Diskrepanz zwischen Statistik und Realität
Genug Fachärzte in der OVB-Region? Warum die Lage dramatischer ist, als die Zahlen glauben lassen
Offiziell gilt die OVB-Region als bestens mit Fachärzten versorgt – oft sogar „überversorgt“. Doch eine Analyse zeigt: Hinter den offiziellen Zahlen verbergen sich gravierende Probleme. Die Situation ist in vielen Landkreisen weitaus angespannter, als es scheint.
Gesamte Region – Überfüllte Wartezimmer, Aufnahmestopps und lange Wartezeiten für einen Termin sind Probleme, die viele Menschen kennen – auch in der OVB-Region. Das überrascht, da unsere Region in vielen Bereichen eigentlich als überversorgt gilt.
Als Indikator gilt der Versorgungsgrad. Ab einem Satz von über 100 Prozent wird die Region als versorgt, ab 110 Prozent sogar als überversorgt eingestuft, so die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB). Wie steht es also um die fachärztliche Gesundheitsversorgung in den Landkreisen Rosenheim, Mühldorf, Altötting, Traunstein und Berchtesgadener Land?
Landkreis Altötting
Es bleibt festzustellen: In der Theorie ist die OVB-Region bestens versorgt, in der Praxis zeichnet sich aber ein anderes Bild. Trotz eines rechnerisch hohen Versorgungsgrades kämpft der Landkreis Altötting mit einer Überlastung und regionaler Ungleichverteilung.
Besonders die kinderärztliche Versorgung zeigt deutliche Defizite, da sich die zwölf Kinderärzte auf Altötting und Neuötting konzentrieren, während Burghausen nur einen einzigen Kinderarzt hat. Auch bei Haut- und HNO-Ärzten sorgen der steigende Bedarf und eine alternde Patientenbasis für lange Wartezeiten, was die offizielle Statistik trügt.
Landkreis Mühldorf
In allen Facharzt-Richtungen im Landkreis Mühldorf ist der Versorgungsgrad von 100 Prozent zum Teil weit überschritten. Nur knapp über der geforderten Versorgung liegen im Landkreis Mühldorf Haut-, Nerven-, Augen- und Kinder- sowie Jugendärzte. Bei anderen kann sich das Verhältnis in den kommenden Jahren deutlich verändern, blickt man auf den Altersdurchschnitt der Niedergelassenen. So sind Orthopäden im Landkreis im Durchschnitt älter als 58 Jahre, nur Kinder- und Jugendärzte fallen aus dem eher hohen Altersdurchschnitt etwas heraus. Damit zeigt sich auch im Bereich Fachärzte das Problem, das viele Branchen heute haben: Die geburtenstarken Jahrgänge stehen kurz vor der Rente.
Die Zahlen verstehen: Das System hinter dem Versorgungsgrad
Die ärztliche Versorgung wird über ein starres, aber bundesweit einheitliches System gesteuert. Zentral ist der Versorgungsgrad: Ein Wert von 100 Prozent signalisiert eine bedarfsgerechte Abdeckung. Liegt er über 110 Prozent gilt die Region als überversorgt, was Neuzulassungen von Ärzten verhindert, so die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB).
Das Grundprinzip der Berechnung ist immer gleich und erfolgt in drei Schritten:
Der SOLL-Bedarf wird ermittelt: Zuerst wird laut KVB die sogenannte „Allgemeine Verhältniszahl“ herangezogen. Diese legt fest, wie viele Einwohner auf einen Arzt kommen sollen. Teilt man die Einwohnerzahl der relevanten Region durch diese Verhältniszahl, erhält man die Zahl der Ärzte, die laut Plan idealerweise vorhanden sein sollten (Soll-Wert).
Der IST-Zustand wird erfasst: Die KVB zählt die tatsächlich in der Region tätigen Ärzte nach dem Umfang ihrer Zulassung (ein voller Sitz zählt als 1,0, ein halber als 0,5 etc.). Diese Summe ist die „Zählung nach Anrechnung in der Bedarfsplanung“ und stellt den Ist-Wert dar.
Der Versorgungsgrad wird berechnet: Zum Schluss wird die tatsächliche Anzahl der Ärzte (Ist) durch die benötigte Anzahl (Soll) geteilt. Die Formel lautet: (Ist-Ärzte / Soll-Ärzte) x 100 = Versorgungsgrad in %.
Die Verteilung der Fachärzte im Landkreis ist nicht besonders gut, fast alle sind in den Städten Mühldorf und Waldkraiburg vertreten. In den anderen Orten gibt es sie nur vereinzelt. Haag hat sich als kleines Zentrum herauskristallisiert, in dem es Augenheilkunde, Orthopädie, Kinder- und Nervenarzt gibt. In Ampfing findet sich neben einer Haut- und Kinderarztpraxis auch eine Einrichtung für Psychotherapie.
Landkreis Traunstein
Offiziell ist der Landkreis Traunstein eine medizinische Luxus-Region, die eine Versorgung ohne Sorgen suggeriert. Doch eine genaue Analyse zeigt eine andere Realität: Es gibt Versorgungslücken bei Fachärzten, eine überalterte Ärzteschaft sowie eine Konzentration der Praxen in städtischen Gebieten, die die zukünftige Versorgung im ländlichen Raum gefährden könnte.
