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Bröckelnde Pracht in Kraiburg

„Echt bitter“: Kraiburger Rathaus ist in schlechtem Zustand – das sind die Folgen

Bürgermeisterin Petra Jackl freut sich, dass die Sanierung des zweiten Stocks nun starten kann. „Es wäre echt schade, wenn wir den riesigen Raum hier oben nicht nutzen könnten“, sagt sie. Bis dahin ist noch einiges zu tun.
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Kraiburgs Bürgermeisterin Petra Jackl im zweiten Stock des Rathauses: „Es wäre echt schade, wenn wir den riesigen Raum hier oben nicht nutzen könnten.“

Dachbalken aus dem 16. Jahrhundert und Kübel, die Regenwasser auffangen: Das Kraiburger Rathaus ist dringend sanierungsbedürftig. Gibt es nun Fördergeld, damit die Gemeinde anpacken kann? Ein Ortsbesuch. 

Kraiburg – Dass es viel zu tun gibt, kann wohl niemand leugnen, der dem Rathaus einen Besuch abstattet. Bröckelnder Putz, Feuchtigkeit, ein bunter Mix an Baumaterialien – so zieht es sich durchs ganze Gebäude. „Am wichtigsten sind momentan Dachstuhl und Heizung”, sagt Bürgermeisterin Petra Jackl. Genau dafür erhält die Gemeinde nun Geld aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE). Ampfing und Kraiburg sind ihres Wissens die einzigen Gemeinden im Landkreis, die diese EU-Fördermittel bekommen.

Sieht schon jetzt nach einer Baustelle aus: Im zweiten Stock des Kraiburger Rathauses sind Eimer nötig, um Regenwasser aufzufangen. Das Dach ist undicht.

Nun kann die Gemeinde anpacken, behutsam, wie die Bürgermeisterin betont. Denn das Gebäude stammt – wie alle am Marktplatz – aus dem 16. Jahrhundert und ist denkmalgeschützt. „Was das für ein riesen Raum ist”, sagt Jackl, als sie in den zweiten Stock führt. Hauptaugenmerk liegt derzeit auf dem Dachstuhl im westlichen Teil des großen Gebäudes. Dieser ist undicht. „Bei Regen ist die erste Ansage an die Mitarbeiter: ‚Schaut, ob die Kübel richtig stehen’”. Im ganzen Raum stehen Eimer, denn nicht nur an einigen markierten Stellen, überall geht es nass rein.

Undicht, keine Dämmung und hellhörig

Das Denkmalamt hat das Gebäude bereits besichtigt und den Dachstuhl, der aus einem Sammelsurium verschiedener Balken besteht, für nicht erhaltenswert erklärt. Auch statisch soll das Geschoss nun untersucht werden. „Ich habe keinerlei Sorge, dass das Rathaus Gefahr läuft einzustürzen – aber ich bin Laie”, sagt Jackl. Das Dach sei momentan mit Blech eingedeckt und null isoliert. Doch das soll sich ändern: Mit der Sanierung soll nicht nur abgedichtet, sondern auch gedämmt werden. Das soll das Gebäude gleichzeitig weniger hellhörig machen – aktuell hören die Mitarbeiter im ersten Stock, wenn im zweiten Stock geredet wird.

Gemauert wurde mit allem, was man gerade gefunden hat. Teilweise stehen die Wände auf dünnen Holzbrettern. Nun überprüft ein Statiker die Sicherheit.

„Bei den Mauern hier oben habe ich statisch Bedenken”, sagt Jackl. Denn diese stehen auf relativ dünnen Brettern aus Holz. „Ich bin froh, dass wir das jetzt anpacken und damit den Raum für die Zukunft sichern.” Wie die Räume später einmal genutzt werden sollen, steht noch nicht fest. In den 60er-Jahren befand sich dort eine Zahnarztpraxis, bis vor fünf Jahren kam das Gemeindearchiv dort unter. „Ich bin heilfroh, dass das umgezogen ist – das war eine wahnsinnige Last mit den vielen Akten”, sagt Jackl. Nun könnten weitere Büros eingerichtet werden oder ein Sitzungsraum. Offen ist auch, ob das Rathaus oder Externe die Räume nutzen werden. Das muss der Gemeinderat beschließen.

