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Bizarrer Personenkult

„Deutsches Mädchen“ Alice Weidel: Warum China die AfD-Chefin als „Ikone“ feiert

Alice Weidel ist in China ein Star. Das liegt auch an der Vergangenheit der AfD-Politikerin – über die sie selbst allerdings nur selten spricht.

Wer bei Baidu, der größten chinesischen Suchmaschine, nach Alice Weidel sucht, erfährt schon beim ersten Treffer Erstaunliches über die Kanzlerkandidatin und Co-Chefin der AfD. Elf Jahre lang habe Weidel in China gelebt und gearbeitet, weiß die Nachrichtenseite Sohu.com zu berichten, davon sechs Jahre bei der Bank of China. „Diese elf Jahre Erfahrung haben Weidel mit dem Reichtum der chinesischen Kultur und der chinesischen Weisheit vertraut gemacht, und sie hat sich zutiefst mit der chinesischen Politik identifiziert“, schwärmt der Artikel. Und er sagt der „internationalen Ikone“ Alice Weidel eine strahlende Zukunft voraus, schließlich stünden „60 Prozent der deutschen Wähler“ hinter dem „deutschen Mädchen“.

Alice Weidel und China: Das ist eine seltsame Beziehung. Einerseits stimmt es: Weidel war lange Zeit in China, wenn auch wohl keine elf Jahre. Deutschen Medienberichten zufolge sollen es sechs Jahre gewesen sein. Auch von einer Tätigkeit bei der Bank of China ist nichts bekannt, vielmehr arbeitete Weidel den Berichten zufolge unter anderem für Goldman Sachs und die Allianz. Eine Anfrage unserer Redaktion ließ Weidel unbeantwortet. Wie die Bild-Zeitung am Samstag berichtete, soll sich Weidel zudem mehrfach mit dem früheren chinesischen Botschafter in Deutschland, Wu Ken, getroffen haben.

Alice Weidel spricht nur selten über ihre Jahre in China

Auf ihrer Homepage erwähnt Weidel ihre Zeit in China gar nicht, dort heißt es lediglich, sie habe „internationale Erfahrung“ gesammelt, „die ihren Blick auf die deutsche Wirtschaftspolitik prägt“. Dabei hat Weidel sogar zum Thema promoviert, genauer: zum „Rentensystem der Volksrepublik China“. Auch Chinesisch soll sie sprechen.

Mit Äußerungen zum Verhältnis zwischen China und der Bundesrepublik ist Weidel trotz dieser offensichtlichen China-Erfahrung bislang kaum aufgefallen. Es ist ein Thema, über das Weidel nur ungern spricht. Vielleicht, weil eine Kosmopolitin, wie sie Weidel offenbar einst war, zur sehr nach jener alten Elite klingt, die die AfD ja angeblich bekämpfen will?

Alice Weidel wird in China von vielen verehrt.

Wer wissen will, wie die AfD zu China steht, findet Antworten im Wahlprogramm der Partei. Eine knappe Seite widmet die AfD dem Verhältnis zur Volksrepublik. „Die wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Kontakte zu China wollen wir ausbauen“, heißt es dort etwa. Zudem schwärmt die AfD von Chinas „Neuer Seidenstraße“: „Soweit sich hieraus Chancen für die deutsche Wirtschaft ergeben, wollen wir diese nutzen.“ Gleichzeitig gibt die AfD aber auch zu bedenken, dass man die Beziehungen zu China nur fördern solle, wenn das Land einen fairen Wettbewerb garantiere.

