden Mitteln (Symbolfoto).
Iran-Krieg macht die Herausforderungen sichtbar: Deutsche Marine im Nahost-Dilemma
Mit dem dem Positionspapier „Kurs Marine“ will das Verteidigungsministerium jetzt deutlich machen, dass die Freiheit der westlichen Welt auch wieder auf See zu verteidigen sei. „Die heute verfügbaren Schiffe, Boote und Luftfahrzeuge benötigen mehr, weitreichendere und leistungsstärkere Wirkmittel“, schreibt der Inspekteur der Marine darin. Laut dem Magazin Europäische Sicherheit & Technik (ESUT) stecke die Deutsche Marine im Nahost-Dilemma – aktuell steht sie nämlich in zwei Einsätzen im Nahen Osten: EUNAVFOR (European Nations Naval Foce) Aspides und UNIFIL. Die erste Mission soll die Sicherheit der (Handels-)Schifffahrt im Roten Meer sichern gegen Angriffe der militant-islamistischen Huthi-Milizen. Dieses Mandat ist Ende 2025 verlängert worden und läuft vorerst bis Oktober 2026.
Laut der Bundeswehr umfasse Deutschlands Beitrag Stabspersonal im Hauptquartier im griechischen Larissa sowie auf dem Führungsschiff der Operation; daneben Einsatzflüge für die luftgestützte Seeraumüberwachung. Dem Verteidigungsministerium zufolge sei auch die Beteiligung von deutschen Schiffen jederzeit möglich. Seit mittlerweile 20 Jahren gehört ein deutsches Kontingent zum maritimen Anteil des UNIFIL-Einsatzes (United Nations Interim Force in Lebanon) zur Überwachung der Seegrenzen des Libanon. Weiterhin bilden die internationalen Kräfte die libanesischen Streitkräfte aus, um deren Eigenständigkeit zu forcieren. Mit rund 300 Kräften gehört die Deutsche Marine zum Flottenverband der Maritime Task Force (MTF). Trotz dessen musste die Marine in der Beschaffung häufig hintanstehen:
„Wer alles priorisiert, priorisiert nichts“.
Die Mängel an Material und an Personal träfen die Marine ausgerechnet in einer Zeit, in der die deutschen Seestreitkräfte in besonderer Weise in internationale Einsätze eingebunden seien, so Sebastian Bruns vom „Kieler Institut für Sicherheitspolitik“gegenüber dem Deutschlandfunk: „Die Marine ist von der Bundesregierung in den letzten zehn, 15, vielleicht sogar 20 Jahren als ein ideales Instrument entdeckt worden, wie man die Bundeswehr einsetzen kann, wie man sich militärisch international in Konflikt-Szenarien, in Krisenverhütung engagieren kann, ohne ‚boots on the ground‘, ohne Heeressoldaten irgendwo hin zu schicken, irgendwo Überflugrechte für deutsche Kampfjets zu sichern. Und die Seestreitkräfte sind aber eben die kleinste Teilstreitkraft der Bundeswehr, sie haben aber überproportional viele Einsätze.“
Lob von Ex-USA-Offizier: Deutsche auf intellektueller Augenhöhe mit den Admiralen aller anderen Nationen
Was möglicherweise der Deutschen Marine zum Vorteil gereichen könnte, wenn ein neuer Ost-West-Konflikt ausbräche: „Dank Aspides haben jetzt manche Marinesoldaten ebenfalls Erfahrung mit echter High-End Luftkriegsführung. Die dienstälteren Offiziere der Marine stehen im maritim-strategischen Denken auf intellektueller Augenhöhe mit den Admiralen aller anderen Nationen“, lobt Chuck Ridgway im Marineforum. Allerdings scheint die Herausforderung weniger im kleinräumigen Denken der deutschen Admiralität zu liegen, sondern in der bescheidenen Versorgung mit Mitteln, woran Robin Haggblom am Positionspapier kritisiert: „Der Plan als Ganzes ist ambitioniert – man denke beispielsweise an insgesamt zwölf neue Fregatten zweier verschiedener Klassen, die bisher nur aus verschweißten Blechteilen beziehungsweise einem Stapel Zeichnungen bestehen“, schreibt er für die schwedische „Akademie der Militärwissenschaften“.
