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Sven Hannawald in Mühldorf

Vom Höhenflug in den Burnout: Skisprung-Legende Hannawald spricht in Mühldorf über den Absturz


Thomas Gruber (links) und Andreas Kochbeck (rechts) begrüßten die Skilegende Sven Hannawald.
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Thomas Gruber (links) und Andreas Kochbeck (rechts) begrüßten die Skilegende Sven Hannawald.

Psychische Erkrankungen sind oft Tabuthemen oder werden belächelt. Das kritisiert Skisprung-Legende Sven Hannawald, der beim Unternehmertag in Mühldorf offen darüber sprach, wie er als erfolgreicher Spitzensportler schließlich im Burnout landete.

Mühldorf — Sven Hannawald ist nicht nur ein preisgekrönter Wintersportler. Er ist auch ein Mensch, der offen über seine Burnout-Erkrankung und seine Depression spricht und längst AOK-Botschafter für psychische Gesundheit ist. Als solcher war der Promi zu Gast in Mühldorf. „Meine innere Stimme, die mir sagte, ich soll Pause machen, hab ich immer wieder ignoriert“, bekennt Hannawald bei seinem Besuch.

Psychische Gesundheit Thema beim Unternehmertag

Im „Hollywood am Inn“ sind ständig Berühmtheiten auf der Leinwand zu sehen. Manchmal aber können Besucher des Mühldorfer Kinos einen VIP nicht nur im Film, sondern tatsächlich hautnah und live erleben. So wie den ehemaligen Skispringer Sven Hannawald, der im Kino beim Unternehmertag zu Gast gewesen ist. Thema des Nachmittags: Der psychischen Gesundheit auf der Spur.

Hannawald, der erste Sportler mit allen vier Tagessiegen bei der Vierschanzentournee, Olympiasieger und vierfacher Weltmeister, erlebte jenseits der Schanze einen harten Absturz. Der heute 50-Jährige litt unter gravierenden psychischen Problemen, die sich zu einem Burnout hochschaukelten, wie er offen berichtet.

Die Wirtschaftsförderung im Landkreis Mühldorf, die Gesundheitsregion sowie die AOK luden Hannawald ein, der Unternehmen in Sachen betriebliche Gesundheit berät. Die Skisprung-Legende ist AOK-Botschafter für psychische Gesundheit.

Für den prominenten Gast wurde eigens ein Kuchen gebacken, den Sven Hannawald und Landrat Max Heimerl gemeinsam anschnitten.

Andreas Kochbeck und Thomas Gruber, beide von der AOK Bayern, nahmen Hannawald in Empfang. Dessen erste Aufgabe war es, im Foyer des Kinos gemeinsam mit Landrat Max Heimerl einen extra für ihn gebackenen Kuchen, den ein Skispringer im Flug zierte, anzuschneiden. Nach einem kurzen Smalltalk ging es hinein in den Kinosaal.

Dort begrüßte Wirtschaftsförderer Thomas Perzl die Unternehmer. Er sprach von einem Cocktail an Krisen, mit denen sich der heutige Mensch konfrontiert sehe. Warum greift die Wirtschaftsförderung gemeinsam mit der AOK gerade das Thema psychische Gesundheit auf? „Wir möchten Ihnen die Wichtigkeit mentaler Gesundheit näher bringen“, so Kochbeck, der ausführt: „Psychische Krankheiten sind die zweithäufigste Ursache für Ausfallzeiten in den Betrieben“.

Uschi Wieland vom Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft hielt einen Fachvortrag zum Thema psychische Gesundheit am Arbeitsplatz, bevor der beeindruckende Dokumentarfilm „Seelenstark – Sven Hannawalds Sprung zurück ins Leben“ gezeigt wurde. Im Film kamen Trainer, Ärzte, Hannawalds Ehefrau, Psychologen, Kollegen wie der ehemalige Schispringer Martin Schmitt und Hannawalds Vater zu Wort.