Die Geschichte der Volksrepublik China von 1949 bis heute

Am 1. Oktober 1949 ruft Mao Zedong in Peking die Volksrepublik China aus.
Am 1. Oktober 1949 ruft Mao Zedong in Peking die Volksrepublik China aus. Zuvor hatten sich Maos Kommunisten im chinesischen Bürgerkrieg gegen die Nationalisten durchgesetzt, die nach Taiwan geflohen waren. © Xinhua/Imago
Mit dem „Großen Sprung nach Vorne“ (1958-1961) sollte die Produktion vorangetrieben werden.
Eines der Hauptziele der neuen Regierung war die wirtschaftliche Entwicklung des verarmten Chinas. Mit dem „Großen Sprung nach Vorne“ (1958-1961) sollte die Produktion vorangetrieben werden. Doch Fehler in der Planung und Naturkatastrophen sorgen für eine Hungersnot, der 15 bis 55 Millionen Menschen zum Opfer fielen. © agefotostock/Imago
1959 kam es in Tibet zu einem Aufstand gegen die Besatzer.
Bereits kurz nach der Machtübernahme besetzte die chinesische Volksbefreiungsarmee das bis dahin faktisch unabhängige Tibet. 1959 kam es zu einem Aufstand gegen die Besatzer, woraufhin der Dalai Lama das Land verlassen musste. Heute lebt er im indischen Exil. © United Archives International/Imago
Von 1966 bis 1976 erschütterte die Kulturrevolution China.
Von 1966 bis 1976 erschütterte die Kulturrevolution China. Mit der Kampagne wollte Mao mit den Mitteln des Klassenkampfes die chinesische Gesellschaft von „konterrevolutionären“ Elementen befreien; zudem zementierte er seine Macht an der Spitze des Staates. Der Kulturrevolution fielen Hunderttausende Menschen zum Opfer. © Photos12/Imago
1972 besuchte mit Richard Nixon erstmals ein US-Präsident die Volksrepublik.
Anfang der 70er-Jahre öffnete sich China aber auch nach Westen. 1972 besuchte mit Richard Nixon erstmals ein US-Präsident die Volksrepublik. Im selben Jahr nahm Deutschland diplomatische Beziehungen mit Peking auf. © agefotostock/Imagao
Nach einem parteiinternen Machtkampf setzte sich schließlich Deng Xiaoping als neuer Führer der Volksrepublik durch.
Mao starb 1976. Nach einem parteiinternen Machtkampf setzte sich schließlich Deng Xiaoping als neuer Führer der Volksrepublik durch. Deng leitete die Geschicke Chinas bis zu seinem Tod im Jahr 1997. © Zuma/Keystone/Imago
Deng Xiaoping trieb die Öffnung Chinas voran.
Deng Xiaoping trieb die Öffnung Chinas voran. Demokratische Reformen blieben aus, die Wirtschaft entwickelte sich allerdings rasant. Auch ausländische Unternehmen wie Volkswagen engagierten sich nun in China. © Sepp Spiegl/Imago
Im Frühjahr 1989 kam es in Peking zu Demonstrationen von Studenten, die Reformen und eine Demokratisierung Chinas forderten. In der Nacht auf den 4. Juni 1989 eskalierte die Lage, der Tiananmen-Platz im Herzen Pekings wurde geräumt, die Demokratiebewegung blutig niedergeschlagen. Hunderte Menschen starben.
Im Frühjahr 1989 kam es in Peking zu Demonstrationen von Studenten, die Reformen und eine Demokratisierung Chinas forderten. In der Nacht auf den 4. Juni 1989 eskalierte die Lage, der Tiananmen-Platz im Herzen Pekings wurde geräumt, die Demokratiebewegung blutig niedergeschlagen. Hunderte Menschen starben. © Jeff Widener/dpa
Am 1. Juli 1997 wurde Hongkong, die ehemalige britische Kronkolonie, an China zurückgegeben.
Am 1. Juli 1997 wurde Hongkong, die ehemalige britische Kronkolonie, an China zurückgegeben. Gouverneur Chris Patten erhielt die eingeholte britische Nationalflagge, die chinesische Flagge wurde gehisst.  © UPI Photo/Imago
Heute ist Shanghai das wirtschaftliche Zentrum des Landes, dort befindet sich auch der größte Hafen der Welt.
Chinas Wirtschaft entwickelte sich in den 90er-Jahren, vor allem aber ab dem Beitritt der Volksrepublik zur Welthandelsorganisation 2001, rasant. Heute ist Shanghai das wirtschaftliche Zentrum des Landes, dort befindet sich auch der größte Hafen der Welt. © Ivan Tykhyi/Imago
Unter Xi Jinping, seit 2012 Parteichef und seit 2013 Staatspräsident, wird China immer autoritärer regiert.
Trotz des wirtschaftlichen Erfolgs: Der Handel mit dem Westen brachte China keinen demokratischen Wandel - im Gegenteil. Unter Xi Jinping, seit 2012 Parteichef und seit 2013 Staatspräsident, wird China immer autoritärer regiert. Es entstand ein neuer Personenkult, der an die Mao-Ära erinnert. © UPI Photo/Imago
In der Provinz Xinjiang gingen die Behörden gegen die muslimischen Uiguren vor. Hunderttausende Menschen sollen dort in Umerziehungslagern eingesperrt sein.
China wurde immer mehr zum Polizei- und Überwachungsstaat. In Hongkong wurde die Demokratiebewegung brutal niedergeschlagen, in der Provinz Xinjiang gingen die Behörden gegen die muslimischen Uiguren vor. Hunderttausende Menschen sollen dort in Umerziehungslagern eingesperrt sein. © UPI Photo/Imago

