Trinkwasserschutzgebiet in der Nähe
Fäkalien-Umweltskandal an der Rachlalm bei Grassau? Warum der Besitzer nicht mehr schlafen kann
In einem anonymen Schreiben werden schwere Vorwürfe gegen den Besitzer der beliebten Rachlalm oberhalb von Grassau erhoben. Hat der Biobauer wirklich Fäkalien in einen nahen Bach geleitet, der in ein Trinkwasserschutzgebiet führt? Informationen aus einem Gespräch mit Betreiber Jakob Sichler, Einschätzungen vom Landratsamt und der Staatsanwaltschaft Traunstein.
Grassau - Unterschrieben ist die anonyme Mail über einen „Vorfall im Bereich Umweltverschmutzung“ von „besorgten Bürgern aus dem Chiemgau“. Namen gibt es zum „Schutz der Informanten aus dem Wasserwirtschaftsamt und Landratsamt Traunstein“ keine. Dafür harte Vorwürfe gegen den Besitzer der Rachlalm, einem bei Touristen wie Einheimischen beliebten Ausflugsziel in den Bergen oberhalb von Grassau mit einer etwa 900-jährigen Geschichte.
„Vorsätzlich Abwasser und Fäkalien in Bach geleitet“?
Demnach soll der verantwortliche Landwirt „vorsätzlich das Abwasser und die Fäkalien in einen Bach umgeleitet haben, da es auf dieser Alm keinen Kanalanschluss gibt.“ Der Mann habe sich „das Geld für den wöchentlichen Abtransport“ der in einem Abwasserbehälter gelagerten Gülle aus den Bergen ins Tal sparen wollen. Aber damit nicht genug: „Der Bach, in den das Abwasser geleitet wird, endet in einem Wasserschutzgebiet mit Trinkwasserbehälter.“ Und der Verursacher sei bei der Molkerei Berchtesgadener Land und im Bioverband Naturland in wichtigen ehrenamtlichen Funktionen aktiv.
Tatsächlich ist Jakob Sichler ein überzeugter Biobauer, dessen Großrachlhof in einem Ortsteil von Grassau sogar der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft ein Porträt wert ist. Beim Ortsbesuch in dem idyllisch gelegenen landwirtschaftlichen Betrieb mit Ferienwohnungen fällt sofort ein riesiges Biomilch-Plakat ins Auge. Auch die Holz-Fassade des Hofladens mit frischen Bio-Eiern und vielen weiteren regionalen Öko-Produkten ist mit Slogans wie „Öko trägt die besten Früchte“ regelrecht zugepflastert. Und hier soll der Verursacher eines Umweltskandals wohnen?
Sichler redet Klartext
Mit den anonymen Vorwürfen vom OVB konfrontiert, redet Jakob Sichler in einem genau 40 Minuten und 22 Sekunden langen Telefonat zunächst Klartext. Entscheidet sich dann aber mit zwei Tagen Abstand, dass keine Zitate aus dem Gespräch erscheinen dürfen. Die von ihm weitergegebenen Informationen werden deshalb nicht als wörtliche Rede wiedergegeben. Sichler berichtet, dass er mit der Situation unglücklich sei und nicht mehr ruhig schlafen kann. Auch deshalb, weil er als Biobauer höchsten Oko-Standards verpflichtet ist. Dass offenbar seine Abwasser-Grube undicht war, habe er nicht riechen können. Ein ziemlich unglücklicher Vergleich: Besuchern fiel genau das auf, sie meldeten Fäkalgestank aus dem Bach nahe der Rachlalm.
„Nach einem Bürgerhinweis führte das Landratsamt im September 2025 eine Kontrolle vor Ort durch. Dabei wurde festgestellt, dass der Torgraben, der unmittelbar an der Rachlalm vorbeifließt, mit Abwässern belastet ist, die eindeutig auf eine über längere Zeit erfolgte Einleitung häuslicher Abwässer schließen lassen“, erklärt Landratsamts-Pressesprecher Michael Reithmeier auf OVB-Anfrage. „Aus diesem Grund wurde angeordnet, die Sammelgrube unverzüglich zu leeren und sie so engmaschig zu überwachen, dass ein erneutes Überlaufen künftig zuverlässig verhindert wird.“
Das sagt die Staatsanwaltschaft
Aber wie konnte es überhaupt dazu kommen? Jakob Sichler erzählt von einem zehntägigen Familienurlaub Anfang September, vor dem er die Leerung der Grube an seine Mitarbeiter in Auftrag gegeben habe. Die Leerung verzögerte sich offenbar, mit fatalen Folgen. Die Polizei rückte zur Vernehmung an, die Staatsanwaltschaft ist informiert. „Bei der Polizeiinspektion Traunstein ist der Fall bekannt und wird bereits bearbeitet. Der Vorgang wurde aber noch nicht an uns übersandt“, informiert die Staatsanwaltschaft Traunstein auf OVB-Anfrage.
