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Analyse zu organisierter Kriminalität

Experte warnt vor neuem Verbrecher-Phänomen: „Nicht gut vorbereitet“ auf Eskalationspotenzial

Internationale Verbrecherbanden überfluten Europa und Deutschland mit Kokain und Crack. Derweil gibt es eine neue Bedrohung aus Russland.

Berlin – Drogenhandel im großen Stil und gefährliche Sabotage für autoritäre Staatschefs: Internationale kriminelle Banden entwickeln völlig neue Geschäftsmodelle und vernetzen sich immer stärker weltweit. Das beobachten Sicherheitsbehörden seit Monaten mit Sorge. In ihrer jüngsten Bedrohungseinschätzung spricht etwa die europäische Polizeibehörde Europol von einem klaren Wandel der Bedrohungslage durch organisierte Kriminalität.

Razzia im März 2025: Ermittler gingen damals in drei Bundesländern gegen Mitglieder einer kriminellen Bande vor. Keine Weltregion erlebt eine relativ stärkere Zunahme des organisierten Verbrechens zwischen in den letzten Jahren als Europa.

Das betrifft vor allem Europa, beobachten Expertinnen und Experten. Demnach hat keine Weltregion eine relativ stärkere Zunahme des organisierten Verbrechens zwischen 2021 und 2023 erfahren als Europa, heißt es etwa bei der Global Initiative Against Transnational Organized Crime (Gitoc). Deutlich sichtbares Symptom des Phänomens: eine regelrechte Schwemme von Kokain und Crack. Nicht zuletzt die Folgen der Corona-Pandemie habe wie ein Katalysator die Geschäfte von Verbrecherbanden beeinflusst, sagt Daniel Brombacher, Direktor bei Gitoc, im Gespräch mit dieser Redaktion.

Kokain-Schwemme und Crack aus Osteuropa: „Drogen sind wie Wasser, sie finden immer ihren Weg“

„In der Covid-Frühphase war das Geschäftsmodell beeinträchtigt, Lieferketten waren zusammengebrochen, die Kokain-Preise in den Herkunftsländern gingen in den Keller“, so der Experte. Damals habe es das klassische „Konsumsetting“ angesichts von Lockdowns und anderer Maßnahmen nicht mehr gegeben. Zudem habe die Ware schlichtweg nicht mehr über den Atlantik und auf die Straße gebracht werden können. „Das hat sich aber schnell erholt“, sagt Brombacher und veranschaulicht die Entwicklung mit einem Bild: „Es gibt eine Redewendung unter Ermittlern: Drogen sind wie Wasser, sie finden immer ihren Weg.“

Wie in legalen Wirtschaftszweigen hat Corona die digitale Transformation auch in der organisierten Kriminalität angetrieben. Früher mussten Kriminelle Außenstandorte unterhalten. Wer eine Tonne Kokain in Container verladen wollte, brauchte Kontakte in Lateinamerika. „Heute kann man das digital über Zwischenhändler organisieren. Daraus ist eine neue kriminelle Dienstleistungsbranche entstanden“, so Brombacher.  

Die Folge: Weil die Zugangshürden gesunken sind, strömen jetzt sehr viele neue Player auf den Kokainmarkt. „Früher haben Westbalkan-Gruppen und die italienische ‘Ndrangheta den Kokainmarkt in Europa dominiert. Die sind immer noch da, aber das einstige Oligopol wurde abgelöst“, sagt der Gitoc-Experte. „Otto-Normal-Händler und kleine Gruppen aus Hamburg, Frankfurt, Berlin oder Hannover mischen jetzt mit.“ Hamburg sei im Kokainhandel nach wie vor ein Top-Verteilerzentrum wegen des Hafens. Dazu komme das gesamte Rheinland sowie das Ruhrgebiet wegen der Nähe zu den niederländischen Häfen und Belgien. 