China-Liebe für Alice Weidel: „Ich mag sie“

Trotz dieser durchaus ambivalenten Haltung zur Volksrepublik überwiegt im chinesischen Netz die Weidel-Begeisterung. „Eiserne Lady“ wird Weidel dort genannt, auf der Social-Media-Plattform Weibo lassen sich Tausende Beiträge zu der deutschen Politikerin finden. „Ich mag sie“, schreibt ein Nutzer, Weidel sei „eine Patentochter des chinesischen Volkes“. Es ist offenbar eine Anspielung auf Weidels China-Jahre.

„Weidel ist gut für Deutschland“, behauptet ein anderer Nutzer, der zu seinem Beitrag das Foto einer jungen, blonden Frau teilt – das Bild, das ein wenig danach aussieht, als sei es mithilfe von Künstlicher Intelligenz erstellt, taucht oft in Beiträgen mit Weidel-Bezug auf. Hervorgehoben wird zudem immer wieder, dass Weidel – anders als die meisten anderen deutschen Parteien – die wirtschaftlichen Beziehungen zu China nicht verringern, sondern vorantreiben will. Mehr China statt De-Risking – das kommt gut an. Vor allem Grüne und FDP mussten in den vergangenen Jahren wegen ihrer Peking-kritischen Haltung viel Prügel in China einstecken.

In vielen chinesischen Weibo-Posts wird dieses Bild einer angeblichen Alice Weidel geteilt.

Chinas soziale Medien sind stark zensiert, man kann also davon ausgehen, dass die Weidel-freundliche Haltung vieler Nutzer die Position der chinesischen Regierung widerspiegelt. Äußerungen der chinesischen Staatsführung zu Weidel sind hingegen so gut wie keine bekannt. Im März 2022, kurz nach Beginn des russischen Einmarschs in die Ukraine, lobte ein Sprecher des Pekinger Außenamts Weidels Haltung einmal als „sehr rational“. Weidel hatte sich zuvor gegen die Russland-Sanktionen der EU ausgesprochen; China, das sich im Ukraine-Krieg an die Seite Russlands gestellt hat, hört so etwas natürlich gerne.

China-Seite lobt: Weidel vertritt „klare Haltung“

Neben der Russland-freundlichen Position der AfD ist es wohl auch die Deutschland-zuerst-Haltung der Partei, die man in der Volksrepublik bewundert. Nationalismus kommt gut an im China von Xi Jinping. Auf der staatlichen Seite China.com etwa heißt es, Weidel vertrete „eine klare Haltung, die sich für die Wahrung der Interessen der Menschen im eigenen Land und gegen die Einmischung der Vereinigten Staaten von Amerika ausspricht.“ Auch, dass Elon Musk Weidel unterstützt, hebt der Artikel hervor. Musk gilt als großer China-Fan, rund jeder zweite Tesla, der weltweit produziert wird, verlässt in der Volksrepublik das Band.

Dass die AfD in Teilen rechtsextrem ist und Faschisten wie Björn Höcke in ihren Reihen duldet, spielt inmitten der Weidel-Begeisterung kaum eine Rolle. In dem erwähnten Sohu.com-Artikel etwa heißt es lediglich reichlich allgemein, um Weidel und ihre Partei gebe es „eine Menge Kontroversen der einen oder anderen Art“. Das Bild von der China-Freundin aus Deutschland soll offenbar nichts stören.

Rubriklistenbild: © Attila Kisbenedek/AFP

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