Unfälle beschäftigen die Mühldorfer Polizei
Geisterradler und überforderte E-Biker: Über die Gründe für die Radunfälle in Mühldorf
Rund 50 Mal pro Jahr kommt es in Mühldorf zu Unfällen mit Radfahrern. Dabei sind nicht immer rücksichtslose Autofahrer schuld. Die Polizei verrät Interessantes zu den Gründen und zum Alter der Unfallradler.
Mühldorf – Am Ostersonntag übersah ein 77-jähriger E-Bike-Fahrer in Polling an einer Kreuzung ein Auto und wurde frontal erfasst. Der Radfahrer wurde schwer, aber nicht lebensgefährlich verletzt. Im Mai stürzte ein 42-Jähriger in Mühldorf alleinbeteiligt mit seinem Fahrrad, zog sich Abschürfungen und einer Platzwunde zu – ein Alkoholtest ergab einen Wert von fast drei Promille. Mitte August übersah eine Autofahrerin (35) eine 70-jährige Radfahrerin an einer Kreuzung in Mühldorf, sie stürzte und verletzte sich dabei leicht.
Zahl der Radunfälle steigt
Das sind nur drei Unfälle von Radfahrern, wie sie die Polizei Mühldorf regelmäßig zu bearbeiten hat. Wie Bayerns Innenminister Joachim Herrmann Anfang September mitteilte, haben schwere Radunfälle bayernweit zugenommen: „Um 0,7 Prozent auf 8.905 Fälle (im Jahr 2024: 8.839). Die Zahl der verletzten Radfahrer erhöhte sich auf 8.255 (2024: 8.183), die der getöteten Radfahrer stieg von 34 auf 42.“
Zahlen von Radlunfällen aus dem Jahr 2025 kann Karl Heinz Stocker von der Polizei Mühldorf nicht präsentieren. Allerdings war von 2023 auf 2024 auch in der Stadt Mühldorf ein Anstieg zu verzeichnen. „Da hatten wir eine Steigerung von 4,25 Prozent“, kann der Leiter des Sachbereichs Verkehr für den Landkreis Mühldorf aus den Polizei-Statistiken herauslesen. „Von 44 Unfällen mit Radfahrern in 2023 auf 51 Unfälle in 2024. Wenn wir Glück haben, werden es heuer nicht mehr werden.“
Die Polizei unterscheidet bei diesen Fahrradunfällen nach alleinbeteiligten Verursachern, wie etwa einem Fahrfehler samt Sturz über die Bordsteinkante und nach Hauptverursachern, wenn ein Radfahrer zum Beispiel die Vorfahrt missachtet oder als „Geisterradler“ in falscher Richtung auf dem Radweg fährt und es deshalb zu einem Unfall kommt.
Verletzte Radler, aber keine Toten
An den in 2024 gezählten 51 Fahrradunfällen aller Art waren 55 Radfahrer beteiligt, 49 wurden verletzt. „Das reicht von der Schramme an Knie oder Ellbogen bis zu schweren Kopfverletzungen, zum Glück hatten wir keine Toten“, so Stocker und rät dringend zum Tragen eines Fahrradhelms. Er fügt hinzu: „Die Unfälle passierten übrigens mehr erwachsenen Radfahrern, Kinder sind gar nicht so häufig betroffen.“
Ältere Radfahrer auf E-Bikes
Oft seien E-Bikes „schuld“ an den Unfällen von Erwachsenen. „Es ist ja begrüßenswert, wenn ältere Personen sich mit dem E-Bike fit halten wollen“, sagt der Verkehrsexperte. „Aber in manchen Situationen sind sie von der Kraft ihres E-Bikes regelrecht überfordert. Das kann zu Stürzen über Bordsteine oder ähnliches führen, ohne dass ein anderer Verkehrsteilnehmer in der Nähe ist.“ Er rät, sich beim Kauf eines E-Bikes oder Pedelecs eine gründliche Einführung vom Fahrradhändler geben zu lassen. Und das Bike auf Übungsfahrten an verkehrsberuhigten Plätzen beherrschen zu lernen.
