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Als zehnjähriger Bub beim Kriegsende in Tittmoning

Der Hitler-Zug und amerikanische Panzer: Törringer (88) mit Gänsehaut-Erinnerungen an das Kriegsende

Theodor Schuster ist 1935 in Wiesmühl bei Tittmoning auf die Welt gekommen. Er erlebte als Dritt- und Viertklässler das Kriegsende in seinem Heimatort und in der Gemeinde Törring, die heute zur Stadt Tittmoning gehört.
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Theodor Schuster ist 1935 in Wiesmühl bei Tittmoning auf die Welt gekommen. Er erlebte als Dritt- und Viertklässler das Kriegsende in seinem Heimatort und in der Gemeinde Törring, die heute zur Stadt Tittmoning gehört.

Als Kind den „Führer“ am Bahnhof winken sehen, eine grün gestrichene Kirche als Tarnung erleben und Flüchtlingskinder, die angeblich eine „schwarze Seele“ haben – Theodor Schuster teilt seine eindrücklichen und teils skurrilen Erinnerungen an das Kriegsende 1945 in Törring und Wiesmühl. Ein packendes Zeitzeugnis, das überrascht und berührt.

Tittmoning – Theodor Schuster wurde 1935 in Wiesmühl geboren. Er erlebte als Dritt- und Viertklässler das Kriegsende in seinem Heimatort Wiesmühl in der Gemeinde Törring, die heute zur Stadt Tittmoning gehört. Wie sein Vater wurde Theodor später Postbote. Er lebt seit Jahrzehnten in Trostberg, war hier lange Jahre Postzusteller und kennt daher die Stadt wie seine Westentasche. Knapp 80 Jahre nach Kriegsende berichtete er in einem Gespräch mit chiemgau24.de, wie er damals das Ende des Zweiten Weltkriegs in Wiesmühl erlebt hat.

Das Erste, was er loswerden will, sind die Erlebnisse aus der Zeit, als die ersten Flüchtlinge in die Gemeinde kamen. Das sei 1943/44 gewesen, und es kamen überwiegend Familien aus Ostpreußen, die hier nach Flucht und Vertreibung einquartiert wurden. Als in der Törringer Schule der Religionsunterricht begann, da habe Pfarrer Lenz die Flüchtlingskinder hinausgeschickt, denn sie hätten eine „schwarze Seele“. Eine Erklärung blieb er schuldig, weshalb der kleine Theodor seine Mutter daheim fragte, was denn eine „schwarze Seele“ sei. Eine befriedigende Antwort bekam er nicht, nur, dass die Flüchtlingskinder evangelisch seien und das ein anderer Glaube sei.

Viel gelernt habe man damals in der Schule nicht. „Auf dem Stundenplan standen mehr Kriegsgottesdienste und Heilkräutersammeln als Rechnen, Lesen und Schreiben lernen.“ Schuster: „Wir waren ein armseliges Volk.“ Umso mehr Respekt hatte er vor den Flüchtlingen und Heimatvertriebenen, die er schon früh als Bereicherung für seine Heimat empfand. Auch heute noch spricht er mit größter Hochachtung vom Fleiß und von der Tatkraft jener Menschen, die damals im Chiemgau und im Rupertiwinkel eine neue Heimat gefunden haben.

Der „Hitlerzug“ war die größte Attraktion

Größte Attraktion in seinem kleinen Heimatort war die Bahnstation, von der die Lokalbahn ins sechs Kilometer entfernte Tittmoning abzweigte. Sie wurde 1978 stillgelegt. Auf der Hauptstrecke konnte man von Triest über Salzburg, Landshut, Regensburg und Hof direkt in die Reichshauptstadt Berlin fahren. Zu jener Zeit waren auch die braunen Machthaber oft mit dem Zug zwischen Berlin und Freilassing mit Ziel Obersalzberg unterwegs. „Für uns Kinder war das immer eine große Attraktion, wenn so ein Zug durchfuhr. Hinten und vorne waren Flak-Kanonen, und wir schauten immer, ob wir im vorbeifahrenden Zug den Führer sehen konnten.“

„Für uns Kinder war es immer eine große Attraktion, wenn so ein Zug durchfuhr“, erzählt Theodor Schuster über die Zeit, als er in Wiesmühl wohnte und die Bahnstrecke immer genau im Blick hatte. Hinten und vorne waren Flak-Kanonen „und wir schauten immer, ob wir im vorbeifahrenden Zug den Führer sehen konnten.“

Auf dem Weg Richtung Freilassing sahen sie ihn nie, aber wenn er zurück nach Berlin fuhr, blieb die Zuggarnitur immer in Wiesmühl stehen. Es musste nämlich eine zusätzliche Schublok angedockt werden, weil die reguläre Lok die Bergaufstrecke von Wiesmühl nach Kirchweidach möglicherweise nicht geschafft hätte. Außerdem wurden die Dampfkessel hier noch einmal mit Wasser gefüllt, damit dem Führerzug ja nicht der Dampf ausginge. Die Schublok kam immer aus Freilassing, und man wartete dann oft mehrere Stunden, ehe der Zug mit Hitler, Göring oder sonst irgendwelchen Nazigrößen einfuhr. Den Führer zu sehen, sei für ihn und seine zwei, drei Spezln das Größte gewesen, erzählt Theodor. Die Buben standen am Bahngleis und skandierten aus voller Kehle „Heil Hitler“ – und tatsächlich, zweimal habe der Führer zum Fenster hinausgeschaut und sie mit dem ausgestreckten rechten Arm gegrüßt. Davon haben die Buben am nächsten Tag in der Schule in Törring erzählt und wurden deswegen allgemein bewundert.

