150 Jahre Bahnhof Neumarkt-St.Veit
Bloß nicht aufs Abstellgleis: Zehn Jahre lang kämpft Neumarkt um den Bahnanschluss
Als im 19. Jahrhundert Bahnstrecken in ganz Bayern gebaut werden, droht Neumarkt das Abstellgleis. So kämpften die Verantwortlichen für einen Bahnanschluss.
Neumarkt-St. Veit – Mit der ersten Zugfahrt von Nürnberg nach Fürth beginnt im Jahre 1835 in Deutschland die große Zeit der Eisenbahnen. Das Schienennetz im Königreich Bayern wuchs rasant heran und schon 25 Jahre später waren die meisten großen Städte an die Eisenbahn angeschlossen.
Seit dem 3. November 1858 hatte auch die niederbayerische Regierungsstadt Landshut einen Eisenbahnanschluss erhalten. Wenn nun Fuhrleute mit ihren Pferdegespannen von Landshut nach Burghausen oder Mühldorf im Neumarkter Marktplatz Rast machten, dann drehten sich die Gespräche nicht mehr ausschließlich um Rösser, sondern auch um Dampfrösser.
Die bayerische Eisenbahnstreckenkarte von 1860 zeigt aber im Bereich zwischen München, Landshut Straubing, Passau, Salzburg, und Rosenheim immer noch einen großen weißen Fleck, der aber nun mit der Eisenbahn erschlossen werden soll .
Kampf um einen Eisenbahnanschluss
In der Generaldirektion der königlich bayerischen Eisenbahnen werden ab 1860 die ersten Vorschläge zur weiteren Erschließung dieses Bereiches diskutiert. Geplant wird unter anderem der Bau einer weiteren West-Ost-Verbindung zur Entlastung der Linie München nach Salzburg. Für diese neue Verbindung werden mehrere Varianten vorgeschlagen.
Eine davon soll von München aus über Dorfen, Mühldorf, Simbach/Inn bis nach Braunau führen. Die zweite Variante sah einen Streckenausbau von München über Erding, Velden, Vilsbiburg und Gangkofen bis in das Rottal vor. Von dort könnte dann bei Schärding das bayerische mit dem österreichischen Eisenbahnnetz der Kaiserin-Elisabeth-Bahn verbunden werden.
Erschließung des gesamten Rottals
Auch im kleinen Neumarkt a. Rott hatte man die Zeichen der Zeit erkannt und schickte seit 1863 ebenfalls Vertreter zu den zuständigen Ministerien in München. Nach einer Eingabe in die Kammer der Abgeordneten vom 12. August 1863 war auch eine Streckenführung von München nach Velden und Buchbach bis nach Neumarkt a. Rott im Gespräch. Von dort aus sollte dann die Strecke das ganze Rottal erschließen.
Die alles entscheidende Landtagssitzung erfolgt am 24. September 1863 und endet für alle Befürworter der Rottallinie und damit auch für Neumarkt mit einer Niederlage. Die Landtagsabgeordneten entscheiden sich für die Streckenführung über Dorfen, Mühldorf und Simbach.
Bittschrift an den König
Viele Städte und Gemeinden kämpfen aber weiter um einen Anschluss an das Schienennetz, denn der verspricht eine wirtschaftliche Weiterentwicklung von bisher ungeahnten Ausmaßen. Nachdem Neumarkt a. Rott mit der ersten Entscheidung 1863 im wahrsten Sinne des Wortes nicht zum Zug gekommen war, hofft man nun auf die weiteren Ausbaumaßnahmen und schließt sich einer Interessengemeinschaft von mehreren Städten und Märkten an. Die Stadt Straubing hatte bereits 1863 versucht, die zwischen Rosenheim und Straubing gelegenen Städte und Märkte zu einem Komitee zu vereinen.
Nach zweijährigen Vorarbeiten wird am 25. April 1865 eine Bittschrift an den König Ludwig II. verfasst und die dafür aufgebrachten Kosten von 2711 Gulden auf die beteiligten Orte Rosenheim, Wasserburg, Gars a. Inn, Mühldorf, Neumarkt, Gangkofen, Reisbach, Landau a. Isar, Pilsting, Straubing und Cham je nach Einwohnerzahl umgelegt. Für Neumarkt werden 1.130 Seelen gezählt und eine Kostenbeteiligung von 95 Gulden errechnet.
Nord-Südverbindung geplant
Parallel zur genehmigten Linie München - Mühldorf - Simbach laufen auch die Planungen für eine Verbindung von Regensburg oder Straubing nach Rosenheim. Diese Strecke war als Fortsetzung der Brennerbahn gedacht und sollte den Nord-Süd-Verkehr von München ableiten, sowie über Eisenstein eine Verbindung nach Böhmen herstellen. Das Gesetz „Die Vervollständigung des bayerischen Staatseisenbahnnetzes betreffend“ vom 29. April 1869 enthielt nun auch die beiden Abschnitte Mühldorf - Rosenheim und Mühldorf – Neumarkt a. Rott - Landau a. Isar.
Nach zehn Jahren am Ziel
Nach fast zehn Jahren Kampf hat man das große Ziel erreicht und Neumarkt a. d. Rott wird als einer der Bahnstationen auf der geplanten Neubaustrecke von Rosenheim nach Plattling auserkoren. Der deutsch-französische Krieg von 1870/71 blockiert zwar für kurze Zeit die rasche Ausführung dieser Projekte, zeigt aber zugleich auch die zunehmende Bedeutung eines gut ausgebauten Streckennetzes sowohl für die Wirtschaft als auch für das Militär.
Am 28. April 1872 unterzeichnet König Ludwig II. die notwendigen Urkunden für den Streckenausbau. Die geplanten Kosten belaufen sich auf 9,9 Millionen Gulden, den Bauauftrag erhält die private königlich privilegierte Ostbahngesellschaft. Gespannt warten nun die Neumarkter Bewohner auf den Beginn der Bauarbeiten und damit auf ein neues Zeitalter.
