VVG-Vertreter treffen sich
Ein Schlachthof, fünf Bewerber und Rinderzüchter in Habersham: Clemens Tönnies & Co stellen sich vor
Der Waldkraiburger Schlachthof steht vor einem Neuanfang – mit hochkarätigen Interessenten wie OSI, Westfleisch und Attenberger. Sie waren in Habersam und sprachen vor den Landwirten. Auch Clemens Tönnies war vor Ort.
von Dietmar Fund
Habersam/Lohkirchen/Waldkraiburg – Die Zukunft des Schlachthofes in Waldkraiburg stand im Mittelpunkt der Vertreterversammlung der VVG Bayern eG im Landgasthof Eder in Habersam. Gleich fünf Unternehmen haben Interesse an dem auf Rinder spezialisierten Standort; alle waren in Habersam vor Ort und stellten sich vor. Unter ihnen auch Clemens Tönnies, dessen Angebot zuletzt vom Bundeskartellamt verworfen wurde.
Die VVG hatte zum Jahreswechsel 16.063 Mitglieder. Der seit Jahresbeginn amtierende VVG-Vorstandsvorsitzende, Marinus Spann, begrüßte die Vertreter der VVG. Sie seien die „Crème de la Crème der deutschen Fleischwirtschaft“, so der Rinder-Experte der VVG Bayern, Sebastian Brandmaier.
Rindfleisch ist weltweit gefragt
Den Anfang der Vorstellungsrunde machte Marinus Schöttl, Managing Director der OSI Europe Foodworks, der ohnehin als Referent auf der Tagesordnung stand. Schöttl, ist seit zwölf Jahren beim US-Konzern in Gersthofen, der Rinder und Schweine zerlegt und verarbeitet; zuvor war er auch bei Vion in Waldkraiburg. Seit über 14 Jahren beliefere der OSI-Standort Günzburg McDonalds und lasse in Waldkraiburg Lohnschlachtungen durchführen. Schöttl referierte über Rindfleisch, für das weltweit eine hohe Nachfrage bestehe. Gleichzeitig erschwerten der Klimawandel und die zunehmende Wasserknappheit in einigen Regionen, zum Beispiel in den USA oder in Süditalien, die Rindfleischproduktion. Bayern sei da eine „Gunstregion“.
In Deutschland gebe es wieder ein Umdenken in Richtung Grünlandnutzung für die Fleisch- und Milchproduktion, erklärte Schöttl. Darüber lasse sich der Rückgang der Rinderbestände hoffentlich stoppen. „Die Preise in Deutschland und in Bayern sind attraktiv, aber trotzdem muss Rindfleisch wieder in die Werbung und in die Theke kommen. Wir müssen alles ausgewogen vermarkten und nicht nur das Hackfleisch.“ Der Absatz von Häuten und Nebenprodukten sei über das OSI-Netz gesichert.
Münchener Unternehmer hat Interesse an Waldkraiburg
Auch Ludwig Attenberger hat Interesse am Waldkraiburger Schlachthof. Sein 1989 gegründetes Familienunternehmen schlachte und zerlege in München 2000 Rinder pro Woche sowie bei der Tochterfirma Almrind in Traunstein 1000 Rinder pro Woche. Bei der zweiten Tochter Schanzerfleisch in Ingolstadt würden täglich 1000 Schweine geschlachtet und zerlegt. „Attenberger wird sich um die bayerischen Vion-Schlachthöfe und die im angrenzenden Baden-Württemberg bewerben“, erklärte der Seniorchef, der mit seinem Sohn Max gekommen war.
Ein weiterer Interessent ist Martin Müller. Die Keimzelle seines Familienunternehmens entstand 1970 in Birkenfeld bei Pforzheim in Baden-Württemberg. 1999 hat es den städtischen Schlachthof in Ulm übernommen und 2010 den städtischen Schlachthof in Bayreuth. Die Betriebe vermarkteten auch Rinder der VVG, sagte Müller.