Von Kriegshandlungen habe man in Wiesmühl zunächst nicht viel mitbekommen. Eines Vormittags hätten die Amerikaner allerdings Bomben auf Törring abgeworfen. „Die haben das Schulhaus nur knapp verfehlt“, erzählt Schuster. Zu der Zeit sei sein um drei Jahre älterer Bruder in der Schule gewesen. Damals war es nämlich so, dass die älteren Jahrgänge vormittags Unterricht hatten und die jüngeren Kinder nachmittags zur Schule gingen. Der Angriff ging glimpflich ab. Theodor glaubt sich zu erinnern, dass danach Schule und Kirche grün gestrichen wurden – zur Tarnung. Weitere Quellen, die diese Aussage belegen, gibt es allerdings nicht. Wenige Tage vor Fertigstellung dieses Artikels meldete sich Theodor Schuster noch einmal telefonisch beim Autor des Beitrags und konkretisierte seine Aussage bezüglich der grün gestrichenen Schulhausfassade. Es seien Männer vom Volkssturm gewesen, also die Alten im Dorf, die dem Gebäude den neuen Tarnanstrich verpasst hätten.

Amerikanische Tiefflieger verschonten Zivilisten

Was ihm sonst noch einfällt zum Kriegsende: „Es wurde schlimm. Im Gunzenberger Hölzl haben die Amis aus einem Tiefflieger einen Zug kaputt geschossen.“ Das geschah aber offenbar erst, nachdem alle Fahrgäste ausgestiegen und in den Wald gelaufen waren. Ein ähnlich „rücksichtsvolles“ Verhalten der Amerikaner hat in einem Gespräch über das Kriegsende im Chiemgau auch Vinzenz Dufter aus Siegsdorf geschildert. Er gab zu Protokoll: „Des Weiteren kann ich mich erinnern, dass eines Sonntagvormittags unsere Lokalbahn bei Tieffliegergefahr die Lokomotive unter der Autobahnbrücke platzierte und die Flieger im Tiefflug so lange darüber kreisten, bis der letzte Passagier in die Traunauen geflüchtet war, um dann erst die Lokomotive von Traundorf her zu beschießen.“ Ähnliches wird aus Ruhpolding berichtet. Dort hatten sie mit dem Beschuss der Lok des wartenden Zuges so lange gewartet, bis niemand mehr am Bahnsteig war.

Zurück zu Theodor Schuster und seinen Kindheitserinnerungen in Törring. Er kann sich noch an einen Angriff amerikanischer Tiefflieger auf den Bahnhof Wiesmühl erinnern. „Die haben auf den Eisensteg, der übers Bahngleis führt, und aufs Stellwerk geschossen. Leute waren keine auf dem Steg, und kaputt gekriegt haben sie ihn auch nicht. Am nächsten Tag haben wir die Patronenhülsen eingesammelt; es war ein ganzes Sackerl voll.“

Völlig unspektakulär sei der Einmarsch der Amerikaner erfolgt: „Die kamen von Münichham her und fuhren bald weiter.“ Das Interessanteste daran sei gewesen, dass man erstmals schwarze Soldaten gesehen habe. „Da sind wir erst mal davongelaufen, weil wir uns gefürchtet haben.“ Das habe sich aber rasch geändert, als sie die kleinen Törringer mit Kaugummis beschenkt hätten. Wenn Theodor Schuster heute mit seinem Auto von Trostberg aus einen kleinen Ausflug in den Ort seiner Kindheit macht, dann setzt er sich aufs Bankerl bei der Linde, die hier schon in seiner Kindheit stand. Er denkt an die Zeit zurück, die man zumindest in Wiesmühl gar nicht so schlimm empfunden hat, wie das in den meisten Städten der Fall war. Denn auch in Törring ging’s nach der Kapitulation ganz schnell wieder aufwärts, und jeder versuchte, die Kriegszeit schnell hinter sich zu lassen.