Im Stadtbereich Mühldorf fallen Karl-Heinz Stocker drei Straßenabschnitte ein, an denen es für jeden Radfahrer brenzlig werden kann. „Da wäre die Einmündung von der Brücke über den Innkanal in die Nord-Tangente, dort müssen rechtsabbiegende Autofahrer den Fahrradweg kreuzen und dabei werden schon mal Radfahrer übersehen“, schildert er einen an dieser Stelle häufigen Fehler. Ähnlich sehe am Giggenbach-Stachus an der Mehrfachkreuzung Friedhofstraße/Brückenstraße/Berliner Straße an der Innbrücke aus.
Radler gefährden sich auch gegenseitig
Im Bereich der Bahnunterführung an der Inneren Neumarkter Straße bringen sich große und kleine Radfahrer gegenseitig in Gefahr. „Hier haben wir es oft mit Geisterradlern zu tun, also Radfahrern, die in entgegengesetzter Richtung fahren“, erklärt er. „Da kommt es öfter zu Zusammenstößen oder gefährlichen Ausweichmanövern.“ Deshalb warnt in diesem Bereich auch ein spezielles Verkehrsschild, das ein Gespenst auf einem Fahrrad zeigt.
Brennpunkte im Stadtverkehr
In regelmäßigen Abständen macht auch der Verein Verkehrswende Mühldorf auf potenziell gefährliche Stellen in Mühldorf aufmerksam. Zuletzt 2023 wurden der Stadtverwaltung in einem offenen Brief 49 Brennpunkte im Stadtverkehr Mühldorf aufgezeigt. Auf einer interaktiven Karte auf der Homepage des Vereins sind diese Gefahrenstellen einsehbar.
Wie schaut es eigentlich mit der Einhaltung der Abstandsregeln aus – innerorts mindestens 1,5 Meter und außerorts mindestens 2 Meter – wenn ein Autofahrer einen Radfahrer überholt? Stocker: „Wenn wir das im fließenden Verkehr beobachten, ist es natürlich schwer exakt nachzumessen, aber wir können das ganz gut schätzen, wenn das Fahrzeug zu nah am Radfahrer ist.“ Es gebe Radfahrer, die ein vermeintlich zu nahes Überholen bei der Polizei anzeigen und dafür Beweisfotos, gemacht von einem hinterherfahrenden Radler vorlegen.
Beim Überholen eines Radfahrers eine weiße durchgezogene Linie zu überfahren, ist für Autofahrer komplett verboten. „Diese weiße Linie ist wie eine Mauer zu sehen, das lernt man ja in der Fahrschule“, betont Stocker, der natürlich weiß, dass dieses Verbot in der Praxis immer wieder übertreten wird. Dagegen darf man mit dem Auto die unterbrochene Linie eines Radschutzstreifens überfahren, aber nur, wenn dadurch kein Radfahrer behindert oder gar gefährdet wird.
Polizei bringt Kindern nicht das Radfahren bei
Wie man sich im Straßenverkehr sicher mit dem Rad bewegt, das lernen Grundschulkinder der 4. Klassen: „Für sie gibt es verpflichtend die Jugendverkehrsschule der Polizei. Wenn die Kinder diese Ausbildung absolviert haben, bekommen sie einen Fahrradführerschein.“ Auch die Verkehrswacht bietet solche Kurse an. „Ab der 4. Klasse deshalb, weil Kinder erst in diesem Alter Gefahren im Verkehr richtig wahrnehmen können. Im Kindergartenalter machen wir mit ihnen den Gehwegschein und in den unteren Grundschulklassen den Ampelschein.“
„Die Polizei bringt den Kindern aber nicht das Fahrradfahren bei“, unterstreicht Stocker. Manche Eltern würden sich das zwar wünschen und sogar erwarten, aber das sei Sache der Eltern und gehöre wirklich nicht zu den Aufgaben der Polizei.
