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Aus dem Alltag einer Landarzt-Praxis

Haager Hausarzt Christian Büker: Einzelkämpfer zwischen „Bürokratie-Albtraum“ und Patienten-Wohl

Liebt seinen Beruf, kritisierte jedoch die Rahmenbedingungen: Christian Büker, der eine Hausarztpraxis in Haag in Oberbayern betreibt.
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Liebt seinen Beruf, kritisierte jedoch die Rahmenbedingungen: Christian Büker, der eine Hausarztpraxis in Haag in Oberbayern betreibt.

„Ich habe den schönsten Beruf der Welt“, sagt Christian Büker, Hausarzt in Haag. Er ist einer der wenigen noch verbliebenen „Einzelkämpfer“ mit klassischer Landarzt-Praxis. Einblicke in den Alltag eines Mediziners zwischen „Bürokratie-Albtraum“ und Patientenwohl.

Haag in Oberbayern – Fünf Hausarzt-Praxen gab es mal in Haag, jetzt sind es nur noch drei. Eine davon betreibt Christian Büker (59) in einem Landkreis, der in diesem Bereich als „unterversorgt“ gilt. Ein Drittel der Hausarzt-Sitze sei nicht besetzt, bedauert er. Die Folge: volle Wartezimmer.

Auch Büker hat seit dem Start seiner Einzelpraxis vor 15 Jahren die Patientenzahl mehr als verdoppelt. Einen Aufnahmestopp hat er nicht verhängt – noch nicht, auch weil er einen zweiten Kassenarzt-Sitz hinzugekauft und eine Kollegin angestellt hat. Doch er sagt: „Wir haben definitiv ein Versorgungsproblem.“ Denn der Landkreis Mühldorf wächst stark, der Zuzug ist hoch. Allgemeinmediziner ziehe es jedoch eher in den Speckgürtel von München. „Es gibt reihenweise Menschen, die keine Arzttermine finden“, berichtet Büker.

Viele Niedergelassene finden keine Nachfolger

Niedergelassene Allgemeinärzte außerhalb des Speckgürtels von München, die in den Ruhestand gehen wollen, finden nach seinen Erfahrungen oft keine Nachfolger. Denn: „Eine einzelne Praxis wie meine ist ein Auslaufmodell.“ Der Trend gehe hin zu medizinischen Versorgungszentren (MVZ) und zu Praxis-Zusammenschlüssen, also zu großen Einheiten. Der Landarzt, der Hausbesuche erledigt, jeden mit Namen kennt, sich Zeit nimmt und abends nach der Sprechstunde noch Büroarbeiten erledigt, ist Geschichte, ist Büker überzeugt.

Kein Wunder, sagt der Internist. „Wir haben ein großes strukturelles Problem.“ Mindestens ein Drittel seiner Arbeitszeit gehe mittlerweile für die Dokumentation drauf, berichtet er. Die Bürokratie sei „ein Albtraum“. Denn es gehe auch darum, die Behandlungsweise zu rechtfertigen, um nicht in Regresspflicht genommen zu werden.

Angst vor Regress ist belastend

Als Beispiel nennt Büker eine Ergotherapie-Verordnung, die er nach Meinung der Kostenträger zu Unrecht einem Kind verschrieben habe. Der Vorgang löste ein aufwendiges Regressverfahren aus, das ihm viel Zeit und Nerven kostete. Beispiel Ultraschall: Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) fordere eine lückenlose Dokumentation: von der Fragestellung bis zur Begründung des Einsatzes der Bildgebung bis zur Diagnose. Einmal habe er bei einem Ultraschall kein Bild gemacht und abgeben können: „Durchgefallen“, habe es von der KV geheißen. Er habe qualitätssichernde Maßnahmen nicht bestanden. „Überbordend“ findet Büker diese von großem Misstrauen geprägte „Regulierungswut“, der drohende Regress, der immer mitschwinge, sei sehr belastend.

Ich arbeite mit Menschen, weil ich Menschen mag. Ich habe große Freude daran, ihr Ratgeber und Partner in Gesundheitsfragen zu sein. Doch diese Freude wird mir immer öfter genommen“, bedauert er. Als Niedergelassener mit einer eigenen Praxis trage er nicht nur die Verantwortung für seine Patienten, sondern auch für sein Team. „Der Druck, wirtschaftlich zu überleben, ist extrem hoch“, sagt er. Zumal die Fallerlöse seit zehn Jahren gleichgeblieben seien. Die Lohnkosten seien jedoch um 20 bis 25 Prozent gestiegen. Richtig so, findet Büker, der die Arbeit seiner neun Mitarbeiterinnen in Voll- und Teilzeit, darunter zwei Ärztinnen und sieben Fachangestellte, sehr schätzt. „Sie sind das A und O unseres Erfolges. Die Patientenzufriedenheit hängt zu mindestens 50 Prozent von ihnen ab.“

Die Ansprüche steigen

Doch die Arbeit werde immer anspruchsvoller. „Die Menschen sind unsicherer und ängstlicher geworden, weil sie oft Dinge nicht einordnen können“, berichtet Büker. Unter anderem erhöhen die zunehmenden psychischen Erkrankungen nach seinen Erfahrungen den Beratungsaufwand. Pro Patient benötigt er oft mehr Zeit als früher.