Schon als Kind Verlustängste

Sven Hannawald erzählte darin vom Aufwachsen im Erzgebirge und davon, dass er schon in der Kindheit unter Trennungsängsten litt. „Die Mütter in der DDR gingen früh wieder arbeiten und brachten ihre Kinder in Einrichtungen unter“, so Hannawald.

Wer im Erzgebirge aufwachse, habe meist Ambitionen für den Wintersport. „Bei mir paarten sich schnell Ehrgeiz und Perfektionismus“, gibt der Profi zu, der feststellen musste, dass sich diese Kombination langfristig negativ auf Körper und Seele auswirkten.

Vom Ausruhen wird man nicht Weltmeister.

Sven Hannawald

Seine innere Stimme, die ihm sagte, er solle Pausen einlegen oder sich aus der Situation nehmen, habe er stets ignoriert. „Vom Ausruhen wird man halt nicht Weltmeister“, war Hannawalds Überzeugung, der während seiner aktiven Zeit so gut wie nie abschalten konnte.

„Meinen Trainingsablauf mit allem, was dazu gehört, habe ich trotz Beschwerden nicht geändert, denn für mich war es entscheidend an der Konkurrenz dranzubleiben“. Das Skispringen sei ihm einfach heilig gewesen. Auf der Höhe seiner Karriere hätten sich immer öfters Unruhe und starke Müdigkeit eingestellt. Als der heute 50-jährige damals Sieger der Tournee wurde, stieg er regelrecht zum Popstar auf. „Die Medien hatten mich ständig im Visier“, erinnert sich der Sportler, der sein inneres Chaos weder verstand noch abstellen konnte.

Schließlich startete er eine Ärztereise. Letztendlich wies er sich selbst in eine Klinik ein. „Ich war froh über die Diagnose Burnout, weil ich endlich wusste, was mit mir eigentlich los war“, erzählte Hannawald. Sein Vater zeigte sich im Film erschüttert. Er berichtete von einem Besuch in der Klinik. Zu diesem Zeitpunkt hätte Sven nur noch geweint. Durch den Klinikaufenthalt sei sein Sohn langsam wieder in die Spur gekommen, jedoch, so unterstrich der Sportler: „Je länger eine psychische Problematik unbehandelt bleibt, desto länger dauert es, bis das berühmte Licht am Ende des Tunnels erscheint“.

Psychische Erkrankungen aus der Tabuzone holen

Um stabil zu bleiben, musste sich der Skispringer vom knallharten Profisport endgültig verabschieden. Für ihn ein schmerzhafter Prozess. Nach dem Klinikaufenthalt folgte eine begleitende Therapie. Heute sieht der einstige Profi seinen Auftrag darin, psychische Erkrankungen aus der Tabuzone zu holen.

Oftmals würde sich die Gesellschaft über Krankheiten der Seele lustig machen. Hannawald: „Wenn jemand einen Wadenkrampf hat, dann sagt man zu der Person auch nicht, du musst jetzt noch zehn Kilometer rennen. Ist ein Arbeitnehmer aber nicht mehr fähig, eine E-Mail fertig zu schreiben, dann wird möglicherweise gelacht“.

Nach dem Film luden die Organisatoren zu einem Business-Talk ein. Die Besucher konnten Fragen an Sven Hannawald stellen. Ist er heute gesund? Diese Frage beantwortete der Sportler zwar mit „ja“, jedoch mit der Einschränkung, immer seine Antennen auszufahren um festzustellen, wirkt sich eine Belastung eventuell bedrohlich auf das seelische Gleichgewicht aus. Ist das der Fall, dann heißt es abschalten und Pausen einlegen.

„Wer im Vorfeld Luft holen kann, der übersteht auch hektische Phasen besser“, so Hannawalds Erkenntnis. Er habe gelernt, auf sein Inneres zu hören und sich Zeit zu nehmen für Dinge, die ihm guttun.

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