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Umstrittener Übergang der Chiemsee-Bahn

„Allheilmittel“ gegen Radl-Stürze am Unfall-Hotspot? Das sagen Prien und Betreiber zum Strail-System

Das Velo-Strail-System soll Stürze mit dem Rad durch die Schiene vermeiden.
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Das Velo-Strail-System soll Stürze mit dem Rad durch die Schiene vermeiden.

Könnte eine technische Lösung die viel diskutierte Sturz-Serie von Radlern am Übergang der Chiemsee-Bahn in Prien verhindern? Ein OVB-Leser gab den Tipp, die Gemeinde Prien und der Betreiber reagieren.

Prien – „Muss erst jemand sterben?“ fragte Mona Guthmann-Wunsam nach ihrem schweren Radl-Sturz am Übergang der Chiemsee-Bahn in der Priener-Seestraße. Der OVB-Artikel über den schon seit Jahrzehnten bekannten Unfall-Hotspot sorgte für vielfältige Reaktionen. Unter anderem meldete sich Leser Franz Gmeiner mit einem Hinweis, wie man solche Crashs künftig möglicherweise verhindern könnte: „Ein Fachmann sagte mir, dass man sehr wohl Übergänge mit einem Strail-Bahnübergangssystem sicher machen könnte. Warum kann ein solches System in Prien keine Verwendung finden?“

Mona Guthmann-Wunsam am Bahnübergang in Prien, wo sie mit ihrem Fahrrad schwer gestürzt ist.

Das bewirkt das Bahnübergangssystem VeloStrail

Damit der Zug samt seines Spurwerks ungehindert das Gleis befahren kann, muss die Spurrille neben der Schiene in Deutschland mindestens 58 mm breit sein. Ein durchschnittlicher Reifen eines City-Rades oder E-Bikes hat jedoch nur eine Breite von 47 mm. Somit kann sich ein Fahrrad sehr leicht in der Spurrille verfangen. Ähnliches gilt für Räder von Kinderwägen oder Rollstühlen. Je flacher dabei der Kreuzungswinkel ist, desto gefährlicher wird es.

Um diese Gefahr dauerhaft zu eliminieren, wurde ein weltweit einmaliges System entwickelt, das die Spurrille schließt, ohne dabei den Bahnverkehr zu beeinträchtigen. Bei VeloStrail handelt es sich um ein modulares Innenplattensystem mit Wechselteilen, das sich schnell und einfach einbauen lässt. Zwischen der Schiene und der Innenplatte wird ein Gummi-Wechselteil eingesetzt. Bei der Zugüberfahrt drückt der Spurkranz des Zugsrades das Wechselteil einfach nach unten. Anschließend kehrt das Wechselteil von selbst wieder in die Ausgangsposition zurück und schließt die Spurrille.

Quelle: mit Infos der Kraiburg Strail GmbH

Der Leserwunsch war uns gerade mit Blick auf die Unfälle der letzten Jahre im Tourismusort an dieser Stelle Befehl. Also führte die erste Recherche zur Kraiburg Strail GmbH, deren Hauptquartier in Tittmoning gerade mal gut 50 Auto-Kilometer und damit nicht einmal eine Stunde entfernt von Prien liegt. Dort ist zunächst zu erfahren, dass das sogenannte VeloStrail-System in 18 Ländern weltweit bereits in über 1200 Bahnübergängen eingebaut wurde. In Neuseeland zum Beispiel ist es beim Staatlichen Bahnunternehmen KiwiRail Standdard an von vielen Fahrrad-Fahrern benutzten Übergängen. Auch in Österreich wurde die Lösung bereits über 300 Mal eingebaut, unter anderem bei der Salzbruger Lokalbahn.

Neuseeland und Österreich vorn, Deutschland hinten

In Deutschland dagegen kommen bisher nur 155 Systeme fast ausschließlich bei Firmen oder Privatbahnen zum Einsatz, unter anderem auf dem Großteil der Bahnschienen im Hamburger Hafen. VeloStrail besitzt seit 2016 die uneingeschränkte Zulassung des Eisenbahnbundesamtes für Geschwindigkeiten bis 80 km/h, dennoch wird es auf Strecken der Deutschen Bahn bisher nicht eingebaut: Als Grund dafür gilt der Einsatz von Gleismesszügen. Sie fahren über die Strecken und liefern wichtige Daten über den Zustand der Schienen und Schwellen - bei Einsatz des Velo-Strail-System wird der Daten-Fluss wegen des Gummi-Einsatzes unterbrochen.

Aber ist das wirklich ein veritabler Grund, wenn die Gesundheit von Menschen an Bahnübergängen auf dem Spiel steht? Die Chiemsee-Bahn in Prien ist zudem eine Privatbahn, gehört also nicht zum Reich der viel kritisierten Deutschen Bahn. Dafür gibt es hier aber andere Probleme. „Dieses System ist technisch und bauartbedingt auf die „normalen“ Gleise der Deutschen Bahn abgestimmt“, schreibt Priens Bürgermeister Andreas Friedrich auf Anfrage des OVB: „Bei VeloStrail verdrängen die Spurkränze die Gummieinlage in einen „Kasten“, der in der Mitte der Schienen liegt. Dafür braucht es Platz und die Schienen, die die Chiemseebahn verwendet, sind niedriger als die „normalen“ Schienen. Insofern gibt es nicht genug „Verdrängungsraum“.

Prien: Keine Garantie, ob System funktioniert

Das führe dazu, dass sich die Gummiprofile schneller abnutzten und möglicherweise sogar aus dem Profilkasten herauskommen würden. „Eine Garantie, dass das System funktioniert, wollte damals meines Wissens keiner geben“, so Friedrich weiter. Daraus geht hervor, dass sich Gemeinde und Betreiber in der Vergangenheit schon mit dem Thema VeloStrail beschäftigt haben. Technisch ließe sich wohl auch das Problem mit den Schienen in Prien durch eine „Tieferlegung“ der Schienen auf der Straße lösen, aber die Kosten würden dadurch weiter steigen. Allein für das VeloStrail-System in der Seestraße müssten wohl 50.000 Euro plus x berappt werden.

Auch für Inline-Skater bringt die geschlossene Lücke zur Schiene Vorteile.

Scheitert eine Verbesserung der Sicherheit des ohnehin durch Warnschilder bestückten Bahnübergangs also auch am lieben Geld? Das möchte Betreiber Michael Feßler so nicht stehen lassen. „Das Thema Velostrail wird von Nichteisenbahnern leider gerne als „Allheilmittel“ für die Sicherheit an Bahnübergängen gesehen. Tatsächlich hat die Velostrail den Vorteil, dass man diesen Belag schnell entfernen, an den Schienen arbeiten und danach wieder auflegen kann ohne aufwändige Belagsarbeiten durchzuführen“, schreibt der Priener Gemeinderat an den OVB: „Das eigentlich Problem des spitzen Winkels löst man damit nicht. Insofern stellt sich auch die Frage nach den Kosten bzw. einem möglichen Einbau nicht.

Also wird es wie in den vergangenen Jahrzehnten wohl weiter Radl-Stürze in der Priener-Chiemseestraße geben. Bleibt nur die Hoffnung, dass sich die Befürchtung von Mona Guthmann-Wunsam nie erfüllt.

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