„Nicht nur nette Sozialpolitik“
Grünen-Politikerin nimmt Baby mit in den Landtag und kritisiert „Armutszeugnis“ in Bayern
Job und Kinderbetreuung zu vereinen, stellt Frauen vor Herausforderungen. Dass das der bayerischen Wirtschaft schadet, scheint dem Minister egal.
Deutschlands Wirtschaft hat ein Problem. Trotz schwacher Wirtschaftslage ist der Mangel an Fachkräften groß – vor allem in der Pflege und Kinderbetreuung fehlt Personal. Das wirkt sich auf andere Berufe aus und dürfte sich aufgrund des demografischen Wandels noch verschärfen. Dass der bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger trotzdem 45 Minuten über Wirtschaft redet, „ohne auch nur einmal über Frauen zu sprechen“, ärgert Katharina Schulze. Sie ist Fraktionsvorsitzende der Grünen im bayerischen Landtag.
„Ohne zu erwähnen, dass es viele Frauen gibt, die gerne (mehr) arbeiten würden, es aber nicht können, weil wir zu wenig Betreuungsplätze haben“, kritisiert Schulze auf LinkedIn. Bayern könne es sich nicht leisten, auf die Kompetenz und Leistung von Frauen zu verzichten. „Es ist ein Armutszeugnis, dass das von der Regierung in Bayern ignoriert wird“.
Wie wichtig ein gutes Betreuungsnetz gerade für Frauen ist, um arbeiten zu können, verdeutlicht Schulze an einem Beispiel. Zur Regierungserklärung von Aiwanger nahm sie ihr Baby mit ins Parlament. Geplant sei gewesen, dass die Oma auf es aufpasse, während Schulze im Plenum spreche. Doch weil die spontan Zuhause auf Schulzes kranken Sohn habe aufpassen müssen, musste Schulze schnell Ersatz organisieren.
Fehlende Kita-Plätze: Vor allem Frauen arbeiten dann in Teilzeit
„Ich liebe meine Kinder und ich liebe meinen Beruf“, sagt Schulze BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA. Sie habe das große Glück, dass die Omas unterstützten und sie ihr Baby mit zur Arbeit nehmen könne, bis sie einen Kita-Platz hätte. „Dieses Privileg haben nicht alle Familien und hier in Bayern sind die Voraussetzungen für eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf denkbar schlecht: Die CSU-geführte Staatsregierung hat es über Jahrzehnte versäumt, eine verlässliche und flächendeckende Kinderbetreuung aufzubauen“.
Das Betreuungsnetz vieler Eltern stößt vor allem im Winter an seine Grenzen. In Deutschland fehlen laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung 430.000 Kita-Plätze. Selbst, wer einen begehrten Kita-Platz ergattert hat, steht wegen des Personalmangels zur Erkältungszeit vor der Herausforderung Job und Kinderbetreuung zu vereinen. Bietet der Job oder Arbeitgeber wenig Flexibilität und gibt es keine Großeltern in der Nähe, die einspringen können, bleibt vielen nur eine Möglichkeit: Arbeitszeit reduzieren.
Diejenigen, die das tun, sind in Deutschland immer noch meistens Frauen. Daten des Statistischen Bundesamts zeigen: Sie arbeiten nicht nur deutlich häufiger in Teilzeit als Männer, sondern reduzieren auch häufiger wegen Kinderbetreuung die Arbeitszeit als Männer. Dabei brauche Bayerns Wirtschaft sie dringend. Für Schulze sind deshalb „Investitionen in Kitas und Schulen nicht nur ‚nette‘ Sozialpolitik, sondern wesentliche Grundlage für eine zukunftsfähige Wirtschaft“, sagt sie BuzzFeed News Deutschland.
Ökonom: Fehlende Chancengleichheit und Kitaplatz-Mangel schaden Wirtschaft „massiv“
Dass gute Kinderbetreuung und eine erfolgreiche Wirtschaft eng miteinander verbunden sind, bestätigt Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Chancengleichheit sei „essenziell“, und wenn sie fehle, schade das der Wirtschaft massiv.
Wir müssten unser „Pflegesystem und die Kinderbetreuung ausbauen. So haben Frauen die Möglichkeit, mehr zu arbeiten, mehr zu verdienen und mehr Steuern zu zahlen“, sagt er BuzzFeed News Deutschland. So könnten wir mehr Menschen entlasten und damit mehr in Arbeit bringen. „Das heißt nicht, dass es ein Zwang ist. Aber wirklich jede Person sollte eine Wahl haben“, sagt der DIW-Präsident.
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