Ein besonderes Schmuckstück

Dass das historische Gebäude durchaus etwas Besonderes ist, zeigt Jackl anhand eines Fensters im Obergeschoss. „Der Experte vom Landesamt für Denkmalpflege war ganz begeistert.” Dass ein solches Fenster aus dem 16. Jahrhundert mit sämtlichen Beschlägen noch komplett erhalten ist, sei sehr selten. „Wir werden es hüten”, sagt die Bürgermeisterin.

Vor einem wahren Schmuckstück steht Bürgermeisterin Petra Jackl: Nur selten sind Fenster aus dem 16. Jahrhundert so gut und vollständig erhalten.

Außerdem soll die Heizung ausgetauscht werden. „Wir hatten schon Tage im Winter, da ist sie nicht mehr angesprungen und das ist echt bitter, gerade weil das Gebäude so schnell auskühlt”, erzählt Jackl. Im ganzen Gebäude seien alte Heizkörper verbaut. Momentan heize man mit Gas. „Ziel der Sanierung ist auch eine energetische Aufwertung.”

Im ganzen Gebäude sind alte Heizkörper verbaut. Sie sollen dank der EU-Fördermittel ausgetauscht werden.

Sanierung erfolgt inAbschnitten

Für beide Maßnahmen zusammen rechnet die Gemeinde mit Fördermitteln von rund 600.000 Euro. Wie viel die Sanierung insgesamt kostet, ist noch offen, da die Gemeinde am Anfang der Planungen steht. Auch der Zeitplan ist noch nicht absehbar. „So lange wie es dauert, dauerts”, sagt die Bürgermeisterin. Denn auch im restlichen Gebäude sollen Mängel beseitigt werden, allerdings werde man finanziell nicht gleich alles umsetzen können. „Ich bewundere andere Kommunen, wenn sie auf einmal mit Millionen sanieren, bei uns geht nur oans nach dem andern.”

Im hinteren Bereich des Dachstuhls wurde Zellulose eingeblasen, die grauen Fasern neben dem hölzernen Durchgang. Das schützt die Mitarbeiter vor Hitze und Kälte.

Dass die Gemeinde bereits seit einiger Zeit anpackt, wird beim Rundgang durchs Rathaus deutlich. Im hinteren Bereich des Dachstuhls wurde bereits vor gut zwei Jahren Zellulose eingeblasen, die die obere Geschossdecke dämmt. Das schützt im Sommer vor Hitze und im Winter wird nicht nach draußen geheizt.

Eine gruselige Aufgabe bleibt Bürgermeisterin heute erspart

Im Erdgeschoss soll neu verputzt und gepflastert werden. Außerdem soll die Toilette barrierefrei umgebaut und dann rund um die Uhr für die Bevölkerung zugänglich sein. Auch der Feuchtigkeit im Keller sagt man so gut es geht den Kampf an. „Die Häuser stehen alle im Dreck”, sagt Jackl. Drainage, Folien und spezielle Anstriche – das gab es beim Bau alles nicht. Stattdessen wurde mit allem gemauert, was man gefunden hat. „Beim Sanieren müssen wir natürlich schauen, dass wir trotzdem alles erhalten.” Anders etwa als in den 80er-Jahren, über deren „Bausünden” die Bürgermeisterin nur den Kopf schüttelt: Da habe man Glasfasertapete angebracht. So vermeide man zwar bröckelnden Putz, aber darunter bilde sich Schimmel. „Da ist die ganze Wand dahinter schwarz.”

Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges mussten Gefangene im Keller des Kraiburger Rathauses einsitzen.

Seit 1934 ist das heutige Rathaus im Besitz der Gemeinde, der Kaufpreis betrug damals 20.000 Reichsmark. Es ist bereits das dritte Kraiburger Rathaus. „Im Mittelalter waren wir ein bedeutender Markt und überregional wichtig, danach ging es finanziell bergab”, erzählt die Bürgermeisterin. Diese lange Tradition ist noch heute sichtbar, im Keller des Gebäudes befindet sich eine Gefängniszelle mit einem alten Ofen und einem klapprigen Bettgestell aus Metall. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges hätten Verbrecher hinter der dicken Tür mit Guckfenster ihr Dasein gefristet. „Scho gruselig, da bin ich froh, dass der Bürgermeister nicht mehr diese Aufgabe hat”, sagt Jackl.

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