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20 Jahre Lohnverzicht in Ampfing

Arbeiten wie Profis, verdienen wie Putzfrauen: Schörghuber-Betriebsräte fordern Tarifvertrag

Die Betriebsräte Ingo Sczodruch (links) und Martin Sterz sind stolz auf die Spzialtüren von Schörghuber in Ampfing. Um das zu erhalten, kämpfen sie jetzt für einen Tarifvertrag.
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Die Betriebsräte Ingo Sczodruch (links) und Martin Sterz sind stolz auf die Spezialtüren von Schörghuber in Ampfing. Um das zu erhalten, kämpfen sie jetzt für einen Tarifvertrag.

Brandschutztüren für das Kanzleramt – aber Löhne knapp über Mindestlohn? Bei Schörghuber in Ampfing wächst der Unmut – und Mitarbeiter wandern ab. Zwei Männer wollen das jetzt ändern, gegen den Willen der Chefs.

Ampfing Wir wollen, dass es dem Unternehmen gut geht, dass Frieden herrscht und die Leute nicht gehen“, betonen Martin Sterz und Ingo Sczodruch immer wieder. Sie sind Betriebsräte bei Schörghuber, einem Hersteller von Spezialtüren (400 Mitarbeiter) in Ampfing. Die beiden brennen für ihren Arbeitgeber, wollen wieder damit angeben können, dass sie „beim Schörghuber“ arbeiten. Deswegen kämpfen sie jetzt für einen Tarifvertrag in dem Unternehmen.

„Wir wollen die Bedingungen verbessern, damit die Leute uns nicht verlassen und sagen, bei Schörghuber kriegt man nichts für seine Arbeit“, verdeutlicht Sterz. „Wir haben 400 Spezialisten, aber die bekommen nicht mal den Stundenlohn einer Putzfrau.“

Türen für das Kanzleramt und erfolgreich

Schörghuber gehöre zur Hörmann-Gruppe und sei der „Mercedes unter den Türenherstellern“, sagen Sterz und Sczodruch. Die Brandschutztüren aus Holz finden sich nicht nur in Kindergärten und Schulen, sondern auch in Hotels, Botschaften und im Bundeskanzleramt in Berlin. 

„Wir sind ein erfolgreiches Unternehmen, kratzen nicht an roten Zahlen“, weiß Sterz. „Wir stehen immer super da.“ Trotzdem sind die Betriebsräte unzufrieden. 

Die Ursachen liegen 20 Jahre zurück. Bis 2005 galt bei Schörghuber der Tarifvertrag, wurde die Arbeitszeit der 35-Stunden-Woche voll bezahlt. Doch dann kam das Unternehmen in Schwierigkeiten. Das Unternehmen verließ den Tarifvertrag und die Mitarbeiter waren bereit, künftig unentgeltlich drei Stunden mehr zu arbeiten. 

Neue Chefs fühlen sich nicht an alter Zusagen gebunden

Damals versprachen die Chefs: „Wenn es uns wieder besser geht, können wir das wieder abschaffen“, erinnert sich Sterz. Stattdessen kamen 2013 neue Chefs – und die fühlten sich nicht an dieses Versprechen gebunden. Und so arbeiten die Mitarbeiter heute noch in der Woche drei Stunden ohne Lohn.

Neue Mitarbeiter müssen sogar einen Vertrag mit 40 Wochenstunden unterschreiben, bekämen aber nur 35 bezahlt, sagt Sterz. „Am Freitag bekommen sie nur die erste Stunde noch bezahlt, den Rest des Tages arbeiten sie umsonst“, verdeutlicht Sczodruch.

Kurz über Mindestlohn und Zulagen nach „Nasenprinzip“

Laut Betriebsrat Sterz bekomme ein ausgelernter Industriekaufmann inzwischen „gerade mal zwölf Cent über Mindestlohn“. Wenn er eine normale 35-Stunden-Woche hätte, hätte er 14 Euro Stundenlohn. „Wir sind 400 Spezialisten und dann habe ich nicht den Stundenlohn einer Putzfrau. Das passt nicht zusammen. Wer bei uns arbeitet, muss von seiner Arbeit auch leben können, aber das ist bei vielen nicht der Fall.“ 

Ingo Sczodruch (llinks) und Martin Sterz.