„Auch die Ansprüche steigen, das System gibt es aber nicht her, ihnen gerecht zu werden“, bedauert er. Deutschland ist eines der Länder im internationalen Vergleich mit den meisten Arztkontakten pro Jahr: Zehn bis zwölfmal geht der Durchschnittsbürger zum Arzt. Darunter sind, so ist Büker überzeugt, auch viele, die direkt zum Facharzt wollen, ohne zwingenden Grund. Probleme seien die vielen Doppeluntersuchungen und Doppel-Diagnosen. Er ärgert sich auch über die Technikgläubigkeit bei voielen Ärzten und Patienten.

Lotsenrolle des Hausarztes stärken

Deshalb wäre es wichtig, die Lotsenrolle des Hausarztes zu stärken, findet Büker. Und die Medizin endlich konsequent zu digitalisieren. „Die E-Patienten-Akte ist überfällig“, ist er überzeugt. Auf einen Blick müsse beispielsweise ein Facharzt sehen, welche Behandlungen ein Patient bereits erfahren habe, welche Medikamente er nehme. „Doch wir faxen noch immer Befunde hin und her“, sagt er seufzend.

Ein effizienteres System, das auch dem Patientenwohl zugutekomme, sei sehr wichtig. „Denn die ärztlichen Kapazitäten und finanziellen Ressourcen sind begrenzt. Wir müssen einen sicherlich auch schmerzhaften Prozess des Umdenkens einläuten, sonst bricht unser Gesundheitssystem zusammen.“

Naturheilverfahren und Schulmedizin

Denn die Versorgung lasse sich in der jetzigen Form auf Dauer nicht aufrechterhalten. Schwierig war es immer schon, sagt Büker. Er haderte schon als junger Arzt mit seinem Beruf, der für ihn eine wahre Berufung ist, weil die Rahmenbedingungen nicht passten. Eigentlich wollte er nach dem Abitur 1985 Krankenpfleger werden. Der Zivildienst hatte ihn dazu motiviert. Doch in diesem Beruf fehlten ihm die Perspektiven, er entschloss sich zum Medizinstudium, zuerst in Bochum, später in München. Sein Antrieb: die Homöopathie. Bis heute verbindet er mit Leidenschaft und Überzeugung Naturheilverfahren mit der Schulmedizin.

Liebt seinen Beruf, kritisierte jedoch die Rahmenbedingungen: Christian Büker, der eine Hausarztpraxis in Haag in Oberbayern betreibt.

Die erste Assistenzarztstelle bekam Büker in München. Nach der Approbation im Jahr 1995 wollte er den Beruf jedoch an den Nagel hängen, zu frustrierend waren vor allem die Erfahrungen mit den hierarchischen Strukturen in einer Klinik. Doch er machte weiter: in einem Krankenhaus für Naturheilweisen in München, nach dem Umzug nach Wasserburg in der dortigen Romed-Klinik als Internist und Oberarzt. 2010 kam dann die Überlegung, sich mit eigener Praxis niederzulassen. Sie bot sich in Haag.

15 Jahre ist er hier nun schon als Hausarzt tätig. „Ich bereue nichts“, sagt er. Als Hausarzt könne er so arbeiten, wie er es möge: „Mit Augen, Ohren, Händen, das sind meine wichtigsten Instrumente für die Diagnostik.“

Noch immer der schönste Beruf der Welt

Anfangs arbeitete er über 50 Stunden in der Woche, jetzt, mit 59, leistet er sich den Luxus eines freien Tages pro Woche, auch dank einer angestellten Ärztin. „Es war und ist ein anstrengender Beruf“, sagt er. „Immer in Verantwortung, für die Patienten, das Team, den wirtschaftlichen Erfolg.“ Dass junge Mediziner dieses Modell nicht mehr wollen, sondern feste Arbeitszeiten, Teilzeitmodelle, mehr Zeit für sich und weniger Verantwortung, kann er verstehen. „Doch ich bleibe dabei: Für mich ist es der schönste Beruf der Welt. Doch ich verstehe jeden, der sich das unter diesen Rahmenbedingungen für Hausärzte nicht mehr antun will.“

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