Schulterschluss wegen Trump-Politik
„CanadEU“-Vision: Wie wahrscheinlich ist Kanadas Eintritt in die EU?
51. US-Territorium oder 28. EU-Land? Trumps Herausforderungen befeuern Kanadas Europa-Dialog – doch bestehende Vorschriften wirken dämpfend.
Ottawa/Brüssel – Die Vorstellung, Kanada könnte der Europäischen Union beitreten, klingt wie ein Gedankenspiel aus einer alternativen Realität. Doch seit einer Umfrage des kanadischen Instituts Abacus Data, die im Februar 2025 überraschende 44 Prozent Zustimmung für einen EU-Beitritt ergab, wird die Frage international ernsthaft diskutiert. Nicht zuletzt, weil die politischen Turbulenzen unter US-Präsident Donald Trump die transatlantischen Beziehungen auf eine harte Probe stellen. Während Brüssel die Idee als schmeichelhaft empfindet, bleiben rechtliche und geopolitische Hürden unüberwindbar.
Kanadas EU-Beitritt: Freundliche Absage trotz Sympathie
Die Europäische Kommission reagierte diplomatisch auf die Umfrage. „Wir fühlen uns geehrt, dass Kanadier die EU als attraktiv wahrnehmen“, sagte Sprecherin Paula Pinho, verwies jedoch auf Artikel 49 des EU-Vertrags, der die Mitgliedschaft auf „europäische Staaten“ beschränkt, schreiben CTV News und Euronews.
Was genau „europäisch“ bedeutet, ist zwar nicht exakt definiert, doch Experten wie Peter Van Elsuwege von der Universität Gent betonen gegenüber Euronews: „Kanada erfüllt weder geografische noch kulturelle Kriterien.“ So fehle dem Land die Mitgliedschaft im Europarat – einem Schlüsselindikator für „Europäisch sein“ – sowie historische Verbindungen zur Entwicklung des Kontinents.
Ein Präzedenzfall existiert: Marokko scheiterte 1987 mit einem Beitrittsgesuch mit der Begründung, kein europäischer Staat zu sein. Zwar sind auch Zypern und die Türkei – teilweise außerhalb Europas gelegen – Kandidaten oder Mitglieder, doch hier spielen geografische Teilzugehörigkeit und historische Verflechtungen eine Rolle.
Trump als Katalysator für kanadisches EU-Liebäugeln: Handelskrieg und „51. Bundesstaat“-Rhetorik
Die Debatte gewann an Fahrt, als Trump Kanada kurz nach seiner Wiederwahl 2025 erneut zum „51. US-Bundesstaat“ erklärte und Strafzölle auf kanadische Güter verhängte. Dies trieb Ottawa zuletzt in die Arme Europas: Der damalige Premierminister Justin Trudeau betonte bei einem EU-Gipfel im Februar 2025 die „gemeinsamen Werte“ beider Seiten, darunter Klimaschutz, Multilateralismus und soziale Marktwirtschaft.
Der Economist wies zudem auf wirtschaftliche Synergien hin: Die EU leide unter Energieknappheit, Kanada besitze Öl, Gas und Wasserkraft. Umgekehrt könnte Kanada vom EU-Binnenmarkt profitieren, der wettbewerbsfähiger sei als Kanadas eigene Provinzhandelshemmnisse.
Doch Trumps Drohungen wirken langfristig: Er kündigte nun noch extremere Zölle an, falls die EU und Kanada gemeinsam gegen die USA vorgingen. „Wenn die Europäische Union mit Kanada zusammenarbeitet, um den USA wirtschaftlichen Schaden zuzufügen, werden gegen beide Seiten weitaus höhere Zölle erhoben als derzeit geplant“, schrieb er auf seiner Plattform Truth Social. Ein Szenario, das die EU-Kommission mit Sorge betrachtet. Zölle würden allen – Verbrauchern, Unternehmen sowie der globalen Stabilität – schaden, mahnte Präsidentin Ursula von der Leyen.
Kanada und die EU: Kulturelle Nähe vs. geopolitische Realität
Kanada und Europa verbindet mehr als der zweisprachige Alltag in Englisch und Französisch. Das Land pflegt durch Kolonialgeschichte, Einwanderung und Institutionen wie die Monarchie enge Bande zum alten Kontinent. „Kanadier sind ehrenamtliche Europäer“, schrieb der Economist und verwies auf ähnliche Sozialstaatsmodelle und eine ablehnende Haltung zu Waffen oder Todesstrafe. Sogar die „Whisky-Kriege“ mit Dänemark um eine arktische Insel – 2022 friedlich beigelegt – werden von der renommierten Wochenzeitung als Beleg für „europäische Konfliktkultur“ gewertet.
Doch die Realität ist komplex: Ein EU-Beitritt würde Kanada in eine Zollunion zwingen, die den freien Handel mit den USA – noch immer Kanadas wichtigstem Partner – gefährden könnte. Zudem wäre die EU wohl logistisch überfordert, so der Economist weiter: Mit 40 Millionen Einwohnern auf einer Fläche größer als die gesamte EU würde Kanada die politischen Strukturen sprengen.
LOL.
— Jason P. (@JasonPYYC) March 27, 2025
“We don’t need Canada for anything”
*Canada joins EU*
“YOU CANT DO THAT!!!!” pic.twitter.com/kN34O6F7dM
Boykotte und kulturelle Proteste in Kanada: Die Macht der Verbraucher
Der transatlantische Konflikt hat bereits konkrete Folgen: In Kanada und Europa boykottieren Verbraucher zunehmend US-Produkte. Apps wie „Buy Beaver“ oder „Maple Scan“ helfen Kanadiern, amerikanische Waren zu meiden, in Europa brechen Tesla-Verkäufe ein, da Konzernchef Elon Musk als Trump-Verbündeter gilt.
Selbst Kulturschaffende wie der deutsche Geiger Christian Tetzlaff sagten US-Tourneen aus Protest ab. Dieser bemerkte jüngst gegenüber ndr.de: „Viele von uns spüren Trauer über das Verlorene und Wut und Mitleid, aber all diese Dinge sind auf die Dauer weder zielführend noch gut für uns. Für mich ist der Grund, dass ich absage, weil in Amerika absolute Stille herrscht, bei Musikern, bei Orchestern, selbst bei Politikern. Wir würden alle erwarten, dass jetzt Millionen auf der Straße sind, denn es wird alles abgeschafft, wofür Amerika stand.“
Die Zukunft des Verhältnisses zwischen EU und Kanada: Eine vertiefte Partnerschaft
Ein formeller EU-Beitritt Kanadas bleibt unrealistisch. Doch die Krise könnte die Zusammenarbeit vertiefen: Das seit 2017 provisorisch geltende Freihandelsabkommen CETA könnte endgültig ratifiziert werden – bisher blockieren zehn EU-Staaten Teile des Vertrags. Gemeinsame Energieprojekte, etwa der Export kanadischen Flüssiggases nach Europa, oder Militärkooperationen in der Arktis stehen ebenfalls zur Debatte, bemerkt Euronews.
„CanadEU ist ein Gedankenexperiment, aber es zeigt: In unsicheren Zeiten suchen Demokratien Verbündete“, resümierte der Economist. Solange Trump die Regeln der Diplomatie infrage stellt, werden Brüssel und Ottawa wohl weiter als strategische Partner agieren – wenn auch nicht unter einem gemeinsamen Dach.
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