Zusätzlich lassen die Zahlen große Versorgungslücken erkennen: So gibt es für über 178.000 Einwohner nur einen niedergelassenen Nierenspezialisten und keinen Facharzt für Hormone oder Gefäßerkrankungen. Verschärft wird all dies durch eine extreme Konzentration auf die Kreisstadt Traunstein. Sie ist das unangefochtene medizinische Zentrum, in dem sich beispielsweise 18 der 27 Frauenarztpraxen und sechs der sieben HNO-Praxen befinden.
Durchschnittliches Alter der Fachärzte
Im Landkreis Mühldorf sind die Orthopäden mit durchschnittlich 58,4 Jahren am ältesten, gefolgt von den Dermatologen im Berchtesgadener Land mit durchschnittlich 57,4 Jahren. Die jüngste Gruppe sind die Hals-Nasen-Ohrenärzte im Landkreis Traunstein mit 50 Jahren, gefolgt von den Hautärzten mit 50,8 Jahren, ebenfalls aus dem Landkreis Traunstein.
Landkreis Berchtesgadener Land
Auch im Berchtesgadener Land ist die vermeintliche Versorgungssicherheit ein fragiles Konstrukt. Die drohende Ruhestandswelle ist hier besonders akut, da die Ärzteschaft zu den ältesten in der Region zählt. Besonders besorgniserregend ist die Lage bei den Hautärzten: Exakt 50 Prozent der Mediziner sind 60 Jahre oder älter.
Die statistisch gute Versorgung bei den Urologen basiert auf nur vier Ärzten insgesamt. Fällt hier auch nur eine Praxis weg, befindet sich der Landkreis vor einer beginnenden Unterversorgung. Einziger Lichtblick in diesem Szenario ist die Kinder- und Jugendmedizin. Hier ist nicht nur die Altersstruktur mit nur 15 Prozent an über 60-Jährigen entspannt, auch die dezentrale Verteilung der Praxen auf die Hauptorte des Landkreises sorgt für eine stabile und erreichbare Versorgung.
Landkreis Rosenheim
Ein deutlich besseres Bild zeichnet sich für den Landkreis Rosenheim: Wer auf der Suche nach einer geeigneten Arztpraxis ist, der wird – trotz manchmal langer Wartezeiten – in allen Fachbereichen schnell fündig. Der Grund: Gemessen an der Einwohnerzahl gibt es rund um Rosenheim laut KVB genügend niedergelassene Ärzte. So gibt es zum Beispiel 171 Psychotherapeuten, 69 Chirurgen und Orthopäden, 31 Nervenärzte, 53 Internisten oder 39 Kinder- und Jugendärzte.
Die Gynäkologie ist weiblich, die Urologie männlich
Die meisten Ärztinnen sind übrigens in der Gynäkologie anzutreffen. Im Landkreis Rosenheim praktizieren insgesamt 45 Gynäkologen, davon sind 35 weiblich. Ein ähnliches Bild zeichnet sich im Landkreis Traunstein: Von den 27 Frauenärzten sind 22 weiblich. Nur im Berchtesgadener Land gibt es mehr Männer in diesem Bereich, nämlich elf Frauenärzte und zehn Frauenärztinnen.
In der Urologie ist es genau umgekehrt: Im Landkreis Traunstein sind alle sieben Fachärzte, die dort beschäftigt sind, männlich. Im Landkreis Rosenheim gibt es drei Urologinnen und 13 Urologen.
Der Versorgungsgrad ist deutlich besser als die angestrebten 100 Prozent, teilweise sogar um fast das Doppelte. Und obwohl es zum Beispiel weniger Hautärzte (16), Urologen (16) oder HNO-Ärzte (17) als Mediziner anderer Fachrichtungen gibt, erachtet die KVB diese Anzahl immer noch als mehr als ausreichend.
Die meisten der niedergelassenen Ärzte haben ihre Praxis in der Stadt Rosenheim. Zum Beispiel befinden sich 21 der 31 Augenärzte in Rosenheim. Auch die Hälfte aller Hautärzte der Region sind in der Stadt zu finden. Die Folge: Wer auf dem Land lebt, muss für einen Termin beim Spezialisten auch schon mal etwas weiter fahren.
Die offiziellen Zahlen laut Versorgungsatlas der KVB zeichnen ein verzerrtes Bild. Obwohl die meisten Landkreise rechnerisch als überversorgt gelten, steht das System vor großen Problemen. Die Hauptschwachstellen sind die starke Überalterung der Ärzteschaft, eine Konzentration der Praxen in städtischen Gebieten sowie Versorgungslücken bei wichtigen Spezialisten. Diese „demografische Zeitbombe“ und die ungleiche Verteilung machen die ärztliche Versorgung fragil. Besonders auf dem Land deuten sich große Herausforderungen an – und das heute schon.
Erzählen Sie uns Ihre Erfahrungen und Geschichten
Was sind Ihre Erfahrung rund um das Thema Gesundheit? Was wollten Sie beim Thema ambulante Versorgung schon immer mal ansprechen? Was liegt Ihnen dazu auf dem Herzen? Wo gibt es Probleme? Wo gibt es einfach zu wenig Ärzte oder Termine? Oder haben Sie auch schon positive Momente rund um das Thema erlebt? Erzählen Sie uns Ihre Erfahrungen und Geschichten und melden Sie sich unter der E-Mail-Adresse recherche@ovb.net.