Clemens Tönnies bekräftigt persönlich sein Interesse
Auch Clemens Tönnies war in Habersam. Sein Familienunternehmen, die Premium Food Group, habe sich gegen zwei ausländische Bieter durchgesetzt und von Vion den Zuschlag für drei Betriebe bekommen. Sein Unternehmen würde dort mehr in die Veredelung gehen und die Wertschöpfung erhöhen, von einem Investitionsstau könne keine Rede sein.
Nach den Vorgesprächen mit dem Kartellamt sei er von der Absage überrascht gewesen, erklärte Tönnies. Vion habe zuvor ähnliche Strukturen gehabt. Die Begründung, sein Unternehmen solle nicht wie bei der Schweineschlachtung eine führende Position haben, sei „eigentlich widersinnig“.
Personalien bei der VVG
Zum Jahreswechsel gab es bei der VVG einige Änderungen. Der seit Januar amtierende neue Vorstandsvorsitzende Marinus Spann und sein Stellvertreter Anton Reiter führen ihre Ämter wieder ehrenamtlich und Sebastian Brandmaier zieht sich in den Vorstand zurück. Die hauptamtliche Geschäftsführung hat Franz Mitterberger übernommen, der seit über 35 Jahren in der Branche und ist seit 18 Jahren bei der VVG tätig ist. Er betreut weiterhin den Schweinebereich. Für die Rinder ist jetzt Edmund Stuiber zuständig, der daneben die Groß- und Nutzviehvermarktung weiterführt.
Bei der Versammlung in Habersam wurden als die dienstältesten ehrenamtlichen Vorstände turnusgemäß jeweils einstimmig Anton Reiter, Anna Senftl und Markus Held wiedergewählt. Im Aufsichtsrat beträgt die Wahlperiode ebenfalls drei Jahre. Jährlich scheidet ein Drittel aus oder kann wiedergewählt werden. In ihren Ämtern bestätigt wurden jeweils einstimmig der Vorsitzende Josef Andres, Georg Gallrapp, Georg Greif, Theresa Osterholzer, Wolfgang Scholz, Hermann Prölß und Johannes Gassner. Weil Manfred Lang und Anton Mühlbauer aus Altersgründen nicht mehr wählbar waren, wurden Manfred Lang jun. und die Bezirksbäuerin Irmgard Posch einstimmig in den Aufsichtsrat gewählt.
Tönnies sagte, er habe gegen die Entscheidung Einspruch eingelegt und werde sich um eine Ministererlaubnis bemühen, sofern dies nötig werde. „Wir wollen in den Süden und sind handschlagfest. Wir sind Tönnies, bleiben Tönnies und freuen uns auf eine gute Zusammenarbeit.“
„Bauner-DNA für Bauern“
Den Vorstellungsreigen beschloss Wilhelm Uffelmann, seit Juni 2023 Vorstandsvorsitzender der in Münster angesiedelten Westfleisch SCE mbH, einer europäischen Genossenschaft von über 5100 Landwirten. Sein Unternehmen betreibe den größten Bullenschlachthof Deutschlands mit einer Kapazität von 360.000 Stück pro Jahr, von denen zwischen 120.000 und 150.000 Tiere zugekauft würden. „Wenn Tönnies nicht zum Zuge kommt, sind wir die Alternative für die Landwirtschaft“, sagte Uffelmann. „Wir handeln mit Bauern-DNA für Bauern.“
VVG-Rinderexperte Brandmaier erklärte, dass die VVG mit allen Schlachtbetrieben gut zusammenarbeite und man sich preislich immer wieder „zusammenrauft“. Die VVG-Vertreter hatten keine Fragen an die Kaufinteressenten.
Auf Nachfrage der OVB Heimatzeitungen bestätigt Vion-Pressesprecherin Lina Witte, dass es für Waldkraiburg mehrere Interessenten gebe. Das Unternehmen würde sich „zu den konkreten Namen oder Details zu diesem Zeitpunkt noch nicht äußern“. (dif)
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