Analyse zu organisierter Kriminalität
Experte warnt vor neuem Verbrecher-Phänomen: „Nicht gut vorbereitet“ auf Eskalationspotenzial
Internationale Verbrecherbanden überfluten Europa und Deutschland mit Kokain und Crack. Derweil gibt es eine neue Bedrohung aus Russland.
Berlin – Drogenhandel im großen Stil und gefährliche Sabotage für autoritäre Staatschefs: Internationale kriminelle Banden entwickeln völlig neue Geschäftsmodelle und vernetzen sich immer stärker weltweit. Das beobachten Sicherheitsbehörden seit Monaten mit Sorge. In ihrer jüngsten Bedrohungseinschätzung spricht etwa die europäische Polizeibehörde Europol von einem klaren Wandel der Bedrohungslage durch organisierte Kriminalität.
Das betrifft vor allem Europa, beobachten Expertinnen und Experten. Demnach hat keine Weltregion eine relativ stärkere Zunahme des organisierten Verbrechens zwischen 2021 und 2023 erfahren als Europa, heißt es etwa bei der Global Initiative Against Transnational Organized Crime (Gitoc). Deutlich sichtbares Symptom des Phänomens: eine regelrechte Schwemme von Kokain und Crack. Nicht zuletzt die Folgen der Corona-Pandemie habe wie ein Katalysator die Geschäfte von Verbrecherbanden beeinflusst, sagt Daniel Brombacher, Direktor bei Gitoc, im Gespräch mit dieser Redaktion.
Kokain-Schwemme und Crack aus Osteuropa: „Drogen sind wie Wasser, sie finden immer ihren Weg“
„In der Covid-Frühphase war das Geschäftsmodell beeinträchtigt, Lieferketten waren zusammengebrochen, die Kokain-Preise in den Herkunftsländern gingen in den Keller“, so der Experte. Damals habe es das klassische „Konsumsetting“ angesichts von Lockdowns und anderer Maßnahmen nicht mehr gegeben. Zudem habe die Ware schlichtweg nicht mehr über den Atlantik und auf die Straße gebracht werden können. „Das hat sich aber schnell erholt“, sagt Brombacher und veranschaulicht die Entwicklung mit einem Bild: „Es gibt eine Redewendung unter Ermittlern: Drogen sind wie Wasser, sie finden immer ihren Weg.“
Wie in legalen Wirtschaftszweigen hat Corona die digitale Transformation auch in der organisierten Kriminalität angetrieben. Früher mussten Kriminelle Außenstandorte unterhalten. Wer eine Tonne Kokain in Container verladen wollte, brauchte Kontakte in Lateinamerika. „Heute kann man das digital über Zwischenhändler organisieren. Daraus ist eine neue kriminelle Dienstleistungsbranche entstanden“, so Brombacher.
Die Folge: Weil die Zugangshürden gesunken sind, strömen jetzt sehr viele neue Player auf den Kokainmarkt. „Früher haben Westbalkan-Gruppen und die italienische ‘Ndrangheta den Kokainmarkt in Europa dominiert. Die sind immer noch da, aber das einstige Oligopol wurde abgelöst“, sagt der Gitoc-Experte. „Otto-Normal-Händler und kleine Gruppen aus Hamburg, Frankfurt, Berlin oder Hannover mischen jetzt mit.“ Hamburg sei im Kokainhandel nach wie vor ein Top-Verteilerzentrum wegen des Hafens. Dazu komme das gesamte Rheinland sowie das Ruhrgebiet wegen der Nähe zu den niederländischen Häfen und Belgien.
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Zusätzlich hat in den letzten Jahren der Handel mit Crack stark zugenommen, das sei „ein völlig neues Drogenproblem“, so Brombacher. „Der Suchtdruck der Konsumenten ist extrem groß. Das Phänomen sehen wir vor allem im Westen Deutschlands. Im Osten wird eher mit Meth gehandelt, das liegt vor allem an der Nähe zum Angebot aus Tschechien.“ Ermittlern falle es immer schwerer, Aktivitäten der zahlreichen neuen Banden nachzuvollziehen. „Es gibt kein Monopol. Im Großhandel sind zwar Westbalkan-Gruppierungen europaweit etabliert, dazu türkische Gruppen, vor allem beim Heroinhandel, sowie die ’Ndrangheta und je nach Region Rockerbanden wie die Hells Angels“, sagt Brombacher. Aber: „Der Markt mit Transaktionen kleinerer Mengen ist inzwischen viel größer.“
Während der Corona-Zeit hatten deutsche Ermittler Daten aus sogenannten Encrochat-Protokollen erhalten. Encrochat war, kurz gesagt, ein Anbieter für verschlüsselte Nachrichtendienste, die vor allem Kriminelle intensiv genutzt haben. „Bei der Auswertung waren die Ermittler überrascht, weil so viele Leute mitgemischt hatten, die sie gar nicht auf dem Zettel hatten. Der Markt ist diverser, als man denkt“, sagt Brombacher.
Dass das organisierte Verbrechen aktuell vor allem in Europa massiv wächst, liege an drei Faktoren, so der Experte: „Es ist ein offener Kontinent, die Digitalisierung treibt die Entwicklung voran, und die Kaufkraft ist hoch.“ Klar sei: „Der Drogenmarkt ist die Mutter des organisierten Verbrechens.“ Die Margen sind gewaltig, das Geschäft zieht weitere Verbrechen nach sich. In den Niederlanden hat das in den vergangenen Jahren gewaltvolle Auswüchse angenommen, Beobachter sprechen von einem regelrechten Drogenkrieg. Und in manchen Gegenden Schwedens liefern sich Drogenbanden brutale Schießereien auf offener Straße.
Neu ist: Immer mehr Banden werden zu Handlangern autoritärer Staaten. Kriminelle waren schon in Zeiten des Kalten Kriegs für Regierungen aktiv, organisierten etwa Waffenschiebereien. „Aber in dieser Virulenz ist das neu. Das gab es in der Form noch nie“, konstatiert Brombacher. Vor allem Russland unter Putin nutzt kriminelle Strukturen. In Deutschland gibt es Sicherheitskreisen zufolge viele russische kriminelle Akteure, die für das Putin-Regime arbeiten – sogenannte Wegwerfagenten, die beispielsweise über Telegramgruppen für Sabotageakte angeworben werden.
Putin und seine „Wegwerfspione“: „Eskalationspotenzial wächst“
Ein Phänomen, auf das die Behörden nur bedingt vorbereitet sind. „Im Mandat von Europol taucht diese Art der Verknüpfung von Staat und Kriminalität bislang nicht auf“, sagt Daniel Brombacher. „Dieser Graubereich zwischen Spionage, Kriminalität und Destabilisierung passt nicht zu unserem Ermittlungssystem.“ Sein Appell: „Polizei, Verfassungsschutz und BND müssten ressortübergreifend enger zusammenarbeiten. Denn aktuell sind wir nicht gut vorbereitet. Die Expertise ist nicht hoch. Dafür wächst das Eskalationspotenzial in den nächsten Jahren.“
Rubriklistenbild: © Daniel Löb/dpa