Dabei lässt der Diskurs um die Beteiligung der Deutschen Marine in der Straße von Hormus öffentlichkeitswirksam die Versäumnisse der letzten fast 40 Jahre auftauchen: Seit dem Ende des Kalten Krieges hat sich die geopolitische Sicherheitslage dynamischer verändert, als die deutschen Regierungen das wahrhaben wollten. Donald Trumps Operation „Epic Fury“ beweist erneut, dass ein Krieg mit weitreichenden sicherheits- wie wirtschaftspolitischen Auswirkungen „mir nichts, dir nichts“ ausbrechen kann. Die im Zuge des Iran-Krieges von der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) apostrophierte „Feigheit vor dem Freund“ besteht insofern schon lange – wie auch der Ukraine-Krieg verdeutlicht hatte. Kaum jemand habe diese deutsche Indifferenz indes so prägnant ausgedrückt wie der deutsche Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD), kommentiert NZZ-Autor Johannes C. Bockenheimer.
Bundeswehr-Inspekteur beklagt fehlende Priorisierung: „Desto weniger bleibt für die Hauptaufgaben“
„,Das ist nicht unser Krieg‘, behauptete der Sozialdemokrat. Man wolle nicht in einer Welt leben, in der nur noch das Recht des Stärkeren gelte. Ein Satz, der kolossal falsch ist. Denn dieser Krieg ist sehr wohl auch ein europäischer, und damit auch ein deutscher ... .“ Und das sei seit den 1990er Jahren voraussehbar gewesen, legt Bernhard Chiari nahe. Zu dieser Zeit fuhr die Deutsche Marine beispielsweise Einsätze am Horn von Afrika – „als Ausdruck geradezu revolutionärer Veränderungen der sicherheitspolitischen Lage“ für die europäische Mittelmacht Deutschland nach dem Ende des Warschauer Paktes, so der Autor zu den Auslandseinsätzen der Bundeswehr. Er sah bereits darin den Anfang einer notwendigen Umgestaltung der deutschen Seestreitkräfte..
Schleudersitz ade? Von Scharping bis Pistorius – wer im Bendlerblock das Sagen hat
„Diese befinden sich spätestens seit Southern Cross 1994 in Somalia zumindest auf halber Fahrt in Richtung einer weltweit ausgerichteten Expeditionary Navy.“ Also zu einem Global Player statt einer rein heimatbezogenen Teilstreitkraft: „Bis 1990 waren Landes- und Bündnisverteidigung im Rahmen der NATO, für die Bundesmarine also Geleitschutz auf hoher See und Operationen aus dem eigenen Küstenvorfeld heraus, die Hauptaufgaben, was den Einsatz in einem Ernstfall betraf“, schreibt Chiari im „Wegweiser Geschichte“. Möglicherweise belegt der von Donald Trump geforderte Einsatz in der Straße von Hormus die Missliebigkeit, die deutsche Politiker ihren Matrosinnen und Matrosen entgegenbringen. Jan Christan Kaack jedenfalls kritisiert gegenüber der Wirtschaftswoche sogar den fehlenden klaren Kurs für die Schiffe samt ihrer Besatzungen.
„Wer alles priorisiert, priorisiert nichts“, sagt der Inspekteur der Marine: Wer gegen den iranischen Führer Modschtaba Chamenei auslaufen solle, könne kaum noch den russischen Diktator Wladimir Putin im Zaum halten. Ihm zufolge sei aktuell alles im Einsatz, was ginge – auch an Personal, wie er gegenüber der Wirtschaftswoche erklärt. Trotz eines Zuwachses um bis zu 20 Prozent in den vergangenen drei Jahren fehlten der Deutschen Marine zu viele Menschen. „Je mehr Ressourcen wir anderweitig investieren, etwa in Missionen im östlichen Mittelmeer oder ins Krisenmanagement, desto weniger bleibt für die Hauptaufgaben.“ (Quellen: Akademie der Militärwissenschaften, Wirtschaftswoche, Marineforum, Bundeswehr, Europäische Sicherheit & Technik, Deutschlandfunk, Neue Zürcher Zeitung, „Wegweiser zur Geschichte. Auslandseinsätze der Bundeswehr“, „Die Bundeswehr“) (hz)