Was der Pfarrer über das Kriegsende berichtete

Aus der Kuratie Törring schrieb Pfarrkurat Leonhard Lenz am 17. Juli 1945 an das Ordinariat in München und berichtete über das Kriegsende. Seine Schilderung ist von Gottvertrauen getragen und von der Sorge um das Seelenheil seiner Schäfchen, das er besonders durch die vielen Flüchtlinge und Heimatvertriebenen gefährdet sah, die in den letzten Monaten vor der Kapitulation in seiner kleinen Kuratie gestrandet waren. Sein Bericht in Auszügen: „Der 2. Weltkrieg 1939-1945 ist für die katholische Pfarrkuratie Törring, dank der Gnade Gottes, verhältnismäßig gut abgelaufen. Während noch in den letzten Tagen des Krieges benachbarte, größere Orte wie Freilassing, Traunstein und Mühldorf schweren Bombenangriffen ausgesetzt waren, wurde in der ganzen Gemeinde kein Haus zerstört. Ein Bombenabwurf am 9. Juni 1944 in unmittelbarer Nähe des Dorfes verlief ohne nennenswerten Schaden für Personen und Wohnungen. Dagegen kam bei dem Fliegerangriff auf Freilassing ein Mädchen aus der Gemeinde ums Leben. Wegen des überwiegend bäuerlichen Charakters der Pfarrkuratie war auch eine Knappheit an Lebensmitteln kaum zu spüren.

„Flüchtlingskinder haben eine schwarze Seele“ – mit diesem Argument verweigerte ihnen Pfarrer Leonhard Lenz die Teilnahme am Religionsunterricht in Törring. Lenz wurde 1907 in München geboren, und 1931 zum Priester geweiht. 1941 kam er als Pfarrkurat nach Törring, wurde dort 1946 Pfarrer und blieb bis 1955. Gestorben ist Lenz am 1. Juni 2000.

Rund 150 der 900 Gemeindebürger im Kriegsdienst

Die meisten Sorgen bereitete den Pfarrangehörigen das jahrelange Fernsein von Vätern, Gatten und Söhnen und die zahlreichen Verluste durch Tod oder Gefangennahme. Bei einer Gesamtseelenzahl von ca. 900 standen etwa 150 Mann aus der Gemeinde im Feld; in manchen Familien sämtliche Söhne (bis zu 5). In anderen Familien musste die Frau allein die schwere Arbeit in Haus und Feld leisten. Die ausländischen Arbeitskräfte konnten die fehlenden, eigenen Leute nicht überall ersetzen. Die Verlustliste des Krieges kann noch nicht vollständig erstellt werden. Bisher wurden ca. 40 Gefallenengottesdienste gehalten und an die 20 Vermisste gemeldet. Um die Heimkehr der noch abwesenden Soldaten drehen sich viele Gedanken und Sorgen.

Evakuierte waren für den Seelsorger ein Problem

Ein Problem für sich bildeten und bilden noch die Evakuierten. Es sind im Lauf der letzten 2 Jahre ca. 150 Frauen und Kinder zugezogen, zunächst aus dem Nordwesten des Reiches (Münster, Gelsenkirchen), dann aus München und zuletzt aus Wien. Obwohl zum größeren Teil katholisch, haben sie sich am religiösen Leben der Pfarrgemeinde wenig beteiligt. Ein Teil, besonders die Kinder, hat sich durch das gute Beispiel der ansässigen Bevölkerung etwas aneifern lassen, andere haben durch ihr religiös kaltes und sittlich anstößiges Leben Ärgernis gegeben.

Im Allgemeinen scheinen die Kriegsereignisse ohne tiefergehende Wirkung auf das religiöse Leben der Pfarrangehörigen geblieben zu sein. Einzelne wurden durch persönliche, schmerzliche Erfahrungen zu einem innigeren Anschluss an Gott gebracht, die Mehrzahl hat sich kaum verändert, besonders die älteren Jahrgänge; bei den jüngeren Jahrgängen scheint die zersetzende und demoralisierende Wirkung des Krieges nicht spurlos vorübergegangen zu sein. Auch die weibliche Jugend, die sich während des Krieges (mangels Gelegenheit) gut gehalten hat, hat es bei der nun schon Monate dauernden Einquartierung (deutscher) Soldaten an Charakter fehlen lassen. Der Unterzeichnete hat den Eindruck, dass die Nachkriegszeit der Seelsorge speziell auf dem Land mehr Probleme stellen wird als der Krieg selber.

Über die Ereignisse gelegentlich des Einmarsches der Amerikaner ist nicht viel zu berichten: Die ersten Amerikaner zeigten sich in Törring am Abend des 4. Mai 1945. Am Nachmittag bereits war auf Anordnung des Pfarrkuraten die weiße Fahne am Kirchturm aufgezogen worden. Die am Ort befindlichen deutschen Truppen übergaben sich kampflos. Am 5. Mai bekamen die Ortschaften Törring, Weilham und Wiesmühl eine starke amerikanische Besatzung. Dieselbe dauerte in Törring 3 Tage, in Weilham eine knappe Woche, in Wiesmühl-Bahnhof 2 Monate.“

Weiter berichtete der Geistliche, dass es in einigen Fällen zu Plünderungen kam, deren Anstifter und Nutznießer meist Polen und sonstige Ausländer waren. Im Allgemeinen gesehen sei auch der Einmarsch der Amerikaner und die erste Zeit der Besatzung ohne besondere Nachteile für die Pfarrkuratie abgelaufen. (obk)

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