Garser Franziskanerinnen suchen Betroffene
Misshandlung im ehemaligen Kinderheim Ramsau – Orden will wissen: Gibt es noch mehr Fälle?
Der Franziskaner-Orden in Au bei Gars am Inn will Fälle von sexualisierter Gewalt und Misshandlung im früheren Kinderheim St. Josef in Ramsau bei Reichertsheim aufarbeiten. Der Orden ist auf der Suche nach Betroffenen und Zeitzeugen. Was bisher bekannt ist.
Reichertsheim/Gars – Die Ordensgemeinschaft der Franziskanerinnen in Au am Inn will Fälle von sexualisierter Gewalt und Misshandlung aufarbeiten, die im ehemaligen Kinderheim St. Josef in Ramsau im Zeitraum von 1965 bis 1975 geschehen seien. Das hat der Orden in einer Presseerklärung mitgeteilt.
2010 wurden im Zusammenhang mit dem sogenannten Missbrauchsskandal erstmals die Stimmen Betroffener der katholischen Kirche in der Öffentlichkeit wahrgenommen, wie die Unabhängige Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs auf ihrer Webseite mitteilt. Seither finden laut der Kommission Betroffene immer mehr Gehör.
Aufarbeitung vorantreiben
Das hat sich nun auch die Ordensgemeinschaft der Franziskanerinnen in Au zum Ziel gesetzt. Der Orden will die Aufarbeitung dieser Fälle vorantreiben, wie Franz Linner, Geschäftsführer der Kongregation der Franziskanerinnen Au am Inn, auf Anfrage mitteilt. „Für Betroffene ist es sehr wichtig, dass derartige Vorkommnisse wissenschaftlich aufgearbeitet werden. Nur so kann man ein derartiges Thema abschließen, sofern das überhaupt möglich ist“, erklärt er.
Aufarbeitungsstudie zum ehemaligen Kinderheim St. Josef in Ramsau
„Die Ordensgemeinschaft der Franziskanerinnen von Au am Inn hat das unabhängige Forschungsinstitut Dissens mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung sexualisierter Gewalt und Misshandlung von Kindern im ehemaligen Kinderheim St. Josef in Ramsau bei Haag beauftragt“, teilen die Franziskanerinnen in einer Presseerklärung mit.
Das Institut suche Betroffene und Zeitzeugen, die in Einzelinterviews Auskunft über die Geschehnisse im Kinderheim St. Josef in Ramsau im Zeitraum von 1965 bis 1975 geben möchten. Das Forschungsprojekt unterliege den Regelungen des wissenschaftlichen Datenschutzes. Die Interviews fänden in einem geschützten Rahmen statt und würden selbstverständlich anonymisiert.
Interessierte können sich direkt bei dem Forschungsteam unter aufarbeitung-kinderheim-ramsau@dissens.de oder unter 01556 – 34 68 292 (Dr. Johanna Hess) oder 030 – 54 98 75 40 (Bernard Könnecke) melden.
Linner hofft, dass sich neben den Betroffenen auch Zeitzeugen melden. „Je größer die Zahl der Personen ist, die an der Studie teilnehmen, desto besser kann ein Bild der Situation damals im Heim skizziert werden“, so der Geschäftsführer.
Anzahl der Betroffenen im einstelligen Bereich
Dem Orden seien alle Fälle bekannt, die über die Unabhängige Kommission für Anerkennungsleistungen bearbeitet worden seien. „Die Betroffenen haben sich entweder beim Orden oder einer der unabhängigen Ansprechpersonen für die Prüfung von Verdachtsfällen bei der Erzdiözese München und Freising gemeldet“, sagt Linner. Die Zahl der Betroffenen liege im einstelligen Bereich.
Alle Betroffenen, die sich bislang an den Orden wandten, haben laut dem Geschäftsführer eine Entschädigung erhalten. Sollten sich weitere, bisher noch nicht bekannte Betroffene melden, würde man diese an die Erzdiözese München und Freising beziehungsweise an den Orden verweisen, so Linner.
Das Internat und Kinderheim St. Josef bestand laut dem Geschäftsführer von circa 1900 bis 1990. Wie viele Kinder betreut wurden, könne er nicht sagen. Es waren dort Kinder untergebracht, die entweder von ihren Eltern oder vom Jugendamt in das Heim beziehungsweise ins Internat geschickt wurden.
Seit 1996 ist die Stiftung Ecksberg neuer Mieter des Ramsauer Klosters. Dort bietet eine Wohngemeinschaft für erwachsene Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung ein Zuhause.
Seit vielen Jahren gibt es immer wieder Kritik an der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche. Viele Betroffene beklagen sich über den schleppenden Prozess, darunter auch die beiden Geschwister Renate und Manfred aus Waldkraiburg. Sie haben sich 2012 bei der katholischen Kirche gemeldet. In einem Interview vom Februar 2022 berichteten die beiden, dass sie im Kinderheim St. Josef in Ramsau misshandelt worden sein sollen. Von Prügelstrafen, Demütigung und sexuellem Missbrauch einzelner Klosterschwestern war die Rede.
2022 erklärte die Generaloberin Schwester Dominica Eisenberger, dass eine unabhängige Aufarbeitung in Auftrag gegeben werde. „Die Fälle im Kinderheim sind Teil der Geschichte des Klosters, mit der wir uns auseinandersetzen“, erklärt Schwester Dominica. „Im Kloster werden diese Anschuldigungen sehr ernst genommen, und uns Schwestern tut es aufrichtig leid für jedes Kind, dem in der Einrichtung in Ramsau damals Unrecht geschehen ist“, wird die Generaloberin in dem Artikel vom Februar 2022 zitiert.
Nach über drei Jahren ist es nun so weit: Die Ordensgemeinschaft der Franziskanerinnen will sich um Aufklärung bemühen und hat die Aufarbeitungsstudie in Auftrag gegeben. Dafür wurde eine Ausschreibung getätigt, bei der sich der Orden für das Forschungsinstitut „Dissens“ entschieden hat. Die Aufarbeitungsstudie soll im Anschluss für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Ansprechpersonen für Verdachtsfälle von sexuellem Missbrauch der Erzdiözese München und Freising
Die unabhängigen Ansprechpersonen für Verdachtsfälle von sexuellem Missbrauch der Erzdiözese München und Freising können auch über Unterstützungsmöglichkeiten informieren und die entsprechenden Angebote der Erzdiözese für Betroffene vermitteln. Auch nicht unmittelbar Betroffene, die über Hinweise auf Missbrauch verfügen, mögen sich bitte an die Ansprechpersonen wenden. Auf Wunsch werden alle Hinweise vertraulich behandelt.
Die Kontaktdaten der unabhängigen Ansprechpersonen für Verdachtsfälle von sexuellem Missbrauch der Erzdiözese München und Freising lauten:
Diplompsychologin Kirstin Dawin, St.-Emmeram-Weg 39, 85774 Unterföhring, Telefon: 089 / 20 04 17 63, E-Mail: KDawin@missbrauchsbeauftragte-muc.de
Dipl.-Soz.päd. Ulrike Leimig, Postfach 42, 82441 Ohlstadt, Telefon: 0 88 41 / 6 76 99 19, Mobil: 01 60 / 8 57 41 06, E-Mail: ULeimig@missbrauchsbeauftragte-muc.de
Dr. jur. Martin Miebach, Tengstraße 27, 80798 München, Telefon: 0174 / 300 26 47, Fax: 089 / 95 45 37 13-1, E-Mail: MMiebach@missbrauchsbeauftragte-muc.de