Keine Spur von Bullerbü: Wo Kinder in Schweden morden

Södertälje in Schweden
Die Straßenzüge wirken recht aufgeräumt. Auf den allerersten Blick würde man nicht darauf kommen, dass sich Drogen-Gangs in Södertälje südlich der schwedischen Hauptstadt Stockholm regelmäßig Schießereien liefern.  © Peter Sieben
Hovsjö in Södertälje in Schweden
Der Bezirk Hovsjö ist geprägt von Arbeitersiedlungen aus den 1970er Jahren. Unternehmen wie AstraZeneca und Scania stampften die Häuser einst aus dem Boden, um die vielen neuen Arbeiter unterzubringen.  © Peter Sieben
Häuser in Södertälje in Schweden
Heute ist Hovsjö eines von vier sogenannten gefährdeten Gebiete in der 75.000-Einwohner-Stadt.  © Peter Sieben
Södertälje
Viele der einstigen Arbeiter sind längst weggezogen. Heute ist der Ausländeranteil hoch in dem Viertel, die meisten Bewohner stammen aus Syrien und Armenien. Inzwischen haben sich vor allem Menschen angesiedelt, die sich die teuren Wohnungen etwa im 30 Kilometer entfernten Stockholm nicht leisten konnten. Experten sehen Versäumnisse der Politik, die über Jahre eine regelrechte Ghettoisierung zugelassen habe.  © Peter Sieben
Straße in Södertälje in Schweden
Seit einigen Jahren kommt es in den Straßen und Hinterhöfen immer wieder zu extremen Gewalttaten: Verfeindete Drogengangs bekämpfen sich mit Schusswaffen und immer öfter auch mit Sprengstoff. Ein Phänomen, das es auch in anderen Teilen von Schweden, etwa rund um Stockholm oder in Göteborg, gibt.  © Peter Sieben
Schweden, Södertälje südlich von Stockholm
Das Zentrum des Viertels wird immer wieder zum Tatort. © Peter Sieben
Tatort Södertälje
Auf diesem Platz gleich hinter dem „Hovsjö Grill“-Imbiss schoss im Juli 2024 ein 16-Jähriger einem 15-Jährigen ins Gesicht, in den Bauch und in die Beine – der Junge überlebte nur knapp. Die Gangs heuern neuerdings immer mehr Kinder und Jugendliche an und drängen sie zu schweren Straftaten.  © Peter Sieben
Einsatzkräfte der Polizei Patrick Torneus und Jessica Edmann.
Die schwedischen Sicherheitsbehörden setzen auf Repression und Prävention: Einsatzkräfte der Polizei patrouillieren regelmäßig in den gefährdeten Gebieten, zeigen Tag und Nacht Präsenz. Zwei von ihnen sind Patrick Torneus und Jessica Edmann.  © Peter Sieben
Polizei in Schweden
Patrick Torneus und Jessica Edman suchen immer wieder auch den Kontakt zu den Jugendlichen und Kindern im Viertel, sind Bezugspersonen für sie.  © Peter Sieben
Polizei Schweden
Viele Bewohner des Viertels kennen und vertrauen den Polizisten.  © Peter Sieben
Bandenkriminalität in schweden
Täglich sind Polizistinnen und Polizisten in dem Gebiet auf Streife. Schwedische Zeitungen nannten die gefährdeten Zonen einst „No-go-Areas“. Bei der Polizei hört man das nicht gern. Dort spricht man von „priorisierten Gebieten“: Bei der Bevölkerung verfange das Signal, stigmatisiert fühle sich niemand, dafür besonders geschützt.  © Peter Sieben
Sicherheitskameras, Bandenkriminalität in Schweden
An vielen Gebäuden sind Kameras angebracht, die hochauflösende Bilder der Gegend liefern. Die Polizisten können mit ihren Smartphones direkt darauf zugreifen.  © Peter Sieben
Polizisten, Bandenkriminalität Schweden
Denn die verwinkelten Hinterhöfe der Plansiedlung sind nicht gut einsehbar, die Wege nicht mit dem Auto befahrbar: Die Polizisten sind zu Fuß unterwegs.  © Peter Sieben
Polizei schweden
Ausgestattet sind die Polizeikräfte mit Schusswaffen, aber auch Tasern. Die nicht tödlichen Waffen kommen immer wieder zum Einsatz.  © Peter Sieben
Schweden: Die Polizisten Jessica Edman und Patrick Torneus in Södertälje
„Im Idealfall verhindern wir aber Verbrechen, bevor sie passieren“, sagt Jessica Edman. Wenn sie bemerken, dass Jugendliche und Kinder sich in der Nähe der Gangs herumtreiben, bringen sie sie im Streifenwagen direkt nach Hause, wo sie das Gespräch mit den Eltern suchen.  © Peter Sieben
Schweden, Bandenkriminalität, Polizei
Als Vorbild für die Präventionsarbeit der Sicherheitsbehörden gilt das deutsche Projekt „Kurve kriegen“ aus NRW.  © Peter Sieben
Herbert Reul in Schweden
Im März 2025 machte sich NRW-Innenminister Herbert Reul ein Bild von der Situation in Schweden.  © Peter Sieben
Patrick Torneus in Södertälje
Gespräch direkt am Zaun: „Na, habt ihr schon Schule aus?“, fragt Patrick Torneus eine Gruppe Kinder.  © Peter Sieben

