Versorgungslage im Landkreis
Fachärztemangel trotz voller Statistik: So sieht’s wirklich im Landkreis Altötting aus
Im Landkreis Altötting ist der Versorgungsgrad hoch – aber bestimmte Praxen sind immer noch überlastet. Ein Blick hinter die Statistik und in die Zukunft.
Landkreis Altötting – Wer heute im Landkreis Altötting einen Termin bei einem Facharzt braucht, braucht nicht selten Geduld – oder gute Nerven. Zwar zeigen die Zahlen auf den ersten Blick eine scheinbar ausreichende Versorgung in vielen Bereichen. Doch der Eindruck täuscht, wenn man tiefer in die Realität eintaucht. Hinter den Prozentzahlen der offiziellen Bedarfsplanung steht ein System, das stetig an Grenzen stößt.
Kinderärzte: Mehr Sitze, aber kaum Erreichbarkeit
Ein Blick auf die kinderärztliche Versorgung verdeutlicht das Problem exemplarisch. Im gesamten Landkreis Altötting sind laut Bedarfsplanung 7,5 Sitze für Kinder- und Jugendärzte vorgesehen. Tatsächlich arbeiten 13 Ärzte in diesem Bereich – ein Versorgungsgrad von über 109 Prozent. Doch wie Dr. Jan Erik Döllein, Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbands Altötting, im Gespräch erläutert, täuschen diese Zahlen. „Der Großteil der Kinderärzte ist im Raum Altötting angesiedelt. In Burghausen gibt es nach wie vor nur einen einzigen Kinderarzt“, sagt Döllein.
Die Zahlen im Versorgungsatlas belegen dies: In Altötting gibt es 8 Kinderärzte, in Neuötting 3 und in Burgkirchen und in Burghausen jeweils einen Kinderarzt. Weitere Gemeinden müssen gänzlich ohne Kinderärzte auskommen – ein Zustand, der bereits seit Jahren besteht. Die Folge: Viele frisch gebackene Eltern müssen für Vorsorgeuntersuchungen ihrer Säuglinge regelmäßig weite Strecken fahren.
Nur vier Haut- und fünf HNO-Ärzte
Auffällig ist auch die geringe Anzahl von Hautärzten im Landkreis: So gibt es jeweils zwei in Altötting und in Burghausen – was einen Versorgungsgrad von über 140 Prozent ergibt. Angesichts der alternden Gesellschaft und dem Fakt, dass die Boomer-Generation an einem hohen Hautkrebs-Risiko leidet, passt die Bedarfsberechnung nicht zur Gesundheitslage. Auf Termine für Hautkrebs-Screenings muss man deswegen oft lange warten. Abgesehen davon führen viele Hautärzte auch Schönheitsbehandlungen durch, die zunehmend die Praxen füllen.
Auch der Versorgungsgrad mit HNO-Ärzten ist mit über 126 Prozent sehr hoch. Seit der Corona-Pandemie kam es jedoch vermehrt zu Atemwegserkrankungen, was HNO-Praxen zunehmend an den Anschlag brachte. Immer mehr Menschen leiden zudem an Allergien – was die fünf HNO-Ärzte im Landkreis Altötting zusätzlich belastet.
Versorgungslage bei Psychotherapeuten
| Facharztrichtung | Anzahl | Niederlassungsmöglichkeiten |
| Ärztl. Psychotherapeuten | 3,5 | 0 |
| Ärztl. Psychotherapeuten Kinder & Jugend | 0 | 0 |
| Psychosomatiker | 1,5 | 1 |
| Psychosomatiker Kinder & Jugend | 0 | 1 |
| Psychotherapeuten | 14 | 0 |
| Psychotherapeuten Kinder & Jugend | 4 | 0 |
Im Gegensatz zu Haut- und HNO-Ärzten scheint die Versorgung mit Psychotherapeuten und Nervenärzten geradezu verschwenderisch: Insgesamt 44 Therapeuten und 8 Nervenärzte gibt es im Landkreis. Der Versorgungsgrad liegt in beiden Fällen bei ungefähr 120 Prozent. Viele der Therapeuten sind jedoch bereits über 60 Jahre alt.
Alternde Ärzteschaft – keine Nachfolge in Sicht
Ein weiteres strukturelles Problem: der Altersdurchschnitt. Fachärzte im Landkreis Altötting sind durchschnittlich 52 Jahre alt – das bedeutet, dass viele von ihnen in den kommenden 15 Jahren in Rente gehen. Gerade bei den spezialisierten Fachärzten kann es dadurch künftig zu Versorgungslücken kommen.
Dr. Jan Erik Döllein vom Ärztlichen Kreisverband Altötting ist der Meinung, dass der politische und öffentliche Druck auf die Kassenärztliche Vereinigung steigen müsse, damit die Sitzvergabe von Fachärzten in Zukunft flexibler und bedarfsgerechter erfolgt. Einen Hoffnungsschimmer sieht er in der Idee kommunal betriebener Medizinischer Versorgungszentren (MVZ), die nicht aus Gewinninteresse, sondern im Sinne der Daseinsfürsorge betrieben werden könnten.