Jakob Sichler weist alle Vorwürfe zurück, dass er den Abfluss der Fäkalien bewusst in Kauf genommen habe. Regelmäßig seien die Abwässer etwa einmal im Monat aus der Sammelgrube abgepumpt und mit Fahrzeugen ins Tal gebracht worden. Steht noch der Vorwurf der anonymen Schreiber im Raum, es gäbe aus der Sammelgrube an der Rachlalm ein direktes Rohr zum Abfluss in den Bach. Gegen diese Version spricht der Fakt, dass die Grube bei der Kontrolle des Landratsamtes kurz vor dem Überlaufen war.
Rachlalm: Die Geschichte der Abwasser-Grube
Die Sammelgrube ist laut Sichlers Version von seinem Vater vor Jahrzehnten errichtet worden. Noch in den 90er-Jahren war es vielerorts noch gängige Praxis, dass überschüssiges Abwasser einfach in die Natur abgeleitet wurde. Das hat sich seit 2002 auch an der Rachlalm geändert, seitdem müssen die fäkalienhaltigen Substanzen ins Tal gefahren werden. Der zu diesem Zeitpunkt noch vorhandene Ablauf im Wasser soll mit einer Muffe und einem Deckel versiegelt worden sein. Trotzdem hält es auch der Besitzer nicht für ausgeschlossen, dass sich Abwässer über die möglicherweise nicht mehr komplett dichte Grube auch unterirdisch über Drainagen einen Weg in den Bach gebahnt haben könnten.
Neue Mistlagerstätte, neue Abwasser-Grube
Aber den Vorwurf des Vorsatzes und etwas vertuschen zu wollen, weist Sichler im Gespräch zurück. Im Moment liegt Schnee auf der Rachlalm, aber nach Informationen des Besitzers haben schon zuvor die Arbeiten an einer neuen Mistlagerstätte für das Weidevieh begonnen. Es ist offenbar auch nicht ausgeschlossen, dass auch die alte Kot-Sammelstätte auf der Alm zum Fäkalien-Problem beigetragen haben könnte. Zudem laufen die Vorbereitungen für die Beseitigung der undichten Abwassergrube an der Rachlalm. Der Landwirt plant, möglichst im März 2026 eine moderne, monolithische Grube einbauen zu lassen. Es soll so ausgeschlossen werden, dass noch einmal Fäkalien in den nahegelegenen Bach gelangen können.
Wie Fäkalien und Abwasser dann künftig abgeleitet werden, steht allerdings noch nicht hundertprozentig fest. Eine Möglichkeit wäre der Anschluss an den Abwasserkanal, der von der Hochplatte ins Tal führt. „Ziel ist es, die witterungsbedingte Schließzeit von Anfang November 2025 bis voraussichtlich Anfang Mai 2026 dafür zu nutzen, eine dauerhaft funktionierende und zukunftsfeste Lösung für die Abwasserbeseitigung auf der Rachlalm zu schaffen. Nach aktuellem Stand stellt sich ein Anschluss an den einige hundert Meter entfernten Abwasserkanal als die bevorzugte Variante dar“, erklärt das Landratsamt.
So steht‘s ums Trinkwasser
Ob diese Variante wegen der hohen Kosten finanzierbar ist, muss laut Sichler jedoch erst noch geklärt werden. Und wie steht es um die Trinkwasser-Qualität im Schutzgebiet unter der Rachlalm? Dazu das Landratsamt: „Ebenso wenig besteht Anlass zur Sorge hinsichtlich einer Beeinträchtigung des Trinkwassers. Zwar fließt der Torgraben vor seiner Einmündung in den Tennbodenbach durch ein Wasserschutzgebiet, jedoch ist die Entfernung zwischen Rachlalm und Schutzgebiet mit nahezu einem Kilometer ausreichend groß, um eine mikrobiologische Gefährdung auszuschließen.“
Im zweiten Teil der Geschichte zu den Vorfällen an der Rachlalm geht es um das Thema Geld und ob Besucher im kommenden Jahr eine Schließung des beliebten Ausflugsziels befürchten müssen.