Zusätzlich hat in den letzten Jahren der Handel mit Crack stark zugenommen, das sei „ein völlig neues Drogenproblem“, so Brombacher. „Der Suchtdruck der Konsumenten ist extrem groß. Das Phänomen sehen wir vor allem im Westen Deutschlands. Im Osten wird eher mit Meth gehandelt, das liegt vor allem an der Nähe zum Angebot aus Tschechien.“  Ermittlern falle es immer schwerer, Aktivitäten der zahlreichen neuen Banden nachzuvollziehen. „Es gibt kein Monopol. Im Großhandel sind zwar Westbalkan-Gruppierungen europaweit etabliert, dazu türkische Gruppen, vor allem beim Heroinhandel, sowie die ’Ndrangheta und je nach Region Rockerbanden wie die Hells Angels“, sagt Brombacher. Aber: „Der Markt mit Transaktionen kleinerer Mengen ist inzwischen viel größer.“

Während der Corona-Zeit hatten deutsche Ermittler Daten aus sogenannten Encrochat-Protokollen erhalten. Encrochat war, kurz gesagt, ein Anbieter für verschlüsselte Nachrichtendienste, die vor allem Kriminelle intensiv genutzt haben. „Bei der Auswertung waren die Ermittler überrascht, weil so viele Leute mitgemischt hatten, die sie gar nicht auf dem Zettel hatten. Der Markt ist diverser, als man denkt“, sagt Brombacher.

Dass das organisierte Verbrechen aktuell vor allem in Europa massiv wächst, liege an drei Faktoren, so der Experte: „Es ist ein offener Kontinent, die Digitalisierung treibt die Entwicklung voran, und die Kaufkraft ist hoch.“ Klar sei: „Der Drogenmarkt ist die Mutter des organisierten Verbrechens.“ Die Margen sind gewaltig, das Geschäft zieht weitere Verbrechen nach sich. In den Niederlanden hat das in den vergangenen Jahren gewaltvolle Auswüchse angenommen, Beobachter sprechen von einem regelrechten Drogenkrieg. Und in manchen Gegenden Schwedens liefern sich Drogenbanden brutale Schießereien auf offener Straße.

Neu ist: Immer mehr Banden werden zu Handlangern autoritärer Staaten. Kriminelle waren schon in Zeiten des Kalten Kriegs für Regierungen aktiv, organisierten etwa Waffenschiebereien. „Aber in dieser Virulenz ist das neu. Das gab es in der Form noch nie“, konstatiert Brombacher. Vor allem Russland unter Putin nutzt kriminelle Strukturen. In Deutschland gibt es Sicherheitskreisen zufolge viele russische kriminelle Akteure, die für das Putin-Regime arbeiten – sogenannte Wegwerfagenten, die beispielsweise über Telegramgruppen für Sabotageakte angeworben werden.

Putin und seine „Wegwerfspione“: „Eskalationspotenzial wächst“

Ein Phänomen, auf das die Behörden nur bedingt vorbereitet sind. „Im Mandat von Europol taucht diese Art der Verknüpfung von Staat und Kriminalität bislang nicht auf“, sagt Daniel Brombacher. „Dieser Graubereich zwischen Spionage, Kriminalität und Destabilisierung passt nicht zu unserem Ermittlungssystem.“ Sein Appell: „Polizei, Verfassungsschutz und BND müssten ressortübergreifend enger zusammenarbeiten. Denn aktuell sind wir nicht gut vorbereitet. Die Expertise ist nicht hoch. Dafür wächst das Eskalationspotenzial in den nächsten Jahren.“ 

Rubriklistenbild: © Daniel Löb/dpa

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