Zivilklage gegen Erzbistum und Priester
Atheisten und Gläubige mit gemeinsamer Demo in Traunstein: „Der Kläger ist nicht allein“
Es war eine kleine, bunt gemischte Gruppe an Demonstranten, die sich nahe dem Traunsteiner Landgericht postierte - direkt davor durften sie nicht. Auch wenn unterschiedliche Töne angeschlagen wurden, war man sich einig: der Kläger im Missbrauchsprozess gehört unterstützt.
Traunstein - Sie waren aus Wolfratshausen, Eichstätt oder München angereist - oder stammen selbst aus Traunstein: Ein kleines Grüppchen Demonstranten postierte sich am Dienstagmittag (20. Juni) an die Ludwigstraße nahe dem Landgericht. „Wir sind zur moralischen Unterstützung des Klägers hier. Er ist nicht allein“, fasste es Assunta Tammelleo gegenüber chiemgau24.de zusammen. Die Wolfratshauserin ist Vorstand des „Bund für Geistesfreiheit“ - und Atheistin. Neben ihr: Stephan Hadulla, Kirchenmusiker der Traunsteiner Stadtkirche. Auch er erhofft sich weitere Aufklärung durch den Missbrauchsprozess am Landgericht.
Kundgebung zum Missbrauchsprozess am Landgericht Traunstein
Obwohl sich ihre Geisteshaltungen teils völlig unterscheiden, stand man Seite an Seite. Solidarisch mit Andreas Perr, der die Klage 100 Meter weiter am Landgericht anführt. Er sei in Garching an der Alz vom damaligen Pfarrer vor knapp 30 Jahren sexuell missbraucht worden. Von ihm und dem Erzbistum München und Freising fordert Perr deshalb 300.000 Euro Schmerzensgeld. Auch gegen den verstorbenen Ex-Papst Benedikt klagt er und fordert weitere 50.000 Euro Schmerzensgeld. Doch die Verfahren wurden getrennt, weil erst noch geklärt werden muss, wer Rechtsnachfolger von Joseph Ratzinger ist.
Für Andreas Perr (39), damals in Garching Ministrant, sei der sexuelle Missbrauch ausschlaggebend gewesen. Ausschlaggebend, von daheim abzuhauen; ausschlaggebend, um später ins Drogenmilieu abzurutschen. Assunta Tammelleo unterstützt ihn in Traunstein nicht nur moralisch, sie hat mit dem „Bund für Geistesfreiheit“ auch schon 2000 Euro in den Prozesskostenhilfefonds des Klägers eingezahlt. Sie hofft jetzt auf den Rechtsstaat und „weltliche Richter“, wie Tammelleo sagt. Und es sei auch ein Lehrstück für Eltern, ihren Kindern beim Missbrauchsverdacht Glauben zu schenken.
„Buon giudizio statt santo subito“, steht auf dem Schild das Kirchenmusiker Hadulla in Händen hält - „gerechtes Urteil statt Heiligsprechung“. Eine Botschaft an Georg Gänswein sei das, so Hadulla - denn der ehemalige Privatsektretär von Papst Benedikt brachte bereits dessen Heiligsprechung ins Spiel. Ein „vollkommener Irrsinn“ wäre das, so Hadulla: „Die Priester und der Schutz der Kirche waren Benedikt wichtiger, als dass die Institution sauber bleibt.“ Der Traunsteiner erhofft sich vom Prozess mehr Aufklärung der Missbrauchsfälle.
Auch Wolfgang Rothe hat sich in die Kundgebung gemischt. Der Münchner Priester - im Gewand deutlich zu erkennen - sieht das als seine Aufgabe: „Ein Betroffener kämpft heute um seine Rechte. Ihm will ich beistehen“, so Rothe. Er postiert sich aber lieber hinter dem Schild „Genug geredet. Taten jetzt“ der kirchlichen Reformbewegung „Maria 2.0“, als hinter jenen, die Wolfgang Sellinger aus Eichstätt mitgebracht hat. Vom „pädophilen Priesterschwein“ oder vom Lügenratz(-inger) liest man dort. Mit seiner Galerie der Kirchenkritik will Sellinger pointiert provozieren.
Was das Häuflein Demonstranten aber außerdem teilt ist sicherlich auch ein wenig Enttäuschung. Eigentlich hätte man mit mehr Teilnehmern gerechnet - angemeldet war die Kundgebung für rund 20 Teilnehmer...
xe

