Wirtshaus mit beliebtem Biergarten im Landkreis Mühldorf
Staatlicher Schutz für den Erhartinger Sommerkeller – und nicht alle sind begeistert
Der Erhartinger Sommerkeller erhält einen besonderen Schutz durch den Freistaat. Doch nicht alle sind davon begeistert.
Erharting – Der Erhartinger Sommerkeller ist nicht nur die Institution für Biergärten im Landkreis Mühldorf, jetzt ist er auch ein Denkmal. Das teilte Dr. Rudolf Neumaier, Geschäftsführer des Landesvereins für Heimatpflege, mit. „Das ist ein großartiges Ergebnis“, sagt Neumaier und betont die Wichtigkeit des Schutzes solcher Gebäude. „Solche Gebäude mit Geschichte sind die Kulisse für unser bayerisches Lebensgefühl, aus ihnen besteht unsere Heimat.“
Mehr als nur ein altes Gebäude
Dass es dabei nicht nur um ein Gebäude geht, kann jeder erleben, der an einem schönen Sommertag den Vorberg bei Erharting besucht. Nur wenn das Wetter passt, nur wenn die Fahne weht, servieren Ingrid Schwab und ihr Team Bier im Tonkrug und kalte Brotzeit auf großen Brettern, dazu Brot und Butter. Für Kinder bietet der angrenzende Wald Möglichkeiten, sich auszutoben.
Der Eintrag geht auf eine Initiative des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege zurück, der die Einstufung des Objektes als Denkmal nach eigenen Angaben vor zwei Jahren anregte. Bei einer Veranstaltung des Heimatbunds Mühldorf hatte Landesvereins-Geschäftsführer Neumaier das Publikum nach seiner Einschätzung befragt. „Alle im Saal waren einhellig der Meinung, dass der Sommerkeller denkmalwürdig sei“, erinnert sich Neumaier.
Nummer D-1-83-116-15 auf der Landesdenkmalliste
Diese Auffassung vertreten auch die Fachleute aus dem Landesamt für Denkmalpflege. Nach einer umfassenden Prüfung teilte diese Behörde der Gemeinde Erharting jetzt mit, dass der Sommerkeller in die Denkmalliste aufgenommen worden sei. Der Sommerkeller hat dort die Nummer D-1-83-116-15 und ist als „zweigeschossiger Satteldachbau mit Kniestock, Gesimsgliederung und traufseitiger Loggia“ beschrieben.
Auch der „durch einen abfallenden Zugang erschlossene Keller mit drei tonnengewölbten Räumen aus Ziegelmauerwerk und Einwurfschächten“ gehört zu diesem Denkmal. Seine Errichtung ist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts datiert. „Jetzt steht es zum Glück unter Schutz“, sagt Heimatpfleger Neumaier.
Denn nicht nur der Gastgarten, auch der Keller unter dem alten Wirtshaus ist etwas Besonderes. Der Erhartinger Sommerkeller ist das einzige Wirtshaus in der Region, in dem das Bier noch mit Natureis gekühlt wird, das in kalten Wintern am Bräuweiher gestochen und in den Kellergewölben gelagert wird. Viele Besucher sagen deshalb, dass es dort das genau auf den Punkt gekühlte Bier gibt. Zur Sicherheit steht natürlich auch eine moderne Kühlanlage zur Verfügung.
Open-Air-Konzerte, Familienausflüge, Stammtische, deren Mitglieder eigene Bierkrügerl besitzen, Radlfahrer: Der Sommerkeller ist an schönen Tagen ein stark besuchter Ort. Seit ein paar Jahren ist er auch im Winter beliebt, dort gibt es einen der stimmungsvollsten Christkindlmärkte in der Region.
Die Begeisterung für den Denkmalschutzstatus ihres Hauses hält sich in Grenzen. Erhartinger Bräuin Marlies Röhrl sagt zurückhaltend: „Ich habe mir dazu noch keine abschließende Meinung gebildet.“ In welche Richtung die gehen kann, sagt sie aber auch: „Man wird als Eigentümer nicht gefragt.“ Sie empfindet es als Eingriff in „persönliches Eigentum“ und sagt: „Menschlich muss man davon nicht begeistert sein.“ Sie fürchtet Einschränkungen bei möglichen Bau- oder Instandhaltungsmaßnahmen.
Die Einstufung als Denkmal bedeutet nicht nur Einschränkungen, betont dagegen der Landesverein für Heimatpflege. Falls es dort Baumaßnahmen geben sollte, könnten die Besitzer, die Braufamilie Röhrl gegebenenfalls mit öffentlichen Fördermitteln rechnen, wenn sie es herrichten müssen. „Denkmalschutz ist in Bayern Staatsziel, er steht in der Verfassung“, betont Dr. Vinzenz Dufter, der beim Landesverein den Fachbereich Haus und Siedlung leitet.
Gleichzeitig bedauern die Heimatpfleger des Landesvereins, dass nahe dem Sommerkeller, in kaum zweieinhalb Kilometern Luftlinie, ein ähnlich pittoreskes und noch älteres Denkmal aus dem 18. Jahrhundert zugrunde zu gehen droht: In Engfurt bei Töging liegt ein früher ebenfalls außergewöhnlich beliebter Biergarten, der zur gleichen Brauerei gehört wie der Sommerkeller. In der Denkmalliste steht er als „Garteneinfriedung mit zwei Eckpavillons und Tor des ehem. Kastenamtshauses“. Für Neumaier ist es „ein unsägliches Trauerspiel, dass hier so gut wie nichts passiert und alle, die laut Denkmalschutzgesetz zuständig wären, dem Verfall und dem Verwuchern zuschauen. So verlieren wir einen identitätsstiftenden Ort, eine Heimatkulisse.“
Bräuin Marlies Röhrl will zu diesen Vorhaltungen nichts sagen.
Der Erhartinger Sommerkeller wurde schon von Heimatdichtern und Starjournalisten besungen. Karl Bruckmaier, früher Autor bei der Süddeutschen Zeitung und Pop-Kritiker des Bayerischen Rundfunks, schrieb im Jahr 2023, am Ortsende von Erharting finde man „einen der schönsten Biergärten Bayerns, den Sommerkeller der Brauerei Erharting – ,geöffnet nur bei schönem Wetter´ – wo es unter hohen Bäumen Essen und Trinken ohne jeden landhausmodenhaften Schnickschnack gibt und den traumentrückten, im Dunst sich meist verlierenden Fernblick gratis dazu“. Den Mühldorfer Poeten Franz Xaver Rambold, gestorben anno 1938, inspirierte der Sommerkeller schon vor hundert Jahren zu einem Gedicht, dessen erste Strophe lautet: „Der Erhartinger Keller / ist eine schöne Saß. / Da schlägt das Herz dir heller / bei einer Rahmerlmaß.“