Es geht noch weiter: Zwar gebe es Zulagen – aber nicht nach definierten Kriterien. Sczodruch spricht von einer Vergabe nach dem „Nasenprinzip“. Gleiche Arbeiten würden unterschiedlich bezahlt, Fortbildungen oder Aufstiegschancen seien nicht definiert. „Das schafft Unzufriedenheit.“ 

Inzwischen verlasse jährlich jeder Zehnte das Unternehmen. Umliegende Firmen würden einfach besser bezahlen und bessere Bedingungen bieten. „Der Letzte, der gegangen ist, hat gesagt, er hat jetzt knapp 800 Euro mehr und muss dafür weniger arbeiten“, berichtet Sterz. „Es ist so einfach, Mitarbeiter abzuwerben. Das ist unglaublich.“

Die Lösung für die Betriebsräte: ein Tarifvertrag

Um das zu ändern, braucht es einen Tarifvertrag. Davon sind die beiden Betriebsräte überzeugt. Der regele die Bezahlung, Zulagen, Fortbildungen, sichere die Altersteilzeit, einen Kündigungsschutz für ältere Mitarbeiter und die Übernahme von Azubis. Nur so ließen sich neue Mitarbeiter gewinnen und bestehende halten. „Wir können uns nur auf einen Tarifvertrag verlassen, nicht auf eine Person, die sonst was verspricht“, betont Sterz.

Dabei wissen die Betriebsräte ihre Kollegen auf ihrer Seite. „Seit ein paar Wochen und Monaten weht jetzt ein anderer Wind, ist Druck im Kessel.“ Die Mitarbeiter wollen sich nicht mehr hinhalten lassen. Die meisten Unternehmen der Hörmann-Gruppe hätten ja auch einen Tarifvertrag: Hörmann Freisen, Amshausen, Dissen, Huga, Steinhagen und Brockhagen.

„Wir sind so oft gegen die Tür gerannt“, sagt Sterz. „Wenn sie zu bleibt, dann machen wir sie jetzt trotzdem auf. Das entscheiden jetzt wir. Es geht schlicht nicht mehr.

Zulauf bei der IG Metall

Diese Kampfbereitschaft hat auch Jürgen Bogner von der IG Metall registriert. Er bereitet seitens der Gewerkschaft den Weg zu einem Tarifvertrag vor. 

Die Brandschutztüren aus Holz von Schörghuber finden sich in Kindergärten, Schulen, Hotels, Botschaften und im Bundeskanzleramt in Berlin.

Aktuell gewinne die IG Metall viele neue Mitglieder, sagt Bogner. „Die Nachfrage ist unwahrscheinlich hoch.“ Zu einem nicht näher genannten Zeitpunkt würden eine Tarifkommission gebildet und die Forderungen aufgestellt. „Dann braucht es wohl eine Aufforderung zum Tanz.“

Ein Tarifvertrag wäre für Bogner kein Schaden für das Unternehmen. „Wir wollen die Firma nicht mehr belasten. Wir haben kein Interesse, dass die Firma an Potential verliert; wir wollen die Beschäftigung vor Ort sichern und die Zufriedenheit der Beschäftigten fördern.“ Ein Tarifvertrag sei ein Konsens und könne „über zwei, drei oder vier Jahre“ eingeführt werden.

Betriebsrat möchte wieder stolz sein

„Ich möchte wieder ein bisschen angeben, dass ich beim Schörghuber arbeite“, wünscht sich Betriebsrat Sterz. „Das kann ich jetzt nicht, weil es heißt, die zahlen so schlecht. Wir wollen der Firma nichts klauen, wir wollen ihre Konkurrenzfähigkeit bei den Mitarbeitern wiederherstellen.“ 

Die Schörghuber-Geschäftsführung bat auf Nachfrage der OVB Heimatzeitung um Verständnis, „dass wir zu innerbetrieblichen Abläufen keine Auskünfte erteilen möchten“